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Volleyball:Von Tonga aus zum Titel

GER, VBL, Play-offs, Finale, VfB Friedrichshafen vs Berlin Recycling Volleys / 15.04.2021, Zeppelin CAT Halle A1, Friedr

"Das alles schmeckt so anders, irgendwie so, wie man sich das Leben bald wieder vorstellt": Berlins Benjamin Patch (re.) im Drückduell gegen Friedrichshafens Nicolas Marechal.

(Foto: Hafner/Nordphoto/Imago)

Die Berlin Volleys gewinnen in Friedrichshafen ihre elfte deutsche Meisterschaft - auch weil ihr Hauptangreifer Benjamin Patch vier Asse serviert. Für den diversen US-Amerikaner mit dem bewegten Leben ist die Hauptstadt längst zur Wohlfühl-Oase geworden.

Von Sebastian Winter, Friedrichshafen/München

Benjamin Patch ist am Freitag um 7 Uhr morgens mit Berlins Volleyballern in die Hauptstadt zurückgekehrt, im Reisebus, müde von der elend langen Fahrt und der ganzen Feierei. Viel Bier habe es gegeben, erzählt Patch am Telefon, "ich habe mich auf der Fahrt in ein paar Britney-Spears-Songs und anderem Zeug verloren, das ich ganz schnell vergessen möchte". Der 26-jährige US-Amerikaner lacht, weil es ihm etwas peinlich ist, das zu erzählen. Er erzählt es trotzdem. So ist Patch. Verbiegen sollen sich ruhig die anderen.

Am Donnerstag hat der 2,03 Meter große Diagonalspieler die Volleys beim VfB Friedrichshafen zu ihrem elften Meistertitel geführt, zwei fehlen noch, dann haben sie die einstige Übermannschaft vom Bodensee in dieser Kategorie eingeholt. Es war eine einseitige Finalserie, drei Spiele, drei Siege, nur die erste Partie war hart umkämpft. Und Patch zeigte auch am Donnerstag in Friedrichshafens Messehalle wieder, warum sie ihn inzwischen zu einem der besten Diagonalspieler der ganzen Volleyball-Welt zählen. Im ersten Satz holte Berlin dank seiner Aufschlagsserie neun Punkte in Serie. 16 Punkte machte Patch, davon vier Asse - genauso viele wie Friedrichshafens gesamte Mannschaft. "Er ist ein Ausnahmetalent und unser Aushängeschild", lobt ihn Berlins Manager Kaweh Niroomand.

Wer sich Videos von seinen Angriffen anschaut, fragt sich, warum Patch nicht in der NBA bei den Utah Jazz spielt. Mit den Fingerspitzen erreicht er angeblich eine Höhe von mehr als 3,80 Meter - der Ring eines Basketballkorbs hängt auf 3,05 Metern. Solche Statistiken und Superlative sind Patch zugleich völlig fremd, was auch mit dem Ort zusammenhängt, an dem er aufwuchs.

Patch wuchs mit zwölf Geschwistern in einer Pflegefamilie auf - nach den strengen Prinzipien der Mormonen

Patch wurde in Layton, Utah geboren, in der Nähe hatten sich Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Mormonen angesiedelt. Er blieb nicht bei seinen sehr jungen leiblichen Eltern, sondern wurde als Baby adoptiert und wuchs mit zwölf Geschwistern in einer Pflegefamilie auf, die streng nach den mormonischen Grundsätzen lebte.

Enge und Weite - Patch hat diese beiden Pole schon extrem früh kennengelernt. Als er drei war, zog die Familie für sechs Jahre in den Inselstaat Tonga in die Südsee. "Das Leben dort war sehr einfach, die reinste Form, ein Mensch zu sein. Ich konnte stundenlang auf Bäumen herumklettern, mich dort verstecken oder am Strand entlang laufen", sagt Patch. Zurück in den USA wollte er genauso frei sein wie in Tonga, doch die Enge überfiel ihn dort wieder: Kirchgang, Klinkenputzen, um seinen Glauben zu verbreiten. Volleyball, mit dem er erst als 15-Jähriger begann, war in den USA, anders als Basketball, als Mädchensport verschrien. Patch blieb trotzdem, auch wenn er sich Sprüche anhören musste in der Schule und am College.

Und der Mann, dem gelehrt wurde, möglichst bald nach seiner Volljährigkeit eine Frau zu heiraten, ging irgendwann nicht nur mit Frauen aus, sondern auch mit Männern. Im vergangenen Herbst hat er sich im Berliner Tagesspiegel erstmals öffentlich zu seinem Queer-Sein geäußert, in einem gemeinsamen SZ-Interview hielten Patch und der homosexuelle Argentinier Facundo Imhoff von den United Volleys Frankfurt ein Plädoyer für mehr Diversität im Profisport.

Patch modelt, fotografiert, töpfert. "Benjamin kann in Berlin er selbst sein, er ist befreit hier, fühlt sich sauwohl."

2018 ist Patch in Berlin gelandet, nach einer ersten Auslandsstation im konservativen Süditalien, wo er sich an manchen Tagen nach Tonga zurückgewünscht hätte. Die Hauptstadt ist nun zum Sehnsuchtsort für Patch geworden, den er selbst als Heimat bezeichnet. "So viele tolle Leute aus allen Ecken der Welt, so viel Energie und Vielfalt", sagt er, der im vergangenen Sommer trotzdem nach Utah zurückflog, um an den "Black Lives Matter"-Demonstrationen teilzunehmen.

"Benjamin kann in Berlin er selbst sein, er ist befreit hier, fühlt sich sauwohl. Ich habe ihn immer gefördert in seiner Einstellung zur Diversität", sagt Berlins Manager Kaweh Niroomand, der sich auch die Kreativität von Patch, der gerne modelt, fotografiert und töpfert, zunutze macht. Kürzlich haben die Volleys acht Tongefäße, die Patch in seiner Werkstatt gefertigt hat, für einen guten Zweck versteigert.

Benjamin Patch hatte eine schwierige Saison mit Berlin, viele Verletzungen, es lief lange Zeit nicht wie gewünscht, im Playoff-Halbfinale wäre Berlin fast gegen Düren rausgeflogen. Doch zugleich hat er nicht nur seine Angriffsvariabilität erhöht, sondern ist auch zur richtigen Zeit fit geworden. 5,1 Punkte pro Satz im Schnitt in der Hauptrunde - so viele wie kein anderer Spieler der Bundesliga - belegen das. Wäre Patch nicht verletzt gewesen, wäre er Topscorer der Liga. Außerdem hat er Kollegen um sich, an denen er wachsen konnte, auch mit Blick auf die Olympischen Spiele in Tokio, bei denen er mit den US-Volleyballern glänzen will. Wie den russischen Zuspieler Sergej Grankin, Olympiasieger von 2012, oder den brasilianischen Blocker Éder Carbonera, Olympiasieger von 2016, der den Klub nun allerdings wieder in Richtung Heimat verlässt.

Patch und auch Grankin haben ihre Verträge mit den Volleys dagegen verlängert, was auch für die Liga eine gute Nachricht ist, der Typen von Weltklasseformat ohnehin fehlen - zumal so vielschichtige wie Patch. Am Freitag, nach der langen Party-Busfahrt nach Hause, sagte er noch: "Es ist ein großer Moment für unser Team und die ganze Stadt. Das alles schmeckt so anders, irgendwie so, wie man sich das Leben bald wieder vorstellt." Er freut sich darauf.

© SZ/sjo
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