Aufklärung im Jugendfußball:"Ich will, dass die Jugendlichen wissen, was damals passiert ist"

Lesezeit: 4 min

Aufklärung im Jugendfußball: Die Holocaust-Überlebende Eva Szepesi und Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König überreichen der U17 vom FC Chelsea den Pokal für den Gewinn des Bensemann-Turniers.

Die Holocaust-Überlebende Eva Szepesi und Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König überreichen der U17 vom FC Chelsea den Pokal für den Gewinn des Bensemann-Turniers.

(Foto: Thorsten Ochs/Ochsenfoto/OH)

Beim Walther-Bensemann-Turnier spielen Nachwuchsfußballer aus aller Welt gegeneinander. Gespräche mit Holocaust-Überlebenden sollen für Antisemitismus sensibilisieren.

Von Karoline Kipper, Nürnberg

"Ich bin der Gutaussehende", erklärt ein älterer Herr und deutet auf ein 74 Jahre altes Mannschaftsfoto. Wer Ernst Grube das erste Mal ansieht, dem wird sein schneeweißer Schnurrbart auffallen, der sich jetzt, ob seines eigenen Scherzes, zu einem Lächeln nach oben zieht. Vor ihm sitzt eine Gruppe laut lachender Jugendlicher im Halbkreis. Die Nachwuchsspieler vom FC Bayern München und von Eintracht Frankfurt hängen tief in den Stühlen, eigentlich sind sie hier in Nürnberg, um ein U17-Fußballturnier zu spielen. Dass sie an diesem Morgen mit Holocaust-Überlebenden zusammenkommen, ist diesmal neu. Dass sie bei diesen Gesprächen etwas zu lachen haben, damit hat niemand gerechnet. Aber genau das war der Gedanke hinter dem Walther-Bensemann-Turnier.

Der jüdisch-deutsche Walther Bensemann hat Ende des 19. Jahrhunderts den Fußball nach Süddeutschland gebracht. Durch die Förderung des "english sport" hat er sich gegen nationalkonservative Turner und das chauvinistische Kaiserreich aufgelehnt. Und Fußball war für ihn mehr als ein Sport: Bensemann hat sich sein Leben lang für friedliche Völkerverständigung eingesetzt.

Das nach ihm benannte Fußballturnier gibt es seit 1937 - und dieses Jahr das erste Mal mit Workshops. Laut Veranstalter soll das Turnier in der Form nun alle zwei Jahre stattfinden. In diesem Sommer trafen vier deutsche Jugendmannschaften - 1. FC Nürnberg, Bayern München, Karlsruher SC und Eintracht Frankfurt - sowie vier internationale - Maccabi Tel Aviv, Chelsea FC, Bologna FC und KS Cracovia - in Nürnberg zusammen. Nachmittags wurde Fußball gespielt, morgens früh mit Holocaust-Überlebenden gesprochen.

Es ist Freitag, der erste Turniertag, als Ernst Grube im Seminarraum seine Armbanduhr in den Händen dreht und von seinem Leben erzählt. Von der Brutalität des Nationalsozialismus und davon, wie er als Sohn einer jüdischen Mutter von Anfang an nicht dazugehört hat, wie er als Kind Zwangsarbeit leisten musste und wie er 1945 aus dem Ghetto Theresienstadt befreit wurde. Danach fing er an Fußball zu spielen, beim TSV 1860 und bei Helios München: "So habe ich überhaupt Kontakt zu Jugendlichen in meinem Alter bekommen."

Die Jugendlichen hier hören Grube aufmerksam zu. Aber es fällt ihnen schwer, all das Erzählte zu begreifen: "Was wäre passiert, wenn man die Arbeit im Lager nicht gemacht hätte?", fragt einer von ihnen. "Es gab keine Möglichkeit, sich dagegen zu stellen", antwortet Grube. Die Deportation, die Angst, das könne sich keiner vorstellen.

Aufklärung im Jugendfußball: Auch Shaul Paul Ladany sprach mit den jugendlichen Fußballerin in Nürnberg. Er ist ist ein israelischer Ingenieur und Leichtathlet und hat nicht nur den Holocaust sondern 1972 auch die Geiselnahme von München überlebt.

Auch Shaul Paul Ladany sprach mit den jugendlichen Fußballerin in Nürnberg. Er ist ist ein israelischer Ingenieur und Leichtathlet und hat nicht nur den Holocaust sondern 1972 auch die Geiselnahme von München überlebt.

