Als Sanaa Dotson mit einem cleveren Angriff den Matchball verwandelte, da waren Suhls Spielerinnen erst mal konsterniert. Der Ball kam ja von Dresdens Block noch zurück, landete dann knapp im Aus. Dresdens Trainer Alexander Waibel überlegte kurz, ob er eine Challenge nehmen sollte. Als er verzichtete, war der 3:0 (25:20, 25:16, 25:22)-Erfolg von Suhls Volleyballerinnen nach nicht einmal 80 Minuten Spielzeit amtlich. Und damit ihre erste Meisterschaft in der 35-jährigen Vereinsgeschichte.
Nicht nur das: Ende Februar hatten sie zum zweiten Mal nach 2008 den DVV-Pokal gewonnen, nach einem Fünfsatzdrama gegen den Favoriten Allianz MTV Stuttgart (und einem nicht minder knappen 3:2-Halbfinalsieg gegen Dresden). Das Überraschungs-Double ist nun perfekt, nach einer erstaunlich klaren Best-of-five-Serie, die 3:0 für Suhl endete. Auch die anderen Playoff-Gegner, Titelverteidiger Schwerin und Wiesbaden, hatten kein Spiel gegen Suhl gewonnen.
Mit ein paar Sekunden Verzögerung entstand dann enormer Lärm in der Wolfsgrube, wie die Thüringerinnen ihre enge, stimmungsvolle, düstere Halle nennen. Sie rannten im Rudel wild umher: Dotson und Mackenzie Foley, die so wichtigen US-amerikanischen Außenangreiferinnen; Suhls Kapitänin Roosa Laakkonen, die das Team zusammenhielt; die tschechische Diagonalspielerin und Topscorerin Monika Brancuska, die mal wieder im Angriff überragte mit ihren 19 erzielten Punkten.
Suhls Trainer Laszlo Hollosy hielt sich im Angesicht des Double-Erfolgs fassungslos die Hände vors Gesicht. „Das ist mehr als ein Traum. Wenn man unser Budget mit dem von Stuttgart, Schwerin oder Dresden vergleicht, dann ist es einfach unglaublich, den Pokal und die Meisterschaft gewonnen zu haben“, sagte der 49 Jahre alte Ungar im MDR. Die 1900 Zuschauer hatte es schon während des dritten Satzes längst nicht mehr auf ihren Sitzen gehalten; der Klub hätte für dieses Spiel doppelt so viele Tickets verkaufen können.

Denn das gab es ja noch nie, dass dieses 35 000-Einwohner-Städtchen, ein staatlich anerkannter Erholungsort im Tal von Lauter und Hasel, Teil einer neuen Seite in der Volleyball-Geschichte werden kann. Einer Geschichte, in der bislang zwei DM-Titel standen: Den einen hatte 1994 Suhls C-Jugend errungen, den anderen 1998 die F-Jugend. Diese vergleichsweise kleinen Erfolge aber waren die Basis für den steten Aufstieg Suhls, das seit 23 Jahren Erstligist ist. Allerdings bislang als eher zahme Fähen im Mittelfeld. Oder ganz unten am Tabellenende.
Der Klub war vor und während der Corona-Pandemie sportlich und wirtschaftlich am Boden
2017 zog der damals schlingernde Klub seinen Bundesliga-Lizenzantrag wegen einer Etatlücke von knapp 100 000 Euro für die folgende Saison zurück. Mit der Stadt lagen die Suhlerinnen über Kreuz, sie hätten sich mehr Rückhalt erhofft, auch bei der Sanierung ihrer Wolfsgrube, deren Dach inzwischen zu niedrig für Erstliga-Volleyball geworden war. Das 25 Kilometer weiter westlich gelegene Meiningen half mit seiner Sporthalle aus, Suhl beantragte die Lizenz für 2017/18 dann doch.
Bevor Hollosy, der mangels eigener Sportpsychologen auch den Mentaltrainer gibt, die Suhlerinnen samt ihrer neuen Geschäftsführung zur Saison 2020/21 übernahm, waren sie am nächsten Tiefpunkt angelangt. Beim covidbedingten Abbruch der vorangegangenen Spielzeit standen sie auf dem letzten Platz. Doch Hollosy und die neuen Geschäftsführer, Alexander Mantlik und Frank Dressel, verbesserten in den vergangenen Jahren die Strukturen, das Team und auch das Verhältnis zur Stadt.
Und so ist die Erfolgsgeschichte Suhls zugleich auch eine des Spitzensports in Ostdeutschland. Zusammen mit Dresden, Potsdam und Schwerin bilden die Thüringerinnen jedenfalls ein mächtiges Quartett, das die jahrelang dominierenden Stuttgarterinnen herausfordert. Suhl nimmt dabei die dankbare Rolle des Emporkömmlings ein, in einer Liga, die sich nach den Corona-Krisenjahren und strategischen Fehlern langsam wieder erholt; kommende Saison nimmt dort nach seinem Wiederaufstieg auch wieder der einstige deutsche Meister und Pokalsieger Rote Raben Vilsbiburg teil.
Suhl bekam indes selbst von den unterlegenen Dresdnerinnen ein großes Lob: „Da ist kontinuierlich etwas aufgebaut worden, es war keine Überraschung, dass sie Titelkandidat sind“, sagte DSC-Geschäftsführerin Sandra Zimmermann noch vor dem Spiel am Telefon: „Es wird barbarisch schwer heute Abend.“ Es wurde gar unlösbar für Dresden, das sich trotz der Niederlage wie auch Suhl für die Champions League qualifiziert hat.
Am Ende erklang noch das Rennsteiglied, die Hymne des Suhler Komponisten Herbert Roth. „Ich jodle lustig in das Tal, das Echo bringt’s zurück“, heißt es darin. Es ist davon auszugehen, dass das Echo in der ganzen Stadt zu hören sein wird, am Freitagabend, bei der großen Party im Congress Centrum.


