Volleyball-EM der FrauenBeste Unterhaltung im Castello

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"Gänsehaut-Moment": Das Auftaktspiel fand in Verona vor historischer Kulisse statt.
"Gänsehaut-Moment": Das Auftaktspiel fand in Verona vor historischer Kulisse statt.
Abacapress/IPA Sport / Imago

Deutschlands Volleyballerinnen streben bei der EM das Viertelfinale an. Wichtiger als die Platzierung ist Bundestrainer Vital Heynen, dass sein Team und das Publikum in Düsseldorf Spaß haben.

Von Ulrich Hartmann, Düsseldorf

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Am Dienstag wurde die Europameisterschaft der Volleyballerinnen in der Arena von Verona eröffnet. 8800 Zuschauer kamen in das antike Amphitheater. Die Italienerinnen gewannen 3:0 gegen Rumänien. Die deutschen Volleyballerinen schauten sich das Spektakel miteinander im Mannschaftshotel in Düsseldorf und dachten: Wow!

"Das war beeindruckend", sagte Anna Pogany am Mittwoch. "Ein Gänsehaut-Moment", fand die Kapitänin Lena Stigrot. Die 28-Jährige spielt für einen Klub in der lombardischen Stadt Busto Arsizio und hat nach dem Spiel Nachrichten mit den Italienerinnen ausgetauscht. Sie schrieben, dass es recht windig war. "Es war wohl schwierig zu spielen", berichtete Stigrot.

Die deutschen Volleyballerinnen starten an diesem Donnerstag in ihre EM-Gruppe. In Düsseldorf gibt es kein antikes Amphitheater. Sie absolvieren ihre fünf Gruppenspiele in einem Castello, das ist Italienisch und heißt übersetzt Schloss. Aber so spektakulär die Location auch klingt, sie ist es nicht. Das Castello ist eine herkömmliche Sporthalle im Düsseldorfer Süden. 3300 Zuschauer finden hier Platz, und es wird voll sein, wenn es zum Auftakt gegen Griechenland geht. "Die Halle ist toll", sagt Anna Pogany. Der Bundestrainer Vital Heynen geht noch weiter: "Die Halle ist perfekt", sagt der 54 Jahre alte Belgier. Die Zuschauer sind nah dran, die Stimmung wird gut sein, und mit dieser Unterstützung wollen die deutschen Frauen in ihrer Sechsergruppe mindestens den zweiten Platz erreichen hinter der Supermacht Türkei. Als Zweite träfen sie im Achtelfinale vermutlich nicht gleich auf Serbien oder Polen, wenn es in Brüssel in die K.-o.-Runde geht. "Das Viertelfinale wäre ein super Ergebnis für uns", sagt Heynen.

Führt das DVV-Team als Kapitänin an: Lena Stigrot.
Führt das DVV-Team als Kapitänin an: Lena Stigrot.
Steve Cho Kyewoong/Penta Press / Imago

Es ist zehn Jahre her, dass eine Frauen-EM in Deutschland stattfand. Damals schafften es die Gastgeberinnen mit Spielerinnen wie Margareta Kozuch, Christiane Fürst, Maren Brinker und Lenka Dürr sowie mit dem italienischen Trainer Giovanni Guidetti ins Endspiel in Berlin, wo sie Russland mit 1:3 unterlagen. Bereits bei der EM 2011 hatten sie das Endspiel verloren (2:3 gegen Serbien). Nach 2013 kamen deutsche Volleyballerinnen bei vier Europameisterschaften nicht mehr auch nur ins Halbfinale.

"Volleyball ist ein ehrlicher Sport", sagt der Bundestrainer Heynen und meint damit, dass man an der Weltrangliste ganz gut ablesen kann, wie die Kräfteverhältnisse auf dem Spielfeld sind. Geht es nach der Weltrangliste, dann müsste die Türkei (Nr. 1) Europameister werden, Titelverteidiger Italien (Nr. 3), Serbien (Nr. 5) und Polen (Nr. 7) hätten beste Medaillenchancen. Deutschland (Nr. 11) müsste sich eventuell mit dem Viertelfinale begnügen, aber Heynen sagt: "Wenn wir früher rausgehen, aber gut gespielt haben - dann wäre das okay!"

Der Bundestrainer witzelt über das Vakuum im Verband: "Ich habe zurzeit keinen Boss - das ist doch angenehm."

Jeder einzelne Sieg bei der EM ist wichtig, weil die Olympiaplätze über die Weltrangliste vergeben werden. Deutschland ist als Elfter in guter Position. Heynen mag für die EM kein Ergebnisziel nennen, lieber ein emotionales: "Ich will, dass die Spielerinnen gut aussehen; es soll Spaß machen, ihnen zuzuschauen." Dass sie das ganz große Publikum über freie TV-Sender nicht erreichen werden, nervt den Trainer. Die EM ist für fünf Euro pro Spiel oder 15 Euro fürs Turnier im Internet bei sportdeutschland.tv zu sehen. "In Deutschland", sagt der Belgier, "kommt erst mal nur Fußball - bis zur vierten Liga." Dabei brauche man im Volleyball doch vor allem öffentliche Aufmerksamkeit.

Die sportliche Außenwirkung findet Heynen auch relevanter als die derzeit maue mediale Resonanz durch das Vakuum in der Verbandsspitze. Der Präsident René Hecht und seine drei Vizepräsidenten sind kürzlich zurückgetreten. Heynen begegnet solchem Verbandschaos demonstrativ lakonisch: "Ich habe zurzeit keinen Boss - das ist doch angenehm", witzelt er. Auch die Außenangreiferin Hanna Orthmann, die in Istanbul spielt, sorgt sich um die Verbandsstreitigkeiten nicht besonders. "Klar würde man sich mehr Stabilität wünschen", sagt sie, "aber auf unser Spiel hat das keinen Einfluss."

Orthmann war 14 Jahre alt, als in Deutschland die zuvor letzte Heim-EM stattfand. Sie besuchte Vorrundenspiele in Halle/Westfalen und berauschte sich als Zuschauerin an der Kulisse. Nun auf dem Feld stehen und eine solche Stimmung als Spielerin erleben zu dürfen, findet sie genauso "cool" wie Lena Stigrot und Anna Pogany, die die EM-Spiele damals im Fernsehen sahen, die als junge Vilsbiburger Bundesliga-Spielerinnen und angehende Nationalspielerinnen aber emotional stärker involviert waren. Jetzt spielen also alle drei selbst vor heimischem EM-Publikum.

Wer weiß, ob die deutschen Volleyballerinnen mal in einer Kulisse wie der Arena von Verona spielen dürfen. Ihr außergewöhnlichstes Volleyballspiel hatte Pogany mal im Tennisstadion von Halle/Westfalen, Stigrot vor Tausenden von Zuschauern in der Mannheimer Arena und Orthmann in Brasilien in einer halboffenen Halle, in die die Tauben hereinflatterten. Das Besondere wie solch ein Spiel in einer antiken Arena ist gar nicht mal so optimal im Volleyball, einem Sport, in dem es den Ball leicht verwehen kann. In ihrem Castello in Düsseldorf wollen die deutschen Spielerinnen alles schön kontrollieren können.

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