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Volleyball:Leben mit Filter

Corina Glaab Rote Raben Vilsbiburg

„Ein Verein, der in meinem Kopf und meinem Herz bleibt“: Corina Glaab (vorne) weiß, dass sie ihre Förderer irgendwann verlassen wird.

(Foto: Andreas Geißer/oh)

Corina Glaab, 19, zog mit 15 Jahren aus Hessen nach Vilsbiburg, um Profi-Volleyballerin zu werden.

Vilsbiburgs Erstliga-Volleyballerinnen haben eine Platzierung im Spitzenquartett der Liga weiter im Blick. Durch das 3:1 in Suhl am vergangenen Mittwoch kletterten sie einen Tabellenplatz nach oben und rangieren nun punktgleich mit dem Vierten Aachen auf Position fünf. Neben dem sportlichen Erfolg des Teams verfolgen die Verantwortlichen in Vilsbiburg aber noch ein weiteres Ziel: die Ausbildung junger Talente unter Realbedingungen. Diese beginnt idealerweise im frühen Teenageralter, zu einer Zeit also, zu der sich Jugendliche normalerweise von ihren Eltern abgrenzen, während sie sich gleichzeitig von ihnen in den Arm nehmen und das Mittagessen kochen lassen.

Es ist eine paradoxe Lebensphase, in der alle möglichen Wege gleichzeitig offenstehen, aber durchweg miserabel beschildert sind. Im Rückblick ist der Lebenslauf an dieser Stelle selten geradlinig, was nicht schadet, sofern man keine Karriere im Leistungssport anstrebt. Denn der, sagt Vilsbiburgs Geschäftsführer André Wehnert, warte auf niemanden. Es gebe "eine kurze Phase", in der die Anpassung von Trainingsumfängen an ein professionelles Niveau ideale Effekte zeitige - und in der nahezu alles förderlicher ist als Paradoxe.

Trotz der Erfolgsbilanz ist das Vilsbiburger Internat aktuell fast leer, nur eine Spielerin wohnt dort

Zuspielerin Corina Glaab übersprang die turbulente Findungsphase deshalb und begann mit 15 Jahren, 325 Kilometer von ihrem hessischen Elternhaus entfernt, über Nacht ein eigenes Leben; ein Leben mit Volleyball-Filter, der ihr neben der Schule Zeit für bis zu acht Trainingseinheiten pro Woche freiblockte. Glaabs ältere Schwester, die in der zweiten Liga spielt, hatte Vorarbeit geleistet, als sie mit 16 nach Wiesbaden gewechselt und bei einer Gastfamilie eingezogen war. "Meine Eltern wussten schon, wie das abläuft, dadurch war es nicht mehr so schwer", sagt Glaab. Vor die größten Probleme stellte sie die Umstellung auf das bayerische Schulsystem. Davon abgesehen habe sie bereits nach dem ersten Jahr oft von zu Hause gesprochen, wenn sie Vilsbiburg meinte. Glaab absolvierte ihre letzten drei Schuljahre dort, es gab eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, es wurde für sie gekocht und gewaschen. Was sich durch ihre frühe Selbständigkeit jedoch änderte, war der Blick auf diese Versorgung. Was für Gleichaltrige zu Hause normal ist, empfand Glaab in der Fremde "ein bisschen als Luxus".

Sie realisierte schnell, dass ihr Hobby ein Beruf werden könnte, spielte in der Zweitliga-Reserve - und arbeitete sich von dort an ihre heutige Rolle als Partnerin von Nationalspielerin Lena Möllers im Zuspiel heran. Glaab, die mittlerweile 19 Jahre alt ist, ist nicht die einzige, die in ihrem frühen Entschluss den Beginn ihrer Karriere als Profisportlerin sieht.

Auch ihr Trainer Timo Lippuner sagt: "Das ist exakt die Grundsatzentscheidung, die den Unterschied ausmacht. Wenn eine Spielerin sie früh trifft, ist das ein Zeichen dafür, dass sie es schaffen will - und kann." Die mittlerweile 19-Jährige bekommt von Lippuner keine Sonderbehandlung. "Wenn sie spielt, muss sie etwas leisten", sagt er, "dem Gegner ist es auch egal, dass sie jung ist." Der einzige Unterschied sei, "dass man jungen Spielerinnen mehr Zeit zum Lernen gibt, wenn im Spiel etwas noch nicht klappt".

Glaab ist nicht die einzige aktuelle Erstliga-Spielerin, die aus dem Vilsbiburger Ausbildungsbetrieb hervorging und von der Mischung aus Fordern und Förderung profitierte. Die Nationalspielerinnen Anna Pogany (jetzt Schwerin) und Lena Stigrot (Dresden) gehörten zum ersten Jahrgang. Glaabs ehemalige Mitbewohnerin Paula Hötschl steht mit ihr gemeinsam im Profi-Kader.

Trotz der Erfolgsbilanz ist das Internat aktuell jedoch fast leer: Regulär als Schülerin wohnt dort derzeit lediglich eine Spielerin. Wehnert bedauert diesen Umstand. Er schreibt ihn neben jahrelangen Versäumnissen des Volleyball-Verbands bei der Mitgliederakquise "einem gesellschaftlichen Wandel" zu. Mehr Möglichkeiten bedeuteten viel Ablenkung und Eltern, "die wollen, dass ihre Töchter neben Tanzen, Flöte und Volleyball noch drei andere Dinge machen". Das eröffne nicht nur Wege, sondern sperre auch welche. Es seien weniger Jugendliche dazu bereit, sich für etwas - und damit gegen vieles andere - zu entscheiden, und man müsse ehrlich sein: "Leistungssport bedeutet zu verzichten."

Glaubt man Glaab, bezog sich dieser Verzicht jedoch nie auf das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. "Ich wurde hier sportlich aufgebaut, habe hier mein Abitur gemacht", sagt sie. Unabhängig von ihrer künftigen Laufbahn werde Vilsbiburg "immer ein Verein sein, der in meinem Kopf und meinem Herz bleibt". Ihr Vertrag läuft noch bis zum Ende der kommenden Saison. Dass die meisten Profi-Volleyballerinnen auch ihre Förderer irgendwann verlassen, weiß der Verein und weiß Glaab. Sie wirkt allerdings, als hätte sie es damit nicht übermäßig eilig. "Wenn es gut läuft, braucht man nicht zu wechseln", sagt sie. Und wer den ersten Schritt früher als viele andere macht, hat für den nächsten länger Zeit.