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Volleyball:Experimenteller Seitenwechsel

Abwehr von Deutschland Kapitaen Fabian Sagstetter 2 TV Schweinfurt Oberndorf 17 08 2019 Faus

Einer der besten Spieler seines Sports: Der Schweinfurter Fabian Sagstetter, hier im Sommer bei der Faustball-WM im Spiel gegen Österreich.

(Foto: Felix Stoeldt/imago)

Vom Faustball-Weltmeister zum Volleyball-Profi: Fabian Sagstetter hat sich beim Erstligisten Eltmann als Libero versucht - mit ernüchterndem Ergebnis.

Fabian Sagstetter hat in seinem Sport so ziemlich alles gewonnen: 2011, damals an seinem Geburtstag vor mehr als 7500 Zuschauern im Stadion von Krems, wurde er Weltmeister. 2015 und 2019 auch. 2016 und 2018: Europameister. 2013 und 2017: World-Games-Sieger. Zweimal erhielt Sagstetter das Silberne Lorbeerblatt, die höchste Auszeichnung des Staates für deutsche Sportler. Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, dass der Schweinfurter Nationalmannschafts-Kapitän einer der besten Spieler seines Sports ist. Die Öffentlichkeit kennt ihn trotzdem kaum, Sagstetter, den Faustballer.

Das Spiel ist nicht olympisch, es existiert nur am Rand, die wenigsten Deutschen dürften wissen, dass ihr Land weltweit führend im Faustball ist: Mit 18 WM-Titeln bei Frauen und Männern führt es weit vor Brasilien (drei). Der aktuelle deutsche Männermeister heißt TSV Pfungstadt, er kommt aus einem Ort, den man aus dem Radio kennt: "Zwischen Pfungstadt und Darmstädter Kreuz acht Kilometer Stau." Sagstetter spielt zwar nicht für Pfungstadt, dafür aber seit 1996 für den TV Schweinfurt-Oberndorf, und seit langer Zeit in der Bundesliga. Sein Vater Joachim trainiert das Team. Auch Sagstetters Onkels und der Opa waren erfolgreiche Faustballer, seine Cousins Jonas und Benedikt sind dagegen Volleyball-Profis, sie spielen bei den Erstligisten Eltmann und Herrsching - und waren für Fabian Sagstetter in letzter Zeit sozusagen Vorbilder.

"Er hätte das irgendwann geschafft. Aber erst irgendwann."

Denn im Sommer, kurz nach dem jüngsten WM-Sieg, begann für ihn ein gewagtes Experiment: Der Faustballer Sagstetter unterschrieb bei Aufsteiger Eltmann einen Einjahres-Vertrag, als Libero in der ersten Liga. Als Quereinsteiger aus einer artverwandten, aber völlig anderen Sportart. Er wollte diesen neuen Reiz, und Eltmanns Manager Rolf Werner hatte ihn im Frühjahr bei einem Gespräch überzeugt. "Er ist der ideale Libero für uns, er erfasst blitzschnell Spielsituationen und kann Bälle hervorragend annehmen. Zudem ist er mit 75 Länderspielen mit allen Wassern gewaschen", sagte Werner. Für Trainer Marco Donat war Sagstetter "das fehlende Puzzleteil". Sagstetter selbst, der seine Masterarbeit in Wirtschaftspädagogik und Sport im Sommer beendet hat, freute sich auf "eine neue Chance, mich auf höchstem Niveau sportlich zu beweisen". Er zog in das Haus, in dem sein Cousin Jonas wohnte, in die Wohnung gegenüber. Und ahnte nicht, wie schwierig alles werden würde.

Volleyball und Faustball sind zwar beides Rückschlagspiele, der Ball muss nach maximal drei Berührungen über ein Netz auf den gegnerischen Boden befördert werden. Damit enden aber schon fast die Gemeinsamkeiten. Denn die Faustballer dürfen den Ball nur mit einem Arm spielen, zwischen den Berührungen und nach der Netzüberquerung darf er aufspringen. Berührungen mit der Handfläche oder einem anderen Körperteil als dem Arm sind im Gegensatz zum Volleyball nicht erlaubt. Außerdem stehen beim Faustball nur fünf statt sechs Spieler auf dem Feld, das wesentlich größer ist als beim Volleyball. "Die größte Umstellung war es, meinen Laufradius einzugrenzen", sagt Sagstetter. Im Faustball ist der 29-Jährige Zuspieler, nimmt als solcher aber auch Bälle an. Der Libero im Volleyball spielt nur auf den hinteren drei Positionen, nimmt an, wehrt ab, spielt zur Not auch zu, zumeist auf sehr kleinem Raum. Vor allem muss er Aufschläge annehmen, die manchmal mit mehr als 100 km/h übers Netz donnern - mit beiden Händen, vor und neben dem Körper, teils über dem Kopf. Er hat kaum Zeit zu überlegen, anders als Faustballer.

