Wasserspringen:Fassungslos im guten Film

Tokio 2020 - Schwimmen

"Wir haben alle Kraft in den letzten Sprung gegeben": Lars Rüdiger (vorne) und Patrick Hausding bewiesen Nervenstärke.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Die Wasserspringer Patrick Hausding und Lars Rüdiger gewinnen Bronze vom Drei-Meter-Brett - und sprechen danach vom "verrücktesten Wettkampf ihres Lebens".

Von Saskia Aleythe, Tokio

Patrick Hausding musste sich erst einmal aufstützen, und das kann bei dem 32-Jährigen etwas heißen. Der Berliner nimmt sich selbst nicht so ernst, nun stand er in der Interviewzone des Aquatics Centre mit der Bronze-Medaille um den Hals, auf einem Bildschirm lief gerade der letzte Sprung des Wasserspringers mit Partner Lars Rüdiger in der Wiederholung. "Guck mal, was ich für einen Stiernacken habe", scherzte Hausding, dann lehnte er sich auf das Absperrgitter: "Wenn ich das sehe, wird mir ganz komisch." Dieses Finale im Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett hatte dem coolen Typen zittrige Beine beschert.

Es war ja nicht nur der Umstand, dass er bei seinen vierten Olympischen Spielen die dritte Medaille einheimsen konnte. Es war vor allem das Wie, das Hausding so sehr mit Adrenalin versorgte, dass ihm wohl eine schlaflose Nacht bevorstand. So einen verrückten Wettkampf wie am Mittwochnachmittag in Tokio hatte er noch nicht erlebt, dabei ist Hausding ein Veteran in seiner Sportart: 2008 gewann er mit Sascha Klein Silber vom Turm, 2016 in Rio Bronze allein vom Drei-Meter-Brett - und nun mit Rüdiger wieder eine gemeinsame Medaille.

Wasserspringen: Patrick Hausding (links) und Lars Rüdiger hatten 15 Punkte Rückstand auf Rang drei vor dem finalen Durchgang, das ist sehr viel. Doch dann patzten andere und die beiden Deutschen glänzten. Am Ende durften sie Bronze entgegennehmen.

Patrick Hausding (links) und Lars Rüdiger hatten 15 Punkte Rückstand auf Rang drei vor dem finalen Durchgang, das ist sehr viel. Doch dann patzten andere und die beiden Deutschen glänzten. Am Ende durften sie Bronze entgegennehmen.

(Foto: Dmitri Lovetsky/AP)

Nach dem fünften von sechs Sprüngen hatten die Deutschen noch auf dem sechsten Rang gelegen, der Wettkampf war bis dahin nicht ihr bester gewesen. "Im Training war kein Sprung schlechter als heute", sagte Hausding, und dann mussten sie in einer Disziplin überzeugen, die nicht im offiziellen Programm steht: den Glauben nicht zu verlieren. 15 Punkte fehlten vor dem finalen Durchgang auf den Bronze-Rang, das ist nicht gerade wenig, dafür musste die Konkurrenz schon patzen. Und manchmal gibt es diese Tage, an denen dann sowas passiert: Der Russe Nikita Schleicher machte beim Eintauchen einen Bauchplatscher. Das tut nicht nur weh, sondern gibt auch null Punkte. Die Mexikaner wurden für eine schlampige Ausführung mit Abzügen bestraft, Japans Duo konnte durch einen zu einfach gewählten Sprung nicht entscheidend punkten. Die Medaille kam den Deutschen plötzlich mit großen Schritten entgegengestürmt.

Der 25-jährige Rüdiger hätte seinen Sport als Teenager fast aufgegeben, mit 17 Jahren flog er aus dem Kader. Er hatte sich verletzt und die erforderlichen Normen nicht mehr erreicht. Ein Freund überredete ihn zum Weitermachen. "Wir haben noch Kontakt, er weiß, dass ich ihm viel zu verdanken habe", sagte Rüdiger, der nun acht Jahre später mit Bronze seine Olympia-Premiere feiern konnte. Die finalen Sprünge der anderen haben die beiden Deutschen gar nicht mitbekommen, weil sie sich in der Aufwärmhalle auf ihr Finale vorbereiteten. Nur Trainer Christoph Bohm beobachtete den Verlauf des Wettbewerbs und war für Hausding und Rüdiger in Sichtweite. Und - ja gut - er hat dann halt bei manchem Strauchler applaudiert. "Das klingt jetzt ein bisschen hart", sagte Hausding, aber damit kam auch der Glauben zurück, noch etwas umbiegen zu können. "Wie er geredet hat, wie er uns angeguckt hat, da haben wir gemerkt: Da geht noch was."

Es gab Zeiten, da hat Hausding Medikamente "wie Gummibärchen" gegessen

Ein viereinhalbfacher Vorwärtssalto war ihr Sprung ins Glück, es war ihr bester Sprung des Tages. "Wir haben alle Kraft in den letzten Sprung gegeben", sagte Hausding, "ich wusste auch danach nicht, ob es reichen wird." Die Chinesen Wang Zongyuan/Xie Siyi hatten den Sieg sicher, die US-Amerikaner Andrew Capobianco/Mike Hixon Silber. Auf dem Beckenrand sitzend wartete Hausding auf die Wertung der Punktrichter, dann tauchte die "3" auf - und die Momente begannen, in denen sie erst ein bisschen ausflippten und dann mit der Fassung rangen. "Es ist so viel zusammengekommen im letzten halben Jahr, das ist gar nicht realistisch", sagte Hausding und meinte damit die Ereignisse, die auch einen gestandenen Athleten wie ihn noch bewegen können.

Dass er zum Fahnenträger gewählt worden war gemeinsam mit Beachvolleyballerin Laura Ludwig, hatte sich für ihn schon wie ein Ritterschlag angefühlt. "Ich kann Medaillen gewinnen, so viel ich will, aber ein Fahnenträger kann man nur einmal werden", sagte Hausding. Im Mai wurde er Europameister mit Rüdiger vom Drei-Meter-Brett, "das hatte ich so auch noch nicht", er hat da tatsächlich noch den Überblick: 32 EM-Medaillen sind in Hausdings Besitz, Erfolge im Turmspringen aus zehn Metern Höhe oder vom Brett, alleine, im Duo. Die Schmerzen, die er dafür in Kauf genommen hat, waren oft nur mit Medikamenten zu betäuben. Es gab Zeiten, da hat er sie "wie Gummibärchen" gegessen. Bei einer misslungenen Landung vom Turm ist ihm mal die Bauchdecke aufgeplatzt. Es ist ein harter Sport.

Auch diese Entbehrungen stecken in den Momenten, wenn sich die ganze Anspannung entlädt. "Wenn die Zahl aufleuchtet, welche Platzierung man hat", berichtete Hausding in Tokio, "das war wie in einem ziemlich guten Film."

© SZ/klef
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