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Volleyball:"Es geht ums Überleben"

Benedikt Frank (Trainer NAWARO Straubing) / Allianz MTV Stuttgart - NAWARO Straubing / Deutschland DVV CUP Achtelfinale; benedikt frank straubing

„Man muss gerade glücklich sein, dass überhaupt etwas stattfindet“: Straubings Trainer Benedikt Frank hofft auf einheitliche Regelungen für den Profisport – und fürchtet den nächsten Abbruch der Volleyball-Saison.

(Foto: Sandy Dinkelacker/Imago)

Straubings Trainer Benedikt Frank spricht vor dem Bundesliga-Derby bei den Roten Raben Vilsbiburg über die lange Zeit der Quarantäne, weinende Spielerinnen und Einkaufstüten vor der WG-Tür.

Interview von Sebastian Winter

Benedikt Frank sagt vorsorglich schon mal "sorry" am Telefon. Für den Fall, dass der Empfang gleich schlechter wird oder das Gespräch etwas ruckelt. Der Trainer des Volleyball-Bundesligisten Nawaro Straubing muss sich noch schnell die Schuhe binden, dann ab ins Auto und schnell zum Corona-Test. Die Volleyball-Bundesliga verlangt diese Tests ja inzwischen wöchentlich. Auch von Straubing, das am Donnerstag zum Derby nach Vilsbiburg (18 Uhr, Sport 1) fährt - und zuletzt kaum noch richtig trainieren konnte, weil vier Spielerinnen in Quarantäne waren. Im Interview spricht der 40-Jährige über Einsamkeit, helfende Hände und die Folgen eines möglichen Saisonabbruchs.

SZ: Herr Frank, an diesem Donnerstag ist Derby gegen Vilsbiburg. Aber das Sportliche wird wohl kaum im Vordergrund stehen. Denn vier Ihrer Spielerinnen, die Italienerin Claudia Provaroni, die Niederländerin Iris Scholten, die Norwegerin Kjersti Norveel und die deutsche Mittelblockerin Jana Schweigmann, waren bis Ende vergangener Woche in Quarantäne. Wie geht es dem Team jetzt?

Benedikt Frank: Die Betroffenen wurden ja alle negativ getestet, alle sind gesund, auch körperlich fit. Aber volleyballerisch fit ist nur die Hälfte des Teams. Das hat man eindrucksvoll letzten Samstag gesehen beim Heimspiel gegen Schwerin. Woher soll es auch kommen nach der Pause?

Ihr Team hat aber nur 2:3 gegen den zwölfmaligen deutschen Meister verloren.

Ja, und die paar Zuschauer in der Halle sind auch alle ausgeflippt wegen der schönen Leistung und dem Punkt, den wir geholt haben. Aber es gab Abstimmungsprobleme, fehlendes Timing. Die Vier kamen ja direkt aus der Quarantäne aufs Feld.

Fühlen Sie sich da nicht auch im Training manchmal wie im falschen Film?

Einerseits ist es total krass, weil man bisher nie so richtig das Gefühl hatte, in einer Wettkampfsituation zu stecken. Andererseits konnte man an individuellen Dingen arbeiten, für die unter Wettkampfbedingungen kaum Zeit ist. Ich musste in den letzten Wochen Trainingspläne immer wieder umschreiben, das kam zum Druck von außen, der in so einer Bundesligasaison ja ohnehin herrscht, noch hinzu. Das war heftig, auch für den Kopf. Da geht es dann auch um das Thema Belastungssteuerung.

Für Sie selbst oder für die Spielerinnen?

Für alle. Am vergangenen Wochenende haben wir dann übertrainiert: Am Samstagabend war das Spiel gegen Schwerin, am Sonntagfrüh Krafttraining, abends Balltraining. Hört sich blöd an, aber am Freitag waren die vier betroffenen Spielerinnen ja erst aus der Quarantäne draußen. Wir haben gesagt, wir sollten trainieren, wir brauchen Ballkontakte, wir müssen lernen, wieder Volleyball zu spielen.

Ihr Team war am 9. Oktober gerade in Wiesbaden angekommen, wo es tags darauf sein zweites Saisonspiel gehabt hätte, als der Anruf bezüglich des Positivtests im Teamumfeld kam. Der Bus mit Ihnen und den Spielerinnen fuhr noch in der Nacht zurück. Wie hat die Mannschaft darauf reagiert?

Sie sind weggebrochen, haben geweint, wussten nicht, was sie machen sollen. Das ist keine einfache Situation, gerade für die Ausländerinnen, die in einem fremden Land sind, noch dazu hier in Niederbayern, was noch spezieller ist. Für die Neuen ist ja auch ihre Wohnung hier in Straubing ein unbekannter Ort. Man darf das jetzt nicht überdramatisieren, aber die Mädels sind da noch etwas sensibler als manche Jungs.

Die Profis kommen aus vielen anderen Ländern, müssen sich integrieren. Stattdessen musste mehr als ein Drittel des Teams in Isolation. Wie war diese Zeit?

Warten Sie mal kurz, ich werde gerade im Auto corona-getestet...

Oh, kein Problem.

