bedeckt München
vgwortpixel

Vor dem Auftakt in Melbourne:Mit Punch um den Titel

Wie gut sieht Alexander Zverev? Holt Rafael Nadal seinen Lieblingsrivalen Roger Federer schon bei den Australian Open ein? Wer ist Serena Williams gewachsen? Und was macht Angelique Kerber? Fragen und Antworten, bevor beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres 2020 die Bälle fliegen.

Die Großwetterlage spielte meist eine Nebenrolle bei den Australian Open, dem Sommertennisfestival der südlichen Hemisphäre. Interessiert hat meist nur, wann der nächste Hitzerekord fällt. In diesem Januar nun wird jede Luftströmung minutiös verfolgt. Kommt der Wind direkt aus Osten, aus East Gippsland beispielsweise, wo die Buschbrände wüten, ist auch in Melbourne mit Qualm und Rauch zu rechnen, der Tennisspieler unter freiem Himmel zu Keuchhusten reizt. Zwanzig aktive Feuer lodern noch im Umfeld im Bundesstaat Victoria, die Umweltbehörde EPA rechnet in den kommenden Tagen allerdings nur mit moderater Feinstaubbelastung. Nicht ganz so dicke Luft also wie in der vergangenen Woche, als 50 Flüge im Dunst gestrichen wurden und sogar die Strandbäder geschlossen blieben. Aber dick genug, dass mancher sich die Augen reibt.

Was sieht Alexander Zverev?

Am australischen Katastrophensommer hat es nicht gelegen, dass Alexander Zverev, 22, von drei Matches dieses Jahres drei verlor: alle beim ATP-Cup, einem Mannschaftswettbewerb, und alle ziemlich glatt. Dass die mickrige Matchbilanz ihn nicht als Favoriten auf den Sieg bei den Australian Open ausweist, weiß er selbst. Er habe "noch nie vor einem Grand-Slam-Turnier so schlecht gespielt", sagte er. Und da er sich als Weltranglisten-Siebter in einer Partie gegen den Australier Alex de Minaur 14 Doppelfehler leistete, ist das vermutlich eine berechtigte Selbstkritik. Immerhin hat er sich seitdem am Riemen gerissen und ausgiebig trainiert, manchmal bis zu sieben Stunden am Tag. Den Aufschlag, so konnte er nun berichten, bringt er nun wieder einigermaßen unfallfrei übers Netz. Möglicherweise liegt es auch daran, dass er die Linien wieder besser erkennt. Denn nicht der australische Rauch hatte seine Sicht getrübt. Vielmehr hatte sich Zverev im Dezember einer Augenoperation unterzogen, um eine Hornhautverkrümmung zu korrigieren. Und danach, so erläuterte er, brauche es ein Weilchen, um sich an die neue Wahrnehmung zu gewöhnen. Brillen- und Kontaktlinsenträger, so erklärte er, kennen den Effekt. Das Gute ist, dass nun keine Sehhilfen mehr nötig sind, wenn er am Dienstag gegen den Italiener Marco Cecchinato, Nummer 76 der Welt, aufschlägt.

Gewinnt Rafael Nadal den nächsten großen Titel?

Von körperlichen Gebrechen kann auch Rafael Nadal ausgiebig berichten. Allerdings ist er in den vergangenen Wochen von den Berufsbeschwerden, die seine Karriere begleiteten (schmerzende Knie, entzündete Handgelenke), verschont geblieben. Bei seiner Spielweise, so erzählte er am Samstag lächelnd, hätten ihm Viele ein frühes Karriereende prognostiziert. Stattdessen überwältigt der Spanier mit den Bullenkräften und dem Stierkopf auf der T-Shirt-Brust die Gegner immer noch reihenweise mit seinem Powertennis. Zwei Grand-Slam-Titel hat Nadal, 33, im vergangenen Jahr gewonnen, die French Open und die US Open, er thront wieder an der Spitze der Weltrangliste und ist seinem Schweizer Dauerrivalen Roger Federer empfindlich nahegekommen. Tatsächlich hat Nadal seine Trophäen-Sammlung bei Grand-Slam-Turnieren 2019 von 17 auf 19 Exemplare aufgestockt. Ein Titel fehlt noch, dann hätte er Federer (20) eingeholt. Der Dritte im Bund der Dauersieger, der serbische Titelverteidiger Novak Djokovic, der es auf 16 Pokale bringt, wird sich nicht kampflos geschlagen geben; Djokovic wird in der ersten Runde vom deutschen Davis-Cup-Spieler Jan-Lennart Struff herausgefordert. Und Nadal könnte, wenn es diesmal nicht klappt (nirgendwo hat er weniger Grand-Slam-Titel gesammelt als in Melbourne - einen, im Jahr 2009), spätestens im Frühjahr in Paris auf Sand neu angreifen. Sofern die Bänder und Sehnen halten.

