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Wasserspringen:Fallende Felsen

Rio 2016 - Schwimmen Wasserspringen

15 000 Mal pro Jahr kopfüber ins Becken: Patrick Hausding.

(Foto: Patrick B. Kraemer/dpa)

Patrick Hausding ist mit Schmerzen in der Schulter zu den Olympischen Spielen nach Rio gereist - und zwar keinen kleinen. Umso größer ist jetzt seine eigene Verblüffung über die Bronzemedaille vom Dreimeterbrett.

Patrick Hausding hatte sich Gedanken gemacht. Was wohl der schwierigste Wettbewerb für ihn werden würde bei diesen Olympischen Spielen? Definitiv der vom Dreimeterbrett, der Berliner Wasserspringer ist mit Schmerzen in der Schulter nach Rio gereist, und zwar keinen kleinen. Tasse hochheben, T-Shirt anziehen, das waren schon Qualen für ihn. Und bei dem Springen vom Dreimeterbrett, wo er sich vorwärts in den Sprung drehen muss, "ist es sehr schmerzhaft und schwierig". Am Dienstagabend schnappte sich Hausding dann seine erste Olympia-Medaille im Einzel. Vom Dreimeterbrett.

"So wenig, wie ich trainieren konnte die letzten Monate, war das mehr, als ich erwarten konnte", sagte der 27-Jährige danach, "das ist einfach geil." Seine Medaille kam ihm unwirklich vor. Immer wieder schüttelte er ungläubig den Kopf, so als wäre er irgendwie zufällig dazu gekommen, "so richtig glauben kann ich es nicht". Zufällig war das alles freilich nicht, sein dritter Platz mit 498,90 Punkten hinter Sieger Cao Yuan aus China (547,60) und Silber-Gewinner Jack Laugher (523,85) aus Großbritannien ist das Ergebnis vieler Bemühungen. Und auch ziemlich historisch: Seit 1912 hatte kein Deutscher mehr eine Olympia-Medaille vom Dreimeterbrett geholt. "Damals war das Brett noch aus Holz", sagte Hausding, der sich zuvor als Zehnter ins Finale gezittert hatte. Im Synchronspringen vom Turm hat er 2008 in Peking Silber gewonnen, in Rio musste er mit Rang vier leben. Auch im Synchronspringen vom Dreimeterbrett wurde es der vierte Platz. "Es war an der Zeit, jetzt mal Bronze abzusahnen", sagte er nun.

Es gab Zeiten, da naschte er Ibuprofen wie Gummibärchen

Patrick Hausding weiß längst, dass sein Körper kaputt ist. "Ich mache im Jahr 15 000 Sprünge kopfüber ins Wasser, vom Turm tauche ich mit 60 Stundenkilometern ein. In einem Training habe ich mich mal 475 Mal um die eigene Achse gedreht. Das ist nicht immer gesund", sagt er. Sich für seinen Sport zu quälen, ist bei ihm mehr, als über Belastungsgrenzen zu gehen. Es gebe Zeiten, da würde er Ibuprofen wie Gummibärchen naschen, sagte er mal, und kurz vor Olympia kam zu der Schleimbeutelentzündung in der Schulter auch noch ein geschwollenes Knie dazu. Auf ein MRT verzichtete er, "ich kann jetzt ohnehin keine OP machen lassen".

Er merke, dass einiges fehlt, sagte er nach seinem Erfolg. "Das nagt psychisch an einem", gab er zu, "aber am Ende kommt es auf den Moment an, und da hat es einfach gepasst." Und es passte vor allem wegen der richtigen Strategie. "Wir haben uns entschieden, nicht die schwerste Serie zu springen", erklärte der Cheftrainer Lutz Buschkow. Hausding sollte stattdessen etwas einfachere Sprünge zeigen, die aber mit hoher Qualität. "Die Entscheidung für Sicherheit wurde heute belohnt", sagte Buschkow.

Der erste Sprung ist nicht die Stärke von Patrick Hausding, und so spritzte es auch zu Beginn im Finale. "Ich habe kacke angefangen", sagte er, nach seinem Zweieinhalb-Rückwärtssalto war er Zehnter. "Dann hat er gezeigt, dass er sich von Sprung zu Sprung herankämpfen kann", sagte Buschkow stolz. Und ja, Hausding wurde immer stärker: Für einen viereinhalbfachen Vorwärtssalto bekam er 98,8 Punkte, nicht mal der Olympiasieger hatte einen besseren Sprung gezeigt.

Den ganzen Wettkampf über hatte er sich abgeschottet von der Ergebnisliste, der Plan "verschwinden, Musik auf die Ohren, nicht zuhören, was draußen passiert", ist dann voll aufgegangen. "Von uns fallen Felsen ab", meinte Buschkow im Hinblick auf die Bilanz des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), Hausdings Medaille war die erste des DSV gewesen bei Olympia. Er selber werde jetzt seinen Körper "wieder in die richtige Bahn lenken", sagte Hausding. "Ich mache erst mal ein bisschen Urlaub, dann ein bisschen Reha, und dann mal sehen, wo es mich hinführt." Weiterspringen will er auf jeden Fall noch, Schmerzen hin oder her.

© SZ vom 18.08.2016
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