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Volleyball:Opa ist der Beste

Netzhoppers KW-Bestensee - United Volleys Frankfurt

"Das Niveau ist noch da, und es ist nicht leicht, den Absprung zu finden": Frankfurts Jochen Schöps schmettert im Pokalfinale am Block von Königs Wusterhausens Karli Allik vorbei.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Kapitän Jochen Schöps ist einer der Wegbereiter von Frankfurts erstem Titel im Profivolleyball. Im Pokalfinale besticht der 37-Jährige durch Ruhe und Spielwitz, die ihn auch in 318 Länderspielen auszeichneten - die lautstarken Ansagen überlässt er anderen.

Von Sebastian Winter, Mannheim/München

Das Protokoll war diesmal etwas anders, fast schon rührend, es gab jedenfalls Szenen in Mannheims Arena, die es so nicht gegeben hätte ohne Pandemie. Normalerweise hängen ja auch nach einem Volleyball-Pokalfinale mehr oder weniger wichtige Funktionäre Gewinnern und Verlieren die Medaillen um den Hals, doch diesmal durften sie das nicht. Sie hätten den Abstand unmöglich wahren können, selbst wenn sie, wie DVV-Präsident René Hecht, 2,07 Meter lang sind. Also nahmen sich die Spieler einfach selbst das Edelmetall vom Tisch. Bei den United Volleys übernahm ihr Kapitän Jochen Schöps die Aufgabe, die Goldplaketten den Kollegen um den Hals zu hängen, und er genoss sie mit Spaß und Würde.

Im Grunde passt das Amt des honorigen Ehrenmanns auch hervorragend zum 37-Jährigen, den sie in Frankfurt, wo unter anderem ein 17-Jähriger mit Schöps auf dem Feld steht, nicht zuletzt als Vaterfigur verpflichtet haben. "Opa" wird Schöps seit Neuestem im Team genannt, was für einen Familienvater mit fünfjährigen Zwillingen nicht gerade schmeichelhaft ist. Aber erschüttern kann den Zwei-Meter-Mann das nicht mehr. Vielleicht auch, weil Schöps weiß, dass er einer der fittesten noch aktiven Volleyball-Opas der Welt sein dürfte. Im Übrigen hatte er die United Volleys Frankfurt im Finale der Außenseiter gerade mit zwölf Punkten zum 3:0-Erfolg über die Netzhoppers aus Königs Wusterhausen geführt. Und damit zu ihrem ersten Titel überhaupt. "Er ist sehr, sehr wichtig", sagte Schöps am Montag am Telefon, "weil er zeigt, dass es für uns in die richtige Richtung geht."

Der Schwarzwälder weiß selbst genau, dass er in Mannheim nicht der herausragende, dominierende Spieler war. Seine Sprünge sind nicht mehr so hoch wie früher, die Athletik nimmt ab, auch die Angriffswucht; im dritten Satz fing die Netzhoppers-Abwehr fast all seine Attacken ab. Aber Schöps hatte ja noch Facundo Imhoff an seiner Seite. Der argentinische Blocker wurde nach famosem Spiel zum MVP gewählt. "Er hat so eine spaßige Lockerheit an sich", sagte Schöps über Imhoff, "und ist bei uns sehr wichtig für den emotionalen Aspekt." Frankfurts Zuspieler Mario Schmidgall verteilte die Bälle sehr variabel, Libero Satoshi Tsuiki schleppte sich trotz einer Wadenverletzung im dritten Satz mehr oder weniger durch Annahme und Verteidigung - und Daniel Malescha war ein starker Außenangreifer, obwohl er wie Schöps Diagonalspieler ist, also der Hauptangreifer im Rücken des Zuspielers.

2007 gewann Schöps mit Friedrichshafen Meisterschaft, Pokal und Champions League

Der Kapitän selbst war nie Polterer und Zeterer, sondern eher ein Ruhepol auf dem Feld. "Sanfter Killer", so haben sie ihn im Verband mal genannt, und wie ihn die United Volleys begrüßt haben bei seinem Wechsel aus Katar nach Frankfurt vor etwas mehr als einem Jahr, zeigt den Stellenwert, den er noch immer hat. "Jochen ist eine der herausragenden Persönlichkeiten des deutschen Volleyballs", sagte damals Klubgründer und Gesellschafter Jörg Krick.

Schöps gilt, ohne groß zu übertreiben, seit 15 Jahren als einer der Unersetzlichen im deutschen Volleyball, neben Georg Grozer war er bis zu seinem Rücktritt im Jahr 2018 der deutsche Hauptangreifer in der Nationalmannschaft. Er hat die Auswahl geprägt mit 318 Länderspielen, ist mit ihr 2012 Olympiafünfter und 2014 WM-Dritter geworden, ein Jahr später folgte der Titel bei den European Games.

Sein erfolgreichstes Jahr hatte Schöps freilich schon 2007, als er unter Trainer Stelian Moculescu mit Friedrichshafen das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League gewann. Schöps weckte Begehrlichkeiten, noch vor Grozer wechselte er in die lukrative russische Liga und später nach Polen. Zehn Jahre verbrachte er in Osteuropa, anfangs mit Sprachproblemen, in einsamen Hotels; inzwischen gilt er als einer der wenigen Volleyballprofis, die mit ihrem Sport zum Millionär geworden sind. Sein eher kurzer Aufenthalt in Katar 2019/20 dürfte dazu auch einen Teil beigetragen haben. Er habe viel Glück gehabt in seiner Karriere, sagt Schöps, auch die richtigen Trainer zur richtigen Zeit.

Schöps besitzt zugleich etwas, das vielen Diagonalspielern fehlt: Spielwitz und Ballgefühl. Er ist kein Haudrauf, was sich im Pokalfinale gegen die Netzhoppers wieder zeigte, sondern punktet auch mal mit Lobs hinter den Block oder mit kurzen Driveschlägen, die man eher aus dem Beachvolleyball kennt. Und seine Aufschläge sind nach wie vor gewaltig.

"Ich war in der Form meines Lebens und habe dieses Niveau nie mehr erreicht."

Nur an 2015 hat er keine guten Erinnerungen. Ein paar Wochen vor der Olympia-Qualifikation stieg Schöps im Trainingslager seines polnischen Klubs Rzeszow in einem alten Hotel in Rumänien mit den Teamkollegen als Letzter in den viel zu engen Fahrstuhl. Als der Aufzug stoppte und die Tür aufging, stolperte er rückwärts über eine Kante - Schultereckgelenksprengung. Die DVV-Auswahl verpasste ohne Schöps beim eigenen Qualifikationsturnier hauchdünn die Spiele in Rio - es wären seine dritten gewesen. "Ich war in der Form meines Lebens und habe dieses Niveau nie mehr erreicht", sagt er.

In Frankfurt möchte Schöps nun heimisch werden mit seiner Familie und den Kindern. Das Projekt der United Volleys (die sich eigentlich als Verein sehen, der künftige Nationalspieler hervorbringt und nicht altgediente langsam in den Ruhestand begleitet) hat ihm gefallen. Auch wenn sich der Klub eine neue Zukunft aufbauen muss - wegen der Corona-Krise, und weil viele Talente ihn verlassen haben, unter anderem der Gründersohn Tobias Krick.

Vielleicht steht Jochen Schöps auch kommende Saison auf dem Feld, "das Niveau ist noch da, und es ist nicht leicht, den Absprung zu finden". Dazu ist einfach zu viel passiert in Opas Karriere.

© SZ/sjo
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