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Volunteers:Chauffeure und andere Idealisten

Ein fahrender Priester, eine Wellness-Beauftragte und ein Rentner, der Victoria Beckham traf - WM-Helfer blicken auf vier Wochen Dienst zurück.

Für den Großteil der 15 000 Freiwilligen, die bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Hintergrund mitgearbeitet haben, ist die Aufgabe bereits bewältigt, nur noch an den beiden Spielorten vom Wochenende, Berlin und Stuttgart, sind einige tausend im Einsatz.

Nicht nur die Fifa-Volunteers waren am Rande und manchmal auch im Zentrum der WM dabei. Wir stellen einige Menschen vor, die bei der großen Fußballparty vier Wochen lang mitgeholfen haben - und es jederzeit wieder tun würden.

Rainer Maria Schießler, 45, Priester, bei der WM Chauffeur in München: Braun gebrannt mit babyblauem Polohemd, buntes Bändchen am Knöchel und Tattoo an der Wade - Rainer Maria Schießler entspricht nicht dem Idealtypen eines katholischen Priesters. Natürlich predigt er nicht in diesem Mallorca-Look. Schießler war in München einer der hellblau uniformierten Fifa-Volunteers, von Ende Mai bis zum Halbfinale am Mittwoch arbeitete er als Fahrer.

"Ich war hier die Kirche vor Ort", sagt Schießler, dessen Büro sonst in der St. Maximilians-Pfarrei in München ist. Als er einmal mit 140 Stundenkilometern im Blatter-Korso durch die Stadt raste, war sein Job ziemlich nervenaufreibend. Doch eigentlich wollte Schießler nicht Nervenkitzel, sondern Kommunikation: "Mein ganzes Leben ist ja Mission. Als Fahrer haben wir die Leute grundsätzlich nichts gefragt, sondern geantwortet.

Aber es kamen trotzdem gute Gespräche zu Stande. Und wenn die Leute gehört haben, was mein Beruf ist, haben sie es erst nicht geglaubt und wollten dann oft über Glauben sprechen." Seine Predigten musste er wegen des WM-Nebenjobs manchmal nachts vorbereiten - und fühlte sich dabei von manchem Fußballerlebnis inspiriert: "Wenn man auf das Stadion zufährt, erhebt es sich wie eine Kathedrale. Überhaupt hat die Fifa lauter Dinge von der Kirche abgekupfert: Die Zeremonien, die Gesänge, die Hymnen." Nur den lieben Gott nicht.

Paula Weber, 38, Verwaltungsangestellte, bei der WM Masseurin in Nürnberg: An ihrem letzten Arbeitstag musste Paula Weber aufräumen. Ein über Nürnberg hinweg brausender Sturm hatte ihren Arbeitsplatz, das Wellness-Zelt am Rand des Fan-Festes, teilweise umgelegt. danach setzte sie einen kleinen Brunnen in Betrieb, dessen Wasser leicht nach Rosenblüten duftete und steckte frische Rosen in die Vase.

"Ich will eine behagliche Atmosphäre schaffen", sagte die Kosmetikerin, die vormittags als Verwaltungsangestellte beim Sozialdienst der Stadt Nürnberg arbeitet. Seit Beginn der WM hat sie sich um Besucherinnen gekümmert, die über Verspannungen und Müdigkeit klagten. Nur Frauen durften in das Zeltinnere, wo Liegestühle im aufgeschütteten Sand zum Ausruhen bereit standen und an einer kleinen Bar exotische Cocktails gemixt wurden. Ein kleiner Ruhepunkt im Sturm der WM. Am Nachmittag sorgte sie sich dann wieder als Kosmetikerin um ein gepflegtes Aussehen ihrer Kundinnen. Peter Schmitt

Peter Lewetz, 64, Rentner, bei der WM Personalbetreuer in Frankfurt: Peter Lewetz ist zur WM nach fünf Jahren im Ruhestand wieder eingestiegen ins Berufsleben, allerdings ohne Lohn. In Frankfurt organisierte er die Arbeit der Volunteers, 1200 ehrenamtlichen Kollegen insgesamt - nicht selten 12 Stunden am Tag, weil er anderen manchmal auch noch eine Schicht abnahm.

"Volunteer-Papa" hätten ihn die Jüngeren genannt, erzählt Lewetz froh. Und dass es schön gewesen sei, mal wieder Erfahrung aus seinen 36 Berufsjahren als IT-Spezialist einbringen zu können. Zwischen Infoport, Büro und Stadion ("ich mache hier so ein bisschen Streetworking") bekam er am Rande nicht nur alle WM-Spiele in Frankfurt mit.

Sondern auch Momente von Glamour: "Einmal saßen plötzlich die englischen Spielerfrauen neben mir. Victoria Beckham war sehr freundlich und hat mit mir etwas über das Spiel gesprochen." Seine Frau, auch Volunteer, schwärme noch heute von einem Händedruck von Franz Beckenbauer, erzählt Lewetz verständnislos. Jetzt ist er wieder Rentner - und hat auch wieder Zeit für die Enkel.

