Waldhof Mannheim "Sieg - oder Spielabbruch!"

Trauer im Rauch: Michael Schultz von Waldhof Mannheim.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Die Randale beim Relegationsspiel von Waldhof Mannheim war vorhersehbar. Ultras schleppten Feuerwerkskörper unbehelligt auf die Tribüne.
  • Die Zukunft des Klubs ist unsicher - es drohen harte Strafen vom Deutschen Fußball-Bund.
  • Im kommenden Jahr hat die Regionalliga Südwest einen festen Aufstiegsplatz.
Von Michael Wilkening, Mannheim

Die Randale war befürchtet worden - und sie war abzusehen. Es waren noch gut 20 Minuten zu spielen, als die Ultra-Fahne am Fanblock des SV Waldhof eingerollt wurde - die eigenen Habseligkeiten mussten in Sicherheit gebracht werden, ehe das Chaos losbrach. Schon vor dem Anpfiff des Drittliga-Aufstiegsspiels zwischen Waldhof und dem KFC Uerdingen war in Internetforen von Personen, die sich als leidenschaftliche Fans des Traditionsvereins aus dem Mannheimer Norden preisen, anonym angekündigt worden: "Sieg oder Spielabbruch!"

Ein Spruch, häufig verwendet in rechtsextremen Kreisen, und er blieb keine leere Drohung: Weil die Waldhöfer zehn Minuten vor Abpfiff nach dem 0:1 im Hinspiel auch zu Hause 1:2 und damit aussichtslos zurücklagen, sorgten etwa 25 Vermummte mit dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern, bengalischen Feuern und Böllern für das vorzeitige Spielende.

Sogar Trainer Bernhard Trares wird vor der Fankurve attackiert

Der Sprung von einer der fünf Regionalligen in die dritte Liga ist das Nadelöhr im deutschen Fußball, die Aufstiegs-Playoffs lassen bei den Beteiligten maximale Emotionen ausbrechen. Die Mannheimer kennen diese Ausnahmesituation wie niemand sonst, sie durchlebten die Aufstiegsspiele zum dritten Mal nacheinander. 2016 scheiterte der frühere Bundesligist an Lotte, im Vorjahr am Meppen - und jetzt waren die Uerdinger, 1983 einst gemeinsam mit Mannheim in die Bundesliga aufgestiegen, zu stark. Für ein paar dutzend "Fans" gab das abermalige Scheitern den Startschuss für die eigene Inszenierung.

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"Ich verstehe die Enttäuschung der Leute, wir hätten ihnen den Aufstieg gerne geschenkt, aber man muss auch verlieren können", sagte Bernhard Trares. Der ehemalige Profi ist seit Jahresbeginn Waldhof-Trainer und erlebte nun, wie sinnlos der Versuch einer Kommunikation mit den Chaoten ist. Trares wollte die Gemüter beruhigen, nahm ein Mikrofon und ging vor die Fankurve. Doch seine Worte verhallten, selbst der eigene Trainer wurde mit Feuerwerkskörpern beschossen.

Teile der Ultras waren offensichtlich für die Provokationen verantwortlich, aber die Tatsache, dass sie am Vorabend des Spiels ein Grillfest am Stadion veranstaltet hatten, war nicht ausschlaggebend dafür, dass eine so große Menge an Material ins Stadion gelangte. Unmittelbar vor dem Beginn des "Feuerwerks" schleppten einige Vermummte Raketen, Böller und Pyrotechnik vom Container der Ultras unterhalb der Fantribüne unbehelligt ins Stadion. Die Ordner der von den Fans selbst verwalteten Kurve griffen nicht ein. Schuldzuweisungen wollte Achim Schröder, Vorsitzender des Mannheimer Fan-Dachverbandes "Pro Waldhof", nicht voreilig vornehmen, aber er machte deutlich: "Ich sehe viele in der Verantwortung, auch uns. Für den Verein ist das eine Katastrophe."

45 Verletzte vermeldete die Polizei nach der Randale, die es im und am Stadion gegeben hatte. Mannheims Oberbürgermeister distanzierte sich von den Geschehnissen, DFB- Vertreter verurteilten die Vorfälle - und es ist zu vermuten, dass die Ausschreitungen einen noch deutlich größeren Schaden hinterlassen als die schlimmen Bilder vom Sonntag. Möglich scheint neben einer Geldstrafe und einem Zuschauerausschluss bei Heimspielen sogar ein Punktabzug für die neue Saison, weil die Mannheimer wegen kleinerer Vorfälle in der Vergangenheit als Wiederholungstäter gelten. Die Rückkehr in die dritte Liga könnte sich also noch weiter verzögern.

Seit dem Lizenzverlust 2003 dümpeln die Waldhöfer in den Niederungen der vierten und fünften Liga umher. Für den Traditionsverein ist das aktuelle Ende der Aufstiegsträumereien viel schlimmer als eine weitere Saison in der gefühlten Bedeutungslosigkeit der Regionalliga. Der Klub hat seit Jahren einen schlechten Ruf in der Stadt, für den nicht in erster Linie die Anhänger, sondern wechselnde Führungsriegen verantwortlich waren, die in Teilen dilettantisch handelten und den Klub manchmal gar am Rande der Legalität führten.

Die Liebe der Mannheimer zum Arbeiterklub ist dennoch weiter vorhanden, die 24.500 Karten für das Aufstiegsspiel waren flugs vergriffen. Doch die Unterstützung der Menschen reicht nicht, um erfolgreich zu sein. Sponsorengespräche könnten seit Sonntag ebenfalls schwieriger geworden sein. Dabei unterstützt seit zwei Jahren der Unternehmer Bernd Beetz den Klub. Er stellte die Liquidität für eine Ausgliederung der Profi-Mannschaft zur Verfügung und stopft die Löcher im Budget. "Ich muss das erst mal sacken lassen", sagte Beetz nach den Eindrücken des Spielabbruchs, aber es ist unwahrscheinlich, dass der gebürtige Mannheimer den Klub hängen lässt, seine emotionale Bindung zum Klub ist groß. Das Hinspiel in Duisburg gegen Uerdingen hatte er mit einem Waldhof-Hut im Fanblock angeschaut.

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