Die Rudelbildung nach dem 1:3-Anschlusstreffer des SV Wacker Burghausen gegen die SpVgg Unterhaching endet mit einer roten Karte und dreimal Gelb (84.) – es ist ein Spitzenspiel der Fußball-Regionalliga Bayern, in dem es um viel geht. Da wirkt es zumindest etwas deeskalierend, wenn die beiden Trainer an der Seitenlinie nicht auch noch verfeindet, sondern sogar verwandt sind. Zudem sind sie sowieso ziemlich ruhige Typen, und sie zehren in solchen Situationen von ihrer langjährigen Erfahrung. Deshalb sagt Burghausens Coach Lars Bender später auch, dass er „so Sachen nicht sehen“ möchte. Und meint das, was sein Spieler Artur Andreichyk gerade getan hat: Er rempelte seinen Gegner an und verpasste ihm dann eine leichte Kopfnuss.
4871 Zuschauer sind gekommen zu diesem Spiel, und das sicherlich auch wegen des kuriosen Bruderduells zwischen Lars Bender und Sven Bender, der die SpVgg Unterhaching coacht. „Ehrlicherweise war es mir schon wieder ein bisschen zu viel“, meint Sven nach dem Spiel über den Hype. Und Lars sagt: „Wir mögen’s eigentlich auch ganz gern ganz ruhig.“
Vor dem Spiel ein kurzes Abklatschen, nach dem Schlusspfiff ebenso, sie beachteten einander am Freitag im Stadion eher weniger als mehr. In manchen Szenen standen sie tatsächlich 20 Meter voneinander entfernt auf der Tartanbahn und beobachteten das Spiel mit derselben Körperhaltung, es sah nur deswegen nicht aus wie eine achsensymmetrische Projektion, weil Sven eine Baseballmütze trug und Lars nicht. Fußballerisch hat Sven derzeit auch den Hut auf: Unterhaching gewann hochverdient 3:1. „Sie haben schon mehr solche Spiele mit diesem Charakter durchlebt“, findet Lars – er selbst hat die Erfahrung aus 256 Bundesliga- und 30 Champions-League-Partien.
Die 36-jährigen Zwillinge haben viel gemeinsam durchlebt: Bei 1860 München bekannt geworden, wurden beide 2011 Nationalspieler, gleichzeitig beendeten sie ihre Profi-Karriere 2017, um noch gemeinsam beim Heimatverein TSV Brannenburg zu spielen. Auch in den Trainerkarrieren gibt es Parallelen und Überschneidungen, zunächst kamen sie als Juniorentrainer zusammen nach Unterhaching. Präsident Manfred Schwabl entschied sich für Sven als Cheftrainer und zahlte für ihn in der dritten Liga auch Strafgebühren, wegen der fehlenden Lizenz. Am Freitag vor dem Spiel merkte Schwabl an, auch Lars „wollte relativ schnell in den Erwachsenenbereich“, und in der Region gebe es nicht so viele gute Vereine, bei denen sich die beiden ohne eine Profi-Lizenz austoben können.
Am Dienstag in einer Woche treffen sie schon wieder aufeinander, dann in Unterhaching, im Toto-Pokal-Viertelfinale
Schwabl glaubt auch, dass Familie und Bodenständigkeit dazu beigetragen haben, dass beide jetzt in der bayerischen Regionalliga lernen. Und übrigens am Dienstag in einer Woche schon wieder voneinander, dann in Unterhaching, zum Toto-Pokal-Viertelfinale. In der laufenden Saison geht es auch darum, wer den nächsten Schritt nach vorne zuerst machen darf, sie sind auch Konkurrenten um den Aufstieg. Denn für die höchste Trainerlizenz müssen selbst die Benders mit ihren sehr guten Beziehungen zum DFB – sie waren dort beide schon als Co-Trainer im Jugendbereich aktiv – erst noch Erfahrungspunkte sammeln, um sich anmelden zu können. Deutlich schneller geht es für denjenigen, der in die dritte Liga aufsteigt, denn der wird laut Statuten sofort in den Lehrgang aufgenommen.

Doch die Benders geben sich gelassen, sie sind ja auch noch früh dran. „Immer Schritt für Schritt, du musst nicht immer drei überspringen, Hauptsache es geht in die richtige Richtung“, sagt Lars; er findet, er könne in der Regionalliga „noch eine Menge lernen“. Um bestimmte spielerische Ziele mit der Mannschaft zu erreichen, „braucht es viel mehr Zeit, als man sich manchmal wünscht, und wenn du das Gefühl hast, jetzt hat sich was gefestigt, fällt es nach zwei, drei Wochen wieder hinten runter. Da wird’s noch dauern, wir kratzen immer noch ein bisschen an der Oberfläche.“
Ob er vielleicht eines Tages wieder neben seinem Bruder an der Seitenlinie steht, aber in der Bundesliga? Lars Bender sagt, er habe sich darüber noch nicht viele Gedanken gemacht. Dass sie aber so viel gemeinsam erlebt haben, hat ihn offenkundig konditioniert. Denn dann sagt er: „Vielleicht würde eine Zusammenarbeit irgendwann ja auch bereichern.“ Wenn aus einem Zwillings-Duo im Spitzenfußball auch ein Trainer-Duo wird, wären die beiden endgültig einmalig.

