Volleyball:Strukturiert gegen Saurier

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"Wir haben beschlossen, dass da endlich mal was passieren muss": Elena Kiesling stemmt sich gegen die gläserne Decke, die auch im deutschen Frauenvolleyball existiert. (Foto: Claus Schunk)

Im deutschen Spitzenvolleyball werden auch Frauenteams fast ausschließlich von Männern trainiert. Die Trainerinnen Elena Kiesling und Christy Swagerty, die sich am Sonntag mit ihren Zweitligisten Lohhof und Altdorf duellieren, wollen das ändern - mit ihrem gemeinsamen Projekt "Womxn 4 Volleyball".

Von Katrin Freiburghaus

Wenn sich die Zweitliga-Volleyballerinnen aus Lohhof und Altdorf an diesem Sonntag (16 Uhr) auf dem Feld begegnen, wird es wie an jedem anderen Spieltag um Punkte gehen. Daneben haben die Trainerinnen der beiden Vereine aber noch etwas anderes geplant: die Vorstellung ihres gemeinsamen Projekts, einer Vernetzungsplattform von Frauen für Frauen im Volleyball, kurz "Womxn 4 Volleyball". Von der Athletin bis zur Trainerin sollen Frauen dort im ersten Schritt Erfahrungen austauschen, Ansprechpartnerinnen und Unterstützung finden können. Langfristig, so hoffen die Initiatorinnen, sollen weiterführende Angebote hinzukommen, die im besten Fall zu einer Veränderung in den Klubführungen und auf den Trainerbänken beitragen.

Denn während sich Elena Kiesling (Lohhof) und Christy Swagerty (Altdorf) zweimal pro Saison als sportliche Gegnerinnen gegenüberstehen, haben sie den Rest der Zeit vor allem etwas gemeinsam: Sie sind oft allein. Sie sind zwei von drei Cheftrainerinnen in der gesamten zweiten Liga Süd der Frauen. In der Nordstaffel gibt es sogar lediglich zwei. Dass Männermannschaften Trainer haben, mag noch einleuchten, warum es sich bei den Frauenteams fast überall genauso verhält, hingegen nicht.

Altdorfs Teammanagerin Annemarie Böhm bedauert diese fehlende Diversität, "weil man dadurch sehr viel Potential verschenkt". Bedauert haben das freilich schon viele, der Unterschied im konkreten Fall besteht darin, dass es Kiesling und Swagerty reichte. Die Kombination aus den öffentlichen Enthüllungen über Machtmissbrauch gegenüber Athletinnen von Schwimmen bis Handball in den vergangenen Monaten und den eigenen Alltagserfahrungen im Volleyball habe "das Fass einfach zum Überlaufen gebracht", sagt Kiesling, "wir haben beschlossen, dass da endlich mal was passieren muss".

Das Phänomen der gläsernen Decke greift selbst im Volleyball, einer Sportart also, in der Frauen- und Männerligen vergleichbar viel Aufmerksamkeit zukommt

Es gibt sie auch im Volleyball, die unangenehmen Geschichten, von denen Spielerinnen im Umgang mit ausschließlich männlichen Trainerteams erzählen: Sexismus, übergriffige Annäherungsversuche, Beleidigungen unter der Gürtellinie. Aber es braucht aus Kieslings Sicht nicht einmal grobes Fehlverhalten, um ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis auf Trainerbänken voranzutreiben. Es gebe Themen, die Frauen im Umgang mit Spielerinnen schlicht anders angingen. Im Nachwuchsbereich sei es etwa "völlig normal, dass 15-Jährige gewogen werden oder ihnen nach den Ferien gesagt wird, sie seien zu dick". Kiesling ist sich sicher: "Das passiert seltener, wenn Frauen Mädchen trainieren. Ich rede nie über Gewicht, weil ich weiß, dass das ein sensibles Thema ist, bei dem man sehr schnell sehr viel kaputtmachen kann."

Man könnte Kiesling und Swagerty nun als Positivbeispiele dafür anführen, dass es durchaus möglich ist, Trainerin zu werden, und folgern, dass es vielleicht einfach nur mehr Frauen bräuchte, die diese Position anstrebten. Doch an dieser Stelle widerspricht Kiesling entschieden. Sie seien die Ausnahme. Genau dafür müsse man "ein Bewusstsein schaffen", und auch dafür, warum das so ist, "weil einfach alle an die aktuelle Struktur mit all ihren Facetten gewöhnt sind". Zu diesen gehöre, dass Trainerinnen aufgrund ihres Geschlechts für die Physiotherapeutin gehalten werden, aber auch mangelnde Unterstützung für angehende Trainerinnen, das Fehlen von Vorbildern und Präferenzen bei der Stellenbesetzung, die nicht immer mit fachlicher Qualität zu tun haben. Das mag nach minimal höheren Hürden klingen, aber es sind viele.

In der Summe entsteht daraus das Phänomen der gläsernen Decke, in Politik und Wirtschaft ein längst gut ausgeleuchteter Forschungsgegenstand, der das Hindernis für Frauen beim Aufstieg umschreibt. Es greift selbst im Volleyball, in einer Sportart also, in der Frauen- und Männerligen vergleichbar viel Aufmerksamkeit zukommt. Dass die operativen Gremien der Volleyball Bundesliga aktuell relativ ausgeglichen mit Männern und Frauen besetzt sind, zeugt von ernstem Bemühen, wirkt sich bislang allerdings nicht bis in die Vereine aus. An diesem Punkt setzt Kieslings Idee an, die ihr Projekt weder als Vorwurf noch als Angriff verstanden wissen will. Nur ließen sich fest etablierte Strukturen eben kaum von Einzelpersonen kippen - nicht einmal dann, wenn sie in Gremien sitzen. "Menschen stellen bevorzugt Menschen ein, die ihnen ähnlich sind", sagt sie, "also Männer in der Regel Männer."

Auf diese Weise reproduziere sich "das bestehende System immer wieder selbst", sagt Kiesling. Sich darüber zu wundern, ist in etwa so, als würde man ein Bild von einem Dinosaurier auf den Kopierer legen und dann jedes Mal staunen, wenn auf der Kopie kein Leopard zu sehen ist, sondern wieder ein Dinosaurier. Das zu ändern werde "Zeit, Energie und Nerven kosten", sagt Kiesling, "und man braucht wirklich gute Mitstreiterinnen". Eine hat sie bereits gefunden. Das ist übrigens genauso viel, wie es Cheftrainerinnen in der ersten Liga gibt, aber vielleicht trotzdem ein Anfang.

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