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Volleyball:Lokomotive auf Abwegen

Kaweh Niroomand

Vermisst die Perspektiven in der deutschen Volleyball-Liga: Berlins Manager Kaweh Niroomand.

(Foto: Rainer Jensen/dpa)

Die Liga droht ihren Serienmeister zu verlieren: Die Berlin Volleys erwägen einen Umzug nach Polen.

Die Berlin Volleys haben in den vergangenen Jahren immer wieder mal über eine Zukunft jenseits der deutschen Grenze nachgedacht. Das Credo ihres mächtigen Managers Kaweh Niroomand ist die eigene Weiterentwicklung, und die sieht der Klub, der sieben der vergangenen acht Meistertitel in der Volleyball-Bundesliga (VBL) gewann, in der Heimat schon länger gefährdet. Den mit dem größten Etat der Liga ausgestatteten Hauptstädtern fehlt die Konkurrenz. Friedrichshafen kommt seit Jahren am Bodensee auch strukturell nicht mehr voran. Und Emporkömmlingen mangelt es oft an Nachhaltigkeit, wie dem sportlich erfolgreichen bayerisch-tirolerischen Projekt der Alpenvolleys, das kürzlich nach drei Jahren auch wegen der Corona-Krise endete.

Der abrupte Saisonschluss Mitte März, kurz vor den Playoffs, hat nun auch die Berliner massiv getroffen: Zuschauer- und Werbeerlöse aus verpassten Heimspielen gingen verloren, auch der Imagegewinn durch das Champions-League-Finalturnier in eigener Halle, das ebenfalls abgesagt werden musste. "Die VBL-Standorte werden nicht gestärkt aus dieser Krise hervorgehen", sagt Niroomand. Er droht nun unverhohlen damit, die Bundesliga mit seinen Volleys in Richtung polnischer Profiliga zu verlassen. Dorthin also, wo die Volleyball-Begeisterung so groß ist wie in kaum einem anderen Land der Welt. "Es gab einen Gedankenaustausch mit dem polnischen Verband, der Zustand der VBL hat uns dazu veranlasst", sagt Niroomand. Neben den Alpenvolleys haben in Rottenburg und Eltmann ja zwei weitere Männer-Erstligisten aufgegeben, für die kommende Saison haben nur zehn Vereine die Lizenz beantragt - inklusive des automatisch dafür qualifizierten VC Olympia Berlin, der Kaderschmiede des Verbands.

Die Berliner firmieren seit Jahren als werbeträchtige Lokomotive der Liga, sie haben den höchsten Zuschauerschnitt in ganz Volleyball-Europa, frühere Olympiasieger wie Zuspieler Sergej Grankin spielen bei ihnen. Zugleich kritisiert Niroomand, dass die VBL zwar mehr TV-Präsenz habe als früher, aber dass sie seit Jahren keinen Ligasponsor finde und sie noch immer Ausnahmegenehmigungen für nicht erstligataugliche Spielstätten vergebe. "Die VBL hätte sich längst Gedanken machen müssen, wie es strategisch weitergeht, anstatt nur den Spielbetrieb zu verwalten", sagt Niroomand, für den Polen nicht nur geografisch ein naheliegendes Ziel ist: "Polen hat mit Italien und Russland die stärkste Liga der Welt. Und in Berlin leben 100 000 polnische Mitbürger." Für die kommende Saison käme das Experiment noch zu früh, Berlin hat ohnehin nur in der deutschen Bundesliga eine Lizenz beantragt. Aber 2021/22 könnten die Volleys theoretisch ins Ausland wechseln.

Grenzüberschreitende Modelle könnten in Zukunft den Standort Deutschland stützen

Der VBL sind solche Pläne natürlich ein Dorn im Auge, ihr Präsident Michael Evers bezeichnete die Gedankenspiele ihres wichtigsten Klubs als "unsolidarisch". Er sei "erstaunt, dass ein Verein in der aktuellen Situation mit dem Gedanken spielt, die Solidargemeinschaft der Volleyball Bundesliga zu verlassen". Auch Konkurrenten wie der VfB Friedrichshafen sind wenig angetan von der Idee. "Dass das die Liga nicht gerade stärken würde, ist klar", sagt dessen Geschäftsführer Guido Heerstraß, der aber erst einmal abwarten will, ob und wann die Auswanderungspläne der Hauptstädter konkreter werden.

Die Idee ähnelt jedenfalls der von Hannes Kronthaler, dem Manager der Alpenvolleys, der in Österreich mit Dauermeister Innsbruck vor drei Jahren kein sportliches und strukturelles Fortkommen mehr gesehen hatte - und sich deshalb der Bundesliga anschloss. Bei Italiens Profiliga war Kronthaler zuvor mit seinem Ansinnen abgeblitzt. Dafür stimmte die VBL dann mit recht deutlicher Mehrheit für das grenzüberschreitende Projekt. Und womöglich wird die Liga in Zukunft noch öfter für solche Modelle werben müssen, sollten die Berliner abtrünnig werden. Wobei auch Niroomand klar ist, dass einem Wechsel nach Polen noch etliche Hürden im Weg stehen.

© SZ vom 26.05.2020

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