Volleyball:Eisbeutel statt Feuereifer

L-R Linus Weber, coach Andrea Giani and Julian Zenger (all ITA) in action during the Men s European Volleyball Champions

Gesichter, aus denen viel Enttäuschung spricht: Für die deutschen Volleyballer (Mitte Trainer Andrea Giani) ist im EM-Viertelfinale Endstation.

(Foto: Jaroslav Ozana /CTK Photo/Imago)

Mit einer desillusionierenden 0:3-Niederlage veraschieden sich die deutschen Volleyballer im Viertelfinale von der EM. Das Spiel gegen Italien zeigt, wie schmerzhaft der Umbruch in der Mannschaft werden dürfte.

Von Sebastian Winter, Ostrava/München

Es war ein Bild mit Symbolcharakter: Georg Grozer, der große, nicht mehr ganz junge Angreifer der deutschen Volleyballer, auf der Ersatzbank kauernd, mit Eisbeutel auf dem Knie. Mitte des ersten Satzes war das Europameisterschafts-Viertelfinale für den 36-Jährigen schon wieder vorbei. Doch um ehrlich zu sein: Mit oder ohne Grozer, dem ewigen Haudrauf und Emotionsbolzen - das hätte am Mittwoch in Ostrava ohnehin kaum einen Unterschied gemacht. Bevor er ausgewechselt wurde, hatte er die Bälle in den Block der überlegenen Italiener gehauen, was man so nicht kennt von Grozer. "Diesem Team hatten wir heute, mit oder ohne Georg, wenig entgegenzusetzen", sagte DVV-Sportdirektor Christian Dünnes nach der 0:3-Niederlage.

Grozer, eigentlich schon zurückgetreten, war vor der EM noch einmal ins Nationalteam zurückgekehrt. Nach der Niederlage, dem Abendessen im Hotelrestaurant und einer kurzen Nacht reiste er in aller Herrgottsfrühe nach Hause ab. Vorher sendete er noch Signale, weitermachen zu wollen - wenn seine Fitness es zulasse und die Mannschaft ihn brauche. Zugleich muss nun die Loslösung vom so wuchtigen wie großflächig tätowierten Diagonalmann und anderen Leitfiguren beginnen: ein so schmerzhafter wie notwendiger Prozess.

Jahrelang haben Spieler wie Grozer, der aktuell verletzte Zuspieler Lukas Kampa, 34, Kapitän Christian Fromm, 31, und Denis Kaliberda die Stammformation der DVV-Auswahl geprägt. Sie wurden 2014 gemeinsam WM-Dritter, gewannen ein Jahr später die Europaspiele in Baku und 2017 EM-Silber. Das Quartett steht für diese größten Erfolge der deutschen Volleyballer, zugleich hat gerade das Viertelfinale gegen Italien gezeigt, dass hinter ihnen ein Führungsvakuum entstanden ist.

Die DVV-Auswahl spielte hasenfüßig, obwohl sie gegen den dreimaligen Welt- und sechsmaligen Europameister nichts zu verlieren hatte, beim 10:17 im ersten Satz sagte Co-Kommentator Patrick Steuerwald bei Sport1+, einst selbst langjähriger Zuspieler im Nationalteam, "mir fehlt das Feuer". Die Körpersprache stimmte nicht, kaum ein Lachen, viel Anspannung, die Spieler wirkten verunsichert. Auch die Statistik trog nicht: kein einziges Ass, eine wacklige Annahme, kaum erhaschte Bälle in der Abwehr, eine vergleichsweise schwache Angriffsquote, 2:11 Blocks.

Italien hat den Umbruch bestanden, das war zu sehen, Coach Ferdinando De Giorgi hat ein im Schnitt 23 Jahre junges Ensemble geformt, dem auch bei dieser EM noch vieles zuzutrauen ist. Bundestrainer Andrea Giani, der als Spieler mit De Giorgi in den Neunzigern Weltmeister wurde, verzweifelte dagegen fast an der Seitenlinie. "Improve our level", flehte der äußerlich sonst oft so gelassene Neapolitaner seine Spieler in einer Auszeit im zweiten Satz an. Doch sie schafften es nicht, ihre Leistung zu steigern. Nach der Partie sagte Giani: "Es ärgert mich, dass wir unsere Charakteristik heute nicht zeigen konnten."

"Wir stehen an einem Scheideweg", hatte Bundestrainer Giani schon Anfang des Jahres gesagt.

In den Gruppenspielen hatten die DVV-Männer noch weitgehend überzeugt, auch bei ihrer einzigen Niederlage gegen Olympiasieger Frankreich. Durch den Achtelfinal-Erfolg gegen Bulgarien qualifizierte sich Gianis Mannschaft immerhin für die nächste EM. Gegen Italien fehlten Grozers Ersatzmann Linus Weber, 21, der auch sein Nachfolger werden soll, und den anderen Spielern, die das deutsche Team in die Zukunft führen sollen, dann aber der Mut und auch die Mittel. Dieses Bild zieht sich nun schon seit längerer Zeit durch die Nationalmannschaft, auch bei der verpassten Olympia-Qualifikation für Tokio war es so: Trifft sie in entscheidenden K.o.-Spielen auf hochkarätige Gegner, verlässt sie zuverlässig ihre Bestform. "Unser Potenzial ist noch nicht ausgereift", sagte Außenangreifer Moritz Karlitzek der SZ kurz vor dem Rückflug. Und, bezüglich des Umbruchs, der sich andeutet: "Es wird ein fließender Übergang."

Karlitzek, 25, der die Italiener mit seinen Angriffen noch am ehesten forderte, ist neben Spielern wie Weber, Libero Julian Zenger, 24, Außenangreifer Ruben Schott, 27, Zuspieler Johannes Tille, 24, oder den Blockern Anton Brehme, 22, und Tobias Krick, 22, ein Gesicht der neuen Generation, die aber noch zu brav wirkt. Bis auf Schott und Brehme (Berlin) spielten sie alle vergangene Saison im Ausland, allerdings noch nicht wie Grozer oder Kampa in Führungsrollen. Auch das ist ein Grund für die klare Niederlage gegen Italien.

Giani, der seit 2017 Bundestrainer ist, muss nun mit dem DVV entscheiden, ob er nach dem EM-Silber-Erfolg 2017 und eher stagnierenden Jahren danach nun auch diesen Übergang moderieren wird. Der italienische Rekordnationalspieler hatte seinen Vertrag zu Jahresbeginn nur für diese Saison verlängert. "Wir stehen an einem Scheideweg", hatte er damals gesagt. Ein Satz, der nichts von seiner Gültigkeit verloren hat.

© SZ/klef/grö
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