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Zum Tod von Walther Tröger:Ein Leben im Dienst des Sports

29 01 2018 DOSB Neujahrsempfang des Deutschen Olympischen Sportbundes im Frankfurter Römer Kaisers

Bis zuletzt ein aufmerksamer Verfolger des sportpolitischen Geschehens: Walther Tröger beim (hier beim DOSB-Neujahrsempfang 2018).

(Foto: imago/Hartenfelser)

Walther Tröger erlebte als deutscher Spitzenfunktionär 27 Olympische Spiele - zur Figur der Zeitgeschichte wurde er 1972 in München. Nun ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

Von Johannes Knuth

Nicht viele Sportfunktionäre bekleiden tragende Rollen in preisgekrönten Filmen, Walther Tröger hat es geschafft, wenn auch unfreiwillig: in der mit einem Oscar prämierten Dokumentation "Ein Tag im September", die das Attentat bei den Spielen 1972 in München beleuchtet. Tröger war damals Bürgermeister des olympischen Dorfes, palästinensische Terroristen hatten dort die israelische Mannschaft überfallen und am Morgen des 5. September bereits zwei Athleten getötet. "The Olympic Games are reduced to utter silence", hört man den amerikanischen Nachrichtensprecher in dem Film sagen, während die Welt live verfolgt, wie Innenminister Genscher, der Münchner Polizeipräsident Schreiber und Tröger versuchen, die Katastrophe aufzuhalten. Als die Terroristen es ablehnen, dass der Polizeipräsident mit den israelischen Geiseln sprechen kann, erklärt sich Tröger bereit, diese monumentale Aufgabe zu schultern: Worte finden, während alles um ihn herum in Stille erstarrt.

Mehr als die Hälfte von Trögers Leben stand im Zeichen der Ringe. Von 1989 bis 2009 war er Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), seit 1961 Generalsekretär des deutschen NOK, von 1992 bis 2002 dessen Präsident, ehe das NOK vier Jahre später mit dem Deutschen Sportbund verschmolz, zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Tröger, sagte dessen Präsident Alfons Hörmann jetzt, habe "sein gesamtes Leben in den Dienst des Sports und der olympischen Bewegung gestellt und die Werte des Sports dabei stets aktiv gelebt". Er erlebte 27 Olympische Spiele, war acht Mal Delegationsleiter, die prägendsten waren natürlich jene in München 1972. Da wurde er selbst zur Figur der Zeitgeschichte.

Tröger hat oft erzählt, wie er mit den Geiselnehmern um Ultimaten rang, mal verständnisvoll, mal flehend, immer getragen von der fast naiven Hoffnung, etwas Unabwendbares aufzuhalten. Bei dem Befreiungsversuch am Flughafen Fürstenfeldbruck kamen später sechs Geiselnehmer und neun Athleten ums Leben, der Druck war groß, die Spiele abzubrechen, aber IOC-Chef Avery Brundage und auch Tröger stemmten sich eisern dagegen. Eine Entscheidung, die er nie bereute, wie Tröger der SZ vor ein paar Jahren erzählte. Damals seien Freunde aus Israel "im Namen der Mannschaft zu mir gekommen, die haben gesagt: 'Bitte versuche alle davon zu überzeugen, dass die Spiele weitergehen müssen.'" Bloß nicht den Terroristen nachgeben, auch in der schlimmsten Stunde nicht.

Tröger war stets das Gegenteil von Thomas Bach: Polarisierend, meist mit offenem Visier kämpfend

Ein Leben im Dienste des Sports und seinen Werten, das klingt erst mal verstaubt und auch ein wenig falsch in dieser kühlen Kommerzbranche. Aber Tröger, einem ehemaligen Basketballer, geboren im bayerischen Wunsiedel, nahm man das ab. Die Athleten und der Sport sollten im Mittelpunkt stehen, fand er, sie sollten nicht als Sprungschanze dienen für eigene Ambitionen, wie Tröger es im Olymp oft erlebte. Als Tröger 2002 als NOK-Chef abgewählt wurde, was de facto seiner Entmachtung gleichkam, poltere er, der Coup sei "von langer Hand vorbereitet" gewesen - und zwar allein von Thomas Bach, "der seit zehn Jahren gegen mich kämpft". Bald prophezeite Tröger, dass sich der aufstrebende Funktionär aus Tauberbischofsheim bloß auf der Überholspur befinde: via Chefposten des bald neu geschaffenen DOSB Richtung IOC-Thron. Er behielt recht.

Tröger war stets das Gegenteil von Bach, der sich im System hochdiente und es bis heute wie kein Zweiter verkörpert. Statt im Hinterzimmer zu fintieren, polarisierte Tröger auf der Vorderbühne. Er kritisierte Kommerzialisierung und Gigantismus in der olympischen Bewegung, er polterte aber auch gegen Sportler, die sich bei den China-Spielen 2008 gegen die Tibet-Politik der Gastgeber positionieren wollten. Er verfolgte das sportpolitische Geschehen bis zuletzt; er fand auch dabei stets viele Worte, kritisierte etwa den wachsweichen Bann des IOC gegen das russische Staatsdoping; die Spiele 2020 in Tokio wollte er unbedingt noch erleben, vor Ort, selbstverständlich. Er hätte es vielleicht geschafft, hätte die Pandemie die Austragung nicht in diesen Sommer geweht.

Am vergangenen Mittwoch ist Walther Tröger im Alter von 91 Jahren gestorben.

© SZ/klef
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