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Volleyball:"Das sind ja alles junge Hühner"

DVV-Pokal Allianz MTV Stuttgart II vs Dresdner SC 03.11.2019 Allianz MTV Stuttgart, Volleyball, 2. Bundesliga Süd , Dam

Sie drosch den Ball zum Satzgewinn ins Feld: die erst 18 Jahre alte Dresdnerin Emma Cyris.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

Vier Teenager verhelfen den Frauen vom Dresdner SC überraschend zum Pokalsieg über Meister Stuttgart. Dabei wehrt der Außenseiter gleich fünf Matchbälle ab.

Manche Medaillen haben keinen Wert. Und so dürfte Krystal Rivers am frühen Sonntagabend einer der unglücklichsten Menschen in der Mannheimer Arena gewesen sein. Um den Hals von Stuttgarts Diagonalspielerin baumelte die goldene MVP-Medaille, auch weil sie im Volleyball-Pokalfinale mal wieder gezeigt hatte, warum sie als "beste Angreiferin der Liga" gilt. 37 Punkte gelangen Rivers in diesem Endspiel des deutschen Meisters gegen den Dresdner SC, ein Wert, der an der oberen Grenze des Erreichbaren für Volleyballprofis liegt. Doch am Ende konnte die Amerikanerin, die mit dem Tethered-Spinal-Cord-Syndrom zur Welt kam, als Kind deshalb nicht laufen konnte und als 19-Jährige auch noch eine Krebserkrankung überwand, einfach nicht mehr. Die Dresdnerinnen, auf die kaum noch einer der mehr als 10 600 Zuschauer gesetzt hatte, gewannen den dramatischen Fünfakter mit 3:2 Sätzen (25:19, 20:25, 21:25, 28:26, 17:15).

Fünf Matchbälle hatten sie in einer der erstaunlichsten Comeback-Geschichten der Pokal-Historie abgewehrt: Zwei beim 22:24 im vierten Satz, in dem sie ohnehin schon 16:21 zurückgelegen waren. Zwei weitere beim 12:14 im fünften Satz. Den letzten dann, als es dort 14:15 stand. Mit drei Punkten in Serie gewannen sie dann dieses hochklassige Spiel und den sechsten Pokal nach 1999, 2002, 2010, 2016 und 2018. Zurück bleibt die Coolness, mit der Dresdens Lena Stigrot den ersten eigenen Matchball mit einem satten Angriff verwandelte. Zurück bleibt aber vor allem, dass ein Quartett aus deutschen U20-Spielerinnen Dresden diesen Erfolg ermöglichte: Sarah Straube, 17, Monique Strubbe, 18, Emma Cyris, 18, und Camilla Weitzel, 19.

"Da kann sich jeder eine Scheibe von abschneiden. Auch so eine alte Oma wie ich", sagt Libera Dürr, 29

Strubbe und Straube gehen gemeinsam in die 11. Klasse des Dresdener Sportgymnasiums, Strubbe hatte erst am vergangenen Mittwoch bei der 2:3-Heimniederlage gegen Vilsbiburg ihre Bundesliga-Premiere. Weil Blockerin Ivana Mrdak wegen einer Thrombose im Schulterbereich kurzfristig ausfiel, stand die Schülerin in Mannheim vier Tage später in ihrem ersten Endspiel bei den Profis. Sie spielte dann komplett durch in dieser hitzigen Atmosphäre, machte elf Punkte und zwei Blocks. Weitzel, die schon EM-Erfahrung im Nationalteam hat und mit den Frauen im Januar erst im Finale der Olympia-Qualifikation an der Türkei gescheitert war, gelangen 16 Punkte und drei Blocks. Cyris drosch im vierten Satz den entscheidenden Ball zum 28:26 ins Stuttgarter Feld, danach rannte sie Richtung Netz und schrie ihre Erleichterung den Gegnerinnen ins Gesicht. Straube, die Zuspielerin, hatte den härtesten Job: Sie ersetzte am Ende des vierten Satzes und im fünften Satz, in den entscheidenden Minuten also, die von einer Magen-Darm-Grippe geschwächte Brie Joy King. "Wir haben hier die Zukunft des deutschen Volleyballs gesehen", schwärmte Dresdens Geschäftsführerin Sandra Zimmermann, "das sind ja alles junge Hühner, und die Jungschen waren bereit."

Mit dieser jugendlichen Not-Aufstellung bezwang Dresden Stuttgart, den deutschen Meister und Champions-League-Viertelfinalisten von 2019, was Libera Lenka Dürr fast fassungslos machte: "Die Jungen sind so frisch, so furchtlos, da kann sich jeder eine Scheibe von abschneiden. Auch so eine alte Oma wie ich." Dürr ist 29, also im Grunde eine eher junge Oma, die aber ziemlich leiden musste: Am Ende des dritten Satzes prallte sie mit dem Kopf an Cyris' Knie, wurde in den Auszeiten am Nacken massiert - und spielte weiter.

Dresden ist ja ohnehin gebeutelt in dieser Saison, auch durch viele Verletzungen hat der Klub den Anschluss zu Schwerin und Stuttgart verloren. Die beiden Ligaführenden seien auch "wirtschaftlich enteilt", sagt Zimmermann. Dafür hat Dresden Cyris und Weitzel mit mehrjährigen Verträgen ausgestattet, auch die von Straube und Strubbe sollen bald verlängert werden.

Die Mannschaft feierte nach dem Pokalsieg eine Busparty auf dem Weg zurück nach Dresden, mit Sekt und Siegesliedern in verschiedenen Sprachen. Am Dienstag reisen sie schon weiter, von Berlin aus zum griechischen Inselklub Thiras Santorini. Das Viertelfinale im Challenge-Cup steht an. Für Strubbe und Straube sind das wohl die aufregendsten Winterferien ihres Lebens.

© SZ vom 18.02.2020
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