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Vor der Leichtathletik-WM in Berlin:Ende eines Traumes

Je näher die WM rückt, desto schmerzhafter die Absagen: Die der Läuferin Irina Mikitenko kostet die Gastgeber eine Medaillenchance.

Thomas Hahn

Zu den Aufgaben seines Amtes gehört es nun also auch, noch einmal die Geschichte dieser Absage zu erzählen, und Detlef Uhlemann, Disziplintrainer im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) für den Langstreckenlauf, verrichtet sie mit Geduld und Diskretion.

Marathon-Rekordlerin Irina Mikitenko

(Foto: Foto: dpa)

Alexander Mikitenko habe ihn am Samstag aus St. Moritz angerufen und darüber informiert, dass seine Frau Irina, die zweimalige Gewinnerin des London-Marathons, deutsche Rekordlerin über 42,195 Kilometer mit 2:19:19 Stunden und Weltjahresbeste (2:22:11), ihren Start bei der WM in Berlin absagen müsse.

Sie habe im Engadin vergeblich versucht, nach dem Tod ihres Vaters zu einer geregelten Trainingsarbeit zurückzufinden. Sie könne gerade keine Medaillen-Hoffnung für den DLV sein. Danach hat Uhlemann gleich weitertelefoniert. Seine Vorgesetzten informiert, die anderen Läuferinnen des Marathonteams und vor allem Ulrike Maisch vom 1. LAV Rostock, die Ersatzfrau.

Die Reaktion? "Wir waren alle geschockt. Irgendwie träumen wir ja alle ein bisschen. Wann hat man schon mal die aktuelle Nummer eins der Welt?" Irina Mikitenko, 36, hätte bei der WM Chancen auf Gold gehabt.

Je näher das Großereignis rückt, desto schmerzhafter werden die Absagen, und gerade an diesem letzten Wochenende vor der WM-Eröffnung am Samstag häuften sie sich. Julia Petschonkina, Weltrekordlerin über 400 Meter Hürden (52,34 Sekunden), muss wegen einer Nebenhöhlenentzündung passen.

Brasiliens Verband strich Evelyn Santos, Mitglied der 4x100-Meter-Staffel, wegen Verdachts auf Blutdoping aus seinem WM-Kader, was die Zahl wegen Dopings suspendierter Athleten aus Brasiliens WM-Team auf sieben erhöhte. Beim Meeting am Samstag in Cottbus wiederum kam der Wattenscheider 400-Meter-Hürdenläufer Thomas Goller nur wenige Meter weit; später stornierte er seinen WM-Start wegen eines Muskelfaserrisses. Und dann war da eben Irina Mikitenko.

Über die Umstände ihrer Absage ist wenig bekannt. Der jüngste Eintrag auf Mikitenkos Homepage stammt vom 23. Juni ("Spaß am Laufen in St. Moritz"), Irina Mikitenko hat jetzt andere Sorgen, als die Öffentlichkeit mit Informationen zu versorgen. Detlef Uhlemann hätte ein bisschen mehr erzählen können, aber das wollte er nicht so gerne nach dem familiären Schicksalsschlag. Wegen der Privatsphäre der Mikitenkos.

Nur so viel sagte er: "An einer schweren Krankheit" sei der Vater gestorben: "Das nimmt eine Tochter über mehrere Wochen sehr mit." Zumal ihr Verhältnis zum Vater eng gewesen sein muss; die ganze Familie lebt in der hessischen Gemeinde Freigericht. Als der Vater vor zwei Wochen starb, lebte zunächst die Hoffnung, Irina Mikitenko könne wieder zurückfinden in ihren gewohnten Läuferinnen-Alltag. "Das ist nicht gelungen", sagt Uhlemann. In St.Moritz muss sie gespürt haben, dass sie zu viel von ihrer Form verloren hatte.

DLV-Sportdirektor Jürgen Mallow machte die Nachricht am Samstag in Cottbus öffentlich. "Das ist ein harter Schlag für uns", sagte er. Irina Mikitenko war doch so etwas wie der Läuferstolz des DLV. Schon Olympia in Peking hatte sie wegen Rückenbeschwerden verpasst, ehe sie wenige Wochen darauf beim Berlin-Marathon zum deutschen Rekord stürmte.

Und wenn man dann später mit DLV-Verantwortlichen über die Ein-Medaillen-Bilanz der deutschen Leichtathleten bei Olympia sprach, fehlte selten der Hinweis darauf, dass mit einer gesunden Mikitenko alles viel freundlicher hätte aussehen können. Irina Mikitenko selbst arbeitete sehr konzentriert auf ihren WM-Einsatz hin. Nach ihrem Sieg in London im April war sie bei keinem Wettkampf mehr zu sehen, was ganz gegen ihre Gewohnheit war. Uhlemann sagt: "Sie hatte riesige Ziele."

Ulrike Maisch kann keine riesigen Ziele haben. 2006 wurde sie überraschend Europameisterin, danach hatte sie viel mit Verletzungen zu tun, und mit ihren 2:34:28 Stunden im Frühjahr in Hamburg blieb sie klar über der WM-Norm von 2:32, weshalb ihr nur die Reservistenrolle blieb für das fünfköpfige WM-Marathon-Team. Die Abmachung war, dass sie trainiere, als wäre ihr Einsatz fix, und die Form für einen Herbstmarathon zu nutzen, falls sie nicht einspringen müsste.

In helle Freude versetzte sie die Nachricht von der Nachnominierung am Samstag trotzdem nicht. "Sie war perplex", sagt Detlef Uhlemann. Auf ihrer Homepage vermerkte sie lapidar: "Nun geht's schon am Montag nach Kienbaum zum Rest des Teams und ich werde die Tage nutzen, um mich - vor allem mental - auf den Marathon vorzubereiten." Ulrike Maisch weiß, dass sie für die Mannschaft nicht das sein kann, was Irina Mikitenko für sie gewesen wäre.

© SZ vom 10.08.2009/segi

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