Wer hat den härtesten Punch?

Auf Rekordjagd befindet sich auch Serena Williams, und zwar seit drei Jahren schon. 2017 hat sie in der Rod-Laver-Arena von Melbourne den bisher letzten ihrer 23 Grand-Slam-Titel erobert. Dann haben das Familienleben und die Geburt ihrer Tochter ihren Drang nach noch mehr Pokalen eine Zeitlang durchkreuzt. Bei 24 Grand-Slam-Trophäen steht die Bestmarke von Margaret Court (die letzte aus dem Jahr 1973), die Serena Williams brechen will, um auch statistisch als beste Tennisspielerin in die Geschichte einzugehen. Viermal in den vergangenen zweieinhalb Jahren stand sie kurz vor ihrem persönlichen Triumph, jedes Mal musste sie sich im Finale einer Besseren geschlagen geben, bei den US Open sowie in Wimbledon. Nun, im Alter von 38 Jahren, unternimmt sie den nächsten Versuch, und diesmal ist sie bestens präpariert. Vergangene Woche hat sie zum ersten Mal seit drei Jahren wieder ein Turnier in Auckland/Neuseeland für sich entschieden. Für die Saisonvorbereitung hatte ihr Trainer, Patrick Mouratoglou, diesmal allerhand Motivationskünstler ins Trainingscamp in Florida geladen, darunter den früheren Profi-Boxweltmeister Mike Tyson. Die beiden lieferten sich ein Sparring, er in langer Hose, sie im Röckchen. Danach erklärte der Schwergewichtler seinen Verzicht auf einen Faustkampf mit der Tennis-Queen: "Ich würde nicht mit ihr in den Ring steigen." Serena Williams, sagte Tyson, "hat ganz schön Power". Die erwünschte Botschaft an die Tennis-Welt? Sie ist gewarnt.

Wer nimmt es mit Serena Williams auf?

Tyson mag zaudern, aber die schlagkräftige Frauentennis-Weltelite ist weniger zimperlich. Ashleigh Barty, 15 Jahre jünger als Serena Williams, hat zwar erst einen Grand-Slam-Wettbewerb gewonnen (in Paris), thront aber mittlerweile als Nummer eins an der Spitze im Klassement. Für die Australian Open hat sie sich erst am Samstag mit einem Finalsieg in Adelaide über die Ukrainerin Dayana Yastremska empfohlen. In Melbourne tritt Barty, geboren in Queensland, als der Liebling des Heim-Publikums an. Titelverteidigerin Naomi Osaka aus Japan zählt ebenfalls zu den Favoritinnen wie auch Petra Kvitova, die Weltranglisten-Zweite Karolina Pliskova aus Tschechien und Wimbledon-Siegerin Simona Halep aus Rumänien. Ebenfalls nicht zu unterschätzen: Angelique Kerber, die die Australian Open 2016 gewann, aber nach eigener Auskunft an einer Verletzung am linken Oberschenkel leidet, die sie sich am Mittwoch beim WTA-Turnier in Adelaide zugezogen hat. Am Dienstag steht der erste Belastungstest an, wenn Kerber auf die Qualifikantin Elisabetta Cocciaretto trifft, die Nummer 172 der Weltrangliste. Die Erwartungen hat Kerber zuletzt ein wenig gedrosselt mit der Ankündigung, sie "denke nur von Spiel zu Spiel".

2020 Australian Open: Previews

Voll fokussiert: Serena Williams beim Training im Vorfeld der Australian Open in Melbourne.

(Foto: Daniel Pockett/Getty Images)

Aber das muss nichts heißen: Es geht für alle von Spiel zu Spiel, durch Hitze und Rauch, sieben Runden lang, wenn sie in Melbourne gewinnen wollen.

© SZ vom 19.01.2020
Zur SZ-Startseite