Volleyball:Weckruf aus Wallis und Futuna

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Volleyball: Ärgern sich über den verpassten Matchball: Friedrichshafens Lucas van Berkel (links) und Lukas Maase.

Ärgern sich über den verpassten Matchball: Friedrichshafens Lucas van Berkel (links) und Lukas Maase.

(Foto: Hafner/Nordphoto/Imago)

Friedrichshafens Volleyballer vergeben ihren zweiten Matchball im Meisterschaftsfinale. Die Berlin Volleys erweisen sich als die Mannschaft, die weniger Fehler und mehr Emotionen zeigt.

Von Sebastian Winter

Es ist ein besonderes Jubiläumsjahr für den VfB Friedrichshafen und die Berlin Volleys. Die beiden Klubs dominieren den deutschen Männer-Volleyball ja seit einem Vierteljahrhundert, tatsächlich war der SV Bayer Wuppertal 1997 der letzte deutsche Meister, der nicht aus der Hauptstadt oder dem 60 000-Einwohner-Städtchen am Bodensee kam. Seither hüpften immer nur die Häfler oder die Berliner mit der ziemlich hässlichen Bronzeschale umher - mit zunehmendem Pendelausschlag nach Berlin. Anders kann man den Fakt schlecht deuten, dass der VfB seit 2015 keinen einzigen Meistertitel mehr gewann. Und die große Chance, das zu ändern, hat die Mannschaft von Trainer Mark Lebedew am Mittwochabend auf ziemlich dramatische Weise verpasst.

1:3 (26:24, 24:26, 24:26, 20:25) hieß es am Ende einer packenden Partie aus Sicht des Außenseiters VfB, der nach zwei Auftaktsiegen nun schon den zweiten Matchball in der Best-of-five-Serie vergab - und am Samstag in der womöglich ausverkauften Berliner Max-Schmeling-Halle ein unangenehmes Entscheidungsspiel vor sich hat. "Berlin war immer Favorit - und trotzdem werden wir auch am Samstag unsere Chance bekommen", sagte Friedrichshafens Geschäftsführer Thilo Späth-Westerholt am Tag nach der unnötigen Niederlage, die sich der VfB auch selbst zuzuschreiben hatte: Wer nur ein eigenes Ass schlägt, zugleich sieben direkte Annahmefehler produziert und generell in der Annahme keine gute Figur abgibt, der hat auf diesem Niveau ein Problem.

Dabei wirkte Friedrichshafen in den ersten drei Sätzen stärker als Berlin, vor allem im Angriff, der Titelverteidiger hechelte mitunter einem Vier-Punkte-Rückstand hinterher. Doch dann wechselten die Volleys im zweiten Satz Samuel Tuia ein, den großflächig tätowierten Außenangreifer aus Wallis und Futuna, dem zu Frankreich gehörenden Südsee-Eiland. "Krieger" nennen sie in Berlin den inzwischen 35-Jährigen, der in Cannes eine Bar besitzt. In dieser Saison war er lange Zeit verletzt und hat kaum gespielt. "Samuel ist ein Herz des Teams, sehr anerkannt und auch deshalb in der Lage, seine Mitspieler mitzureißen", sagte Manager Kaweh Niroomand: "Er war der Weckruf für unsere Mannschaft."

Tuias Emotionen waren jedenfalls ein Segen für die Volleys, die außerdem den im Block besseren Marek Sotola für den an diesem Abend etwas überspielt wirkenden Hauptangreifer Benjamin Patch einwechselten. So stabilisierten sie ihr System. Und so fand ihr Zuspieler Sergej Grankin, der von so vielen Anhängern und Gönnern der Volleys verehrte russische Olympiasieger von London 2012, wieder Vertrauen in seine Mitspieler. Grankin, 37, der nach wie vor als einer der besten Zuspieler der Welt gilt, gewann am Ende auch das Privatduell mit Friedrichshafens slowenischem Steller Dejan Vincic, dem EM-Zweiten von 2019.

Volleyball: Pure Erleichterung: Zuspieler Sergej Grankin (Zweiter von rechts) freut sich mit Berlins Volleyballern über den hart erkämpften Sieg in Neu-Ulm.

Pure Erleichterung: Zuspieler Sergej Grankin (Zweiter von rechts) freut sich mit Berlins Volleyballern über den hart erkämpften Sieg in Neu-Ulm.

(Foto: Hafner/Nordphoto/Imago)

Abschreiben sollte man die Friedrichshafener trotzdem nicht, denn so richtig erschüttern kann sie nichts mehr in dieser Saison, auch nicht die Wiederauferstehung Berlins vor immerhin 2391 Zuschauern in Neu-Ulm. Es war ja das vorerst letzte Spiel in Friedrichshafens ungeliebter Ausweicharena, die der VfB in dieser Saison für seine Heimspiele nutzt, weil seine eigene Spielstätte wegen Baumängeln dauerhaft geschlossen ist. Zur Premiere in Neu-Ulm, mehr als eine Autostunde nördlich vom See, kamen im vergangenen Oktober gerade mal 500 Zuschauer, Minusrekord.

Nicht nur die Fans, sondern auch der Klub selbst und seine Sponsoren fürchten durch die weite Anreise zu den Heimspielen einen Identifikationsverlust. "Wir hoffen, bald eine Lösung verkünden zu können", sagt Späth-Westerholt. Und zwar eine, die Richtung Heimat weist, zum Beispiel in Friedrichshafens Messehalle. Auch wenn sich am Bodensee die Stadt und der Messebetreiber nicht unbedingt als große Fürsprecher dieser Idee erweisen. Aber Zustände wie im Herbst, als die VfB-Profis vier Wochen lang nicht mal eine Trainingshalle zur Verfügung hatten, wollen die Volleyballer nicht mehr so schnell erleben.

Auch spielerisch lief es lange Zeit schlecht für den VfB, der wie Berlin auch erheblich unter Verletzungen wie auch Corona-Erkrankungen litt und früh in der Champions League ausschied - im Gegensatz zu den Volleys, die immerhin das Viertelfinale erreichten. Doch dann gewann Friedrichshafen Anfang März den DVV-Pokal, zum insgesamt 17. Mal in seiner Vereinsgeschichte. Seither geht die Formkurve immer weiter nach oben - und kulminiert just in dieser hochklassigen Finalserie gegen Berlin. Allerdings haben die Volleys nun jenen Heimvorteil, den der VfB in der ganzen Saison vielleicht nie hatte. Und sie können ihr Geschichtsbüchlein mit etwas Neuem füllen: Noch nie hat eine deutsche Männer-Mannschaft einen 0:2-Rückstand im Meisterschaftsfinale gedreht.

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