Heiko Rahlfs, 35, bei der WM (und auch sonst) Fernsehstatistiker: Es ist ein ziemlich beschränktes Repertoire, mit dem Heiko Rahlfs das Spiel kommentieren muss. Keine Fußballweisheiten, keine Späßchen und bloß keine Emotionen: Pass kurz, Addo, Pass lang, Muntari, Pass kurz. . . So geht es 90 Minuten lang. Mehr als 2000 Spielereignisse pro Match spricht Rahlfs vor dem Fernseher monoton in sein Mikrofon.

Sein einziger Zuhörer ist ein Kollege, der die Infos Klick für Klick in den Computer eingibt. Bis vom dramatischen WM-Kampf am Ende nur noch eine endlose Zahlen- und Ziffernreihe bleibt. Das ist alles, was zählt bei der Münchner Firma Impire, die seit 1992 für TV-Sender und Vereine Fußballspiele statistisch auswertet.

Welcher Spieler hat wie viele Ballkontakte, wie ist die Zweikampfbilanz in der zweiten Halbzeit und wie viele Minuten ist ein Stürmer ohne Tor - für die meisten analytischen Kurzpässe, die Kommentatoren im Fernsehen von sich geben, werden hier die Vorlagen geliefert. Jetzt kennt Rahlfs die taktischen Positionen, Frisuren, Schuhfarben und Laufstile der meisten WM-Spieler. "Keiner hat die Spiele intensiver gesehen als wir", sagt Rahlfs. Dafür dürften die meisten aber mehr Spaß dabei gehabt haben.

Martin Hammer

Juliane Giese, 37, Literaturwissenschaftlerin, bei der WM Medienorganisatorin: Die 37-jährige Literaturwissenschaftlerin war eine von 1700 Fifa-Volunteers in München und dem Medienstab der lokalen Organisatoren zugeordnet. Sie war ganz nah dran an den Stars: Zu ihren Aufgaben gehörte es, vor dem Anpfiff im Stadion die Mannschaftsmeldungen der Nationaltrainer abzuholen und an die Reporter weiterzureichen. Sie wartete im Spielertunnel, bis die Helden auftauchten und ein Betreuer ihr das Papier in die Hand drückte.

"Es läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken, wenn plötzlich Ronaldo, Ballack und Klinsmann an einem vorbeilaufen", sagt Giese. Sie hat die Zeit zwischen einem Jobwechsel genutzt, um sich einen großen Wunsch zu erfüllen: "Im Stadion hautnah dabei zu sein."Auch dann, wenn die verschwitzten Stars nach getaner Arbeit wieder zurück in die Kabinen gehen.

"Die Gesichtsausdrücke von Erfolg und Enttäuschung, Anstrengung und Leichtigkeit in den Momenten nach dem Schlusspfiff kann keine Fernsehkamera einfangen", sagt sie. Mit ihrem neuen Arbeitgeber hat sie wegen ihrer unbezahlten Tätigkeit als Fifa-Volunteer den Jobstart ein wenig nach hinten verhandelt, um auch beim Halbfinale in München noch dabei sein zu können.

Sie hätte sich die Brasilianer ins Halbfinale gewünscht, wegen Ronaldinho, ihrem Lieblingsspieler. "Der strahlt immer, vor dem Spiel, während des Spiels und auch danach - ein toller Typ, der zudem super spielt", sagt Giese. Bis auf vier Tage war sie seit ihrem Volunteer-Start am 28. Mai täglich im Stadion. Ihr Fazit zum Final-Wochenende klingt aber gar nicht erschöpft: "Die Arbeit hier hat mir seelisch soviel Kraft gegeben, dass es die körperliche Anstrengung und die langen Arbeitszeiten absolut wert war." Simone Boehringer

Die Ordner am Spielfeldrand: Es war in der 73. Minute beim Spiel Portugal gegen Holland in Nürnberg: Spielmacher Deco hatte gerade die gelb-rote Karte gesehen, das Publikum brüllte, auf dem Platz gab es Tumulte. Da drehte sich einer der Sicherheitsleute um - er wollte sehen, warum plötzlich alle ausrasteten. Sofort stürmte sein Vorgesetzer herbei, klopfte ihm auf den Kopf und brüllte.

Der Mann vom Sicherheitsdienst entschuldigte sich brav und drehte sich wieder zur Tribüne, um wütende Portugiesen zu beobachten. Das war sein Job: Aufpassen, dass es im Fanblock keine Ausschreitungen gibt. Damit waren die Sicherheitsmänner heiße Anwärter auf die Auszeichnung: "Gemeinster Job der WM".

Sie standen näher am Geschehen als jeder Fan, fühlten die Atmosphäre im Stadion, wurden manchmal gar von einem Ball getroffen. Und sahen dennoch keine Sekunde des Spiels. Stattdessen standen sie 90 Minuten mit verschränkten Armen am Spielfeldrand und guckten nach oben, meist sahen sie dabei traurig aus. Nur wenn Brasilien spielte, wenn grüngelbe Fangemeinde auf der Tribüne tanzte, huschte kurz ein Lächeln über ihr Gesicht. Jürgen Schmieder