(eine Minute später) Tschuldigung, bin wieder da. Ganz ehrlich: Die Zeit war nicht so schön. Glück im Unglück war, dass die vier in zwei Zweier-WGs wohnen. Unsere anderen beiden WGs waren also nicht betroffen. Sie haben viel Netflix geschaut, Gesellschaftsspiele gespielt und dann eine Rangliste erstellt, "Games in Prison" haben sie sie genannt. Sie haben viel nach Hause telefoniert und von uns Fitnesspläne bekommen. Manche waren so gelangweilt, dass sie das Programm zweimal am Tag gemacht haben. Es ist krass, das einfach so abzusitzen. Du wirst da ja auch genügsam.

Welche Hilfe haben Sie geben können?

Wir Trainer haben ihnen Yogamatten, Kugelhanteln, Deuserbänder und anderes vor die WG-Tür gelegt. Die anderen Mädels aus der Mannschaft haben für sie Essen eingekauft. Letztendlich wurden alle negativ getestet, mussten aber weiter in Quarantäne bleiben. Das ist aber auch richtig, weil die Inkubationszeit ja laut Robert-Koch-Institut bis zu zehn, elf Tage betragen kann.

Ist es für Sie Wettbewerbsverzerrung, wie Patrick Steuerwald von den ebenfalls betroffenen Unterhachinger Volleyballern sagte, weil in Bayern diese 14-tägige Quarantäne gilt, man in manch anderem Bundesland aber nach dem ersten Negativtest wieder frei ist?

Es sind definitiv in den verschiedenen Bundesländern ungleiche Bedingungen, das ist kein vergleichbarer Wettbewerb. Stuttgart war mit der kompletten Mannschaft in Quarantäne, und glauben Sie, die fegen jetzt über die Liga hinweg? Eher nicht. Aber ich bin schon einen Schritt weiter.

Welchen?

Man muss gerade glücklich sein, dass überhaupt etwas stattfindet. Die Spieler, wir alle, wollen unsere Jobs behalten. Jetzt geht es darum, Volleyball zu retten, es geht wirklich ums Überleben. Schauen Sie nach Belgien, Tschechien, Holland: Da haben die Volleyball-Profiligen schon überall zugemacht. In Tschechien wird gerade nicht mal mehr Fußball gespielt.

Macht es für die Volleyball-Bundesliga da überhaupt noch Sinn, weiterzuspielen?

Ich denke schon. Wenn wir sie jetzt unterbrechen, macht die Saison später womöglich gar keinen Sinn mehr. Und wenn sie abgesagt wird, war's das ohnehin. Ergebnisse sind momentan zweitrangig, es geht gerade um etwas vollkommen anderes: Es geht um Präsentation. Wir müssen den Sponsoren eine Plattform bieten und die individuelle Entwicklung der Spielerinnen fördern.

Was würde es für Straubing bedeuten, wenn die Saison abgebrochen wird?

Viele Sponsoren müssten ihr Geld zurückverlangen, weil die Werbeleistungen, die im Vertrag stehen, nicht eingehalten wurden. Und wir haben weiterhin laufende Kosten. Die Spielerinnen haben Verträge, sie müssten in Kurzarbeit gehen oder Abfindungen bekommen. Das ist ein einfaches Rechenspiel. Wir würden mit einem gewaltigen Minus in die Saison starten. Oder man müsste aufhören mit allem.

Wenn Sie in diesen Wochen einen Wunsch frei hätten, was wäre das?

Ich hätte gerne eine einheitliche Regelung für den Profisport, auch länderübergreifend. Also beispielsweise gleiche Quarantänebestimmungen. Als Beispiel: Wie werden Kontakt-1-Personen, wie es unsere Spielerinnen waren, behandelt? Wird das bei Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern oder Dresden in Sachsen genauso gehandhabt? Das wäre der größte Schritt. Es wäre schön, wenn alle dieselben Voraussetzungen hätten, um auch an einem Strang zu ziehen und möglichst lange zu spielen.

Wie bekommen Sie in dieser Zeit eigentlich den Kopf frei?

Ach, ich wohne zehn Kilometer außerhalb von Straubing, zusammen mit meiner Hündin Blue. Ich gehe selten in die Stadt, wo man dauernd Maske tragen muss, dafür kann ich stundenlang über Felder spazieren oder mal schnell in den Bayerischen Wald. Da kommt man runter vom ganzen Alltag. Gemüse kaufe ich beim Bauern, und gerade ist meine Freundin für sechs Wochen da, eine tschechische Beachvolleyball-Nationalspielerin.

Für Straubing steht jetzt am Donnerstag das Derby in Vilsbiburg an - ganz ohne Zuschauer. Haben Sie Chancen?

(seufzt). Der sportliche Wert ist nicht entscheidend. Wissen Sie, was das Wichtigste ist? Dass wir Livespiel bei Sport 1 sind. Wie geil ist das denn? Für Nawaro Straubing ist es das Coolste auf der ganzen Welt. In unserer dritten Saison sind wir zum allerersten Mal auf Sport 1! Wir wollen ein tolles Derby, eine geniale Leistung zeigen.

© SZ vom 29.10.2020

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