Sagstetter trainierte zweimal am Tag, lernte, die Mannschaft respektierte ihn, den Weltmeister, auch als ihren neuen Libero. In Tobias Werner, den Sohn des Managers, hatte Eltmann einen weiteren Libero verpflichtet, einen 21-Jährigen. Er sollte den Annahmepart übernehmen, Sagstetter im Wechsel mit ihm den Abwehrpart, wegen seiner starken Reflexe und seiner Fähigkeit, das gegnerische Spiel zu lesen. Die Abwehr funktioniert im Volleyball ja oft auch nur mit einem Arm.

Sagstetter spielte zum Auftakt gleich gegen Pokalsieger Friedrichshafen, dann noch in Königs Wusterhausen und gegen Frankfurt. Es waren Kurzeinsätze, in der Annahme kam er nur zum Einsatz, wenn Eltmann sehr unter Druck stand. Die drei Spiele mit Sagstetter haben sie dann alle verloren. Und dann sagten ihm die Verantwortlichen Ende Oktober, dass sie nicht mehr mit ihm planen. Nach vier Liga-Spieltagen, nicht einmal einen Monat nach dem Saisonstart. "Es war too much für Fabi. Er hätte das geschafft irgendwann. Aber erst irgendwann", sagt Trainer Donat: "Er hat Volleyball verstanden, die Abwehr, die er rausgehauen hat, war richtig gut", findet Donat: "Aber die Annahmetechnik wird in der ersten Liga gnadenlos bestraft."

Ziel ist das Final-Six-Turnier um die deutsche Meisterschaft

Sagstetters Cousin Jonas sprang dann ein als Libero, obwohl er Außenangreifer ist, Werner war auch noch zu unerfahren. "Extrem schade" findet es Jonas Sagstetter, dass sein Cousin nicht mehr im Team ist. Eltmann hat stattdessen Anfang November im Japaner Shunsuke Watanabe einen neuen Abwehrchef verpflichtet - und fünf weitere Spiele in Serie verloren. Das Schlusslicht muss sich mit fünf Punkten Rückstand auf den Klassenerhalt so langsam Gedanken machen, was die tiefer liegenden Gründe für die Misere sind. Es droht der direkte Wiederabstieg.

Und Fabian Sagstetter? Begeistert ist er nicht über das abrupte Ende seines Abenteuers. Er war ja ganz zufrieden mit seinen Fortschritten. "Ich möchte nicht nachtreten", sagt er, "aber ich habe mir das anders vorgestellt. Ich hätte mir auch eine Chance in der Annahme erhofft, ich hätte es geschafft. Vielleicht hätte das in einem anderen Umfeld besser geklappt." Sagstetter hätte sich gewünscht, dass man ihn besser auf seine Rolle vorbereitet, es habe beispielsweise nur sehr sporadische Videoanalysen gegeben. "Die Mitspieler waren eine große Hilfe. Aber im Nachhinein würde ich mich besser informieren, was die Vorstellungen des Vereins sind."

Inzwischen ist er zurück in Schweinfurt-Oberndorf, bei den Faustballern, von denen er freigestellt war für seinen Volleyball-Ausflug. Sie haben ihn vermisst, ihren Führungsspieler. Das erste Spiel mit Sagstetter gewannen sie dann gleich gegen Mannheim. An diesem Samstag wollen sie bei ihrem Heimauftakt auch Waibstadt bezwingen. Sagstetter hat ein paar Extraschichten eingelegt, "ich habe nicht das Gefühl, hinterherzuhängen nach der verpassten Saisonvorbereitung". Sein Ziel ist nun das Final-Six-Turnier Anfang März in Mannheim um die deutsche Meisterschaft. Er ist froh, wieder zu Hause zu sein.