(Foto: Michael Probst/AP)

Ein paar Stunden später geht der fünfzehnjährige Tim Binder vom FC Bayern München über einen Kunstrasenplatz auf dem Turniergelände. Sein Leben dreht sich um Sport, bald wird sich entscheiden, ob es für ihn zum Profi reicht oder nicht. Er ist hier, um Fußball zu spielen. Aber das Gespräch mit Ernst Grube fand er spannend: "Direkt der Anfang ist mir hängengeblieben, dass ihm Fußball aus der schlechten Situation rausgeholfen hat." Jemand wie Ernst Grube sei lebende Geschichte, findet Tim: "Ich kann mir das gar nicht vorstellen, wie die Nazis jüdische Kinder aus den Schulen geholt haben. Das ist schwer zu begreifen und ziemlich weit weg von dem, wie wir heute leben."

Genau deswegen reist die 89-jährige Eva Szepesi als Zeitzeugin durch ganz Deutschland, bei Tim Binder in der Schule war sie auch schon einmal. Hier in Nürnberg spricht sie als eine von sechs Holocaust-Überlebenden mit den Jugendfußballern. Sie sagt: "Ich will, dass die Jugendlichen wissen, was damals passiert ist. Wenn sie hören, dass jemand Auschwitz leugnet - dass sie von einer Überlebenden gehört haben, wie es wirklich dort war, was alles Schlimmes passiert ist, und dass unschuldige Menschen umgebracht wurden. So wie meine Eltern und mein Bruder."

Eva Szepesi hat als Kind Auschwitz überlebt, "A26877" ist auf ihren Unterarm tätowiert, die Häftlingsnummer. Obwohl sie ihre Geschichte schon oft erzählt hat, die Gespräche machen ihr immer noch etwas aus: "Ich versuche, es von mir wegzuschieben, als ob das nicht ich wäre." Szepesi ist eine elegante Dame, sie trägt eine weiße Jeans mit einer passend gestreiften Bluse. Sport ist auch für sie von großer Bedeutung: "Ich habe viel getanzt - israelische Tänze. Das hat mir Freude bereitet", sagt Szepesi lächelnd.

Antisemitismus in Deutschland - keine Vergangenheit, sondern Gegenwart

Mit festem Blick und funkelnden blauen Augen erklärt Eva Szepesi, was sie erreichen will: "Wenn die Jugendlichen Ungerechtigkeit bemerken, dass sie dem entgegentreten, dass sie aufmerksam sind und nicht alles glauben, was man ihnen erzählt, sondern selbst nachdenken. Sie sind überhaupt nicht schuld daran, was damals passiert ist. Aber sie sind schuld an dem, was in Zukunft passieren könnte."

Antisemitismus in Deutschland ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart. Jüdische Kindergärten und Schulen müssen von der Polizei mit Maschinengewehren bewacht werden. Der jüdisch-deutsche Fußballverein TuS Makkabi Berlin wurde in der Vergangenheit immer wieder rassistisch motiviert angegriffen.

Beim Walther-Bensemann-Turnier sollen die Jugendlichen durch Workshops und Begegnungen sensibilisiert werden, Antisemitismus und Rassismus zu erkennen. "Shalom!", begrüßen sich die Zuschauer am Spielfeldrand vor dem Auftaktspiel und umarmen sich. Maccabi Tel Aviv gegen Bayern München heißt die Partie. Tim Binder spielt im Sturm. Obwohl er einer der Kleinsten ist, ist er sehr präsent auf dem Platz.

Fußball bedeutet ihm viel: "Der Sport, der hilft mir viel bei sozialen Situationen. Der Zusammenhalt generell. Da merkt man noch mal, es spielt keine Rolle, ob jemand eine andere Hautfarbe oder Religion hat. Der Sport stärkt schon die Persönlichkeit." Das würden wohl auch Ernst Grube und Eva Szepesi so bestätigen. Letztere überreichte am Sonntag, dem finalen Turniertag, den Spielern vom FC Chelsea den Pokal für den Turniersieg.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusRassismus im Fußball
:Es steckt im System

Der Trainer ist weiß, der Klubverantwortliche auch, aber der Außenbahnspieler nicht? Rassismus-Debatten konzentrieren sich oft auf Skandale. Dass Rufe wie in Duisburg geahndet werden, ist ein Zeichen - doch die wahren Probleme liegen tiefer.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB