Virgil van Dijk Er durchschaut das Spiel

Virgil van Dijk (r.) im Duell mit Frankreichs Antoine Griezmann.

(Foto: imago/DeFodi)
  • Der niederländische Kapitän Virgil van Dijk, im Winter zum FC Liverpool gewechselt, ist der teuerste Innenverteidiger der Welt.
  • Um den Abwehrchef herum möchte Trainer Ronald Koeman ein Team entwickeln, das den Niederlanden nach dem Verpassen der letzten Welt- und Europameisterschaften wieder den Respekt der Konkurrenz sichert.
  • Sein Verständnis für die Vorgänge auf dem Platz gibt van Dijk eine Selbstsicherheit, die sich auf die eigene Mannschaft überträgt - nur manchmal zeigt sich eine gewisse Trägheit in seinem Spiel.
Von Sven Haist

Die großen Namen aus der Vergangenheit lassen sich nicht einfach vergessen. Für das Publikum hat es sich früher oft allein schon wegen Spielern wie Robin van Persie, Arjen Robben oder Ruud van Nistelrooy gelohnt, ein Spiel der niederländischen Fußballnationalmannschaft zu verfolgen. Genauso wegen Clarence Seedorf, Edgar Davids oder Dennis Bergkamp; die weiter zurückliegende Generation. Der Verlust an Vorzeigeprofis im Nachbarland wird richtig auffallend, sobald man sich vergegenwärtigt, dass einst auch die weltbekannten Frank Rijkaard, Marco van Basten und Johan Cruyff den Voetbal totaal auf dem Spielfeld interpretierten.

Im aktuellen Aufgebot der Niederlande vor dem Duell mit Deutschland am Samstag in der neu gegründeten Nations League befinden sich nach wie vor allerhand Spieler aus international renommierten Vereinen; wenige aber schafften es, sich aus der Unmenge an Profis nachhaltig abzuheben. Vermutlich würde das auch für Virgil van Dijk zutreffen, der bis zu Beginn des Jahres für den mittelklassigen FC Southampton in der Premier League seinen Dienst verrichtete. Erst als er im Winter zum teuersten Verteidiger der Welt wurde infolge seines Wechsels zum FC Liverpool für geschätzte 80 Millionen Euro, ist die Fußballbranche wirklich auf ihn aufmerksam geworden.

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Diese Ablöse bringt van Dijk den Status des renommiertesten Spielers der Elftal ein. Im Frühjahr verstärkte Ronald Koeman diese Wahrnehmung noch, indem er van Dijk mit seiner ersten Amtshandlung als Bondscoach zum Kapitän der Auswahl bestimmte. Um den Abwehrchef herum möchte Koeman ein Team entwickeln, das den Niederlanden nach dem Verpassen der letzten Welt- und Europameisterschaften wieder den Respekt der Konkurrenz sichert.

Ähnlich, wie ihm das in seiner zweijährigen Tätigkeit in Southampton gelungen war. Die erfolgreichste Premier-League-Saison in der Klubgeschichte mit Platz sechs vor zwei Jahren ereignete sich just, nachdem Koeman zu Beginn der Spielzeit 2015/'16 darauf bestanden hatte, den damals unbekannten van Dijk für etwa 15 Millionen aus einem Vertrag bei Celtic Glasgow herauszukaufen. Während sich Koeman dann zum FC Everton absetzte, unterschrieb van Dijk einen Kontrakt über sechs Jahre in Southampton. Eine Saison später begab sich der Innenverteidiger in einen an Arbeitsverweigerung grenzenden Streik, um seinen Wechsel nach Liverpool zu erzwingen. Seitdem spielt Southampton gegen den Abstieg.

"Manchmal ist er zu cool, weil er um seine eigene Stärke weiß"

In Liverpool hat sich van Dijk, 27, ebenfalls auf Anhieb zum Anführer in der Defensive entwickelt. Seit Februar haben die Reds kein Gegentor mehr in einem Ligaheimspiel hinnehmen müssen. Van Dijk, 1,93 Meter groß, durchschaut das Spiel, bevor es auf ihn zukommt. Sein Verständnis für die Vorgänge auf dem Platz gibt ihm eine Selbstsicherheit, die sich auf die eigene Mannschaft überträgt.

Geprägt durch die niederländische Fußballschule, verfügt er über eine ausprägte Balltechnik. Sein Passspiel auf kurzer sowie langer Distanz hilft ihm in der Spieleröffnung, sogar Freistöße kann er mit Wucht und Präzision schießen. In der körperbetonten schottischen Liga hat van Dijk gelernt, sich gegen kampfeslustige Angreifer ohne Foul zu behaupten. Durch seine beachtliche Antrittsgeschwindigkeit und Positionierung auf dem Platz gelingt es ihm, dribbelstarke Spieler abzulaufen. Nur auf seiner ersten Profistation beim FC Groningen hat van Dijk in der Saison 2011/'12 einmal mehr als fünf gelbe Karten in einem Jahr erhalten.

Die Reife hat sich van Dijk in der Übergangsphase zum Erwachsenenfußball mühsam erarbeitet. In den Anfängen seiner Karriere galt er nicht unbedingt als trainingsfleißig. Die hin und wieder auftauchende Trägheit in seinem Spiel hat er noch nicht immer ganz ablegen können. Am Wochenende verursachte er durch eine Unaufmerksamkeit in der Schlussphase einen Elfmeter, den Manchester City im Spitzenspiel gegen Liverpool aber vergab. Bei der Niederlage zum Auftakt der Nations League unterlief ihm für die Niederlande gegen Frankreich der entscheidende Aussetzer. "Ich kenne ihn so gut, dass ich genau sehe, wo all seine kleinen Fehler liegen", sagt Koeman: "Virgil muss sich verbessern, nicht viel, aber manchmal ist er zu cool, weil er um seine eigene Stärke weiß."

Außerhalb des Platzes ist Virgil van Dijk, der in Breda an der Grenze zu Belgien aufwuchs, allerdings eher wenig zugefallen. Als eines von drei Kindern hat er die Trennung der Eltern seinem niederländischen Vater nicht verziehen, der einst die surinamische Mutter sitzen ließ. Deshalb steht sein Vor- statt sein Nachname auf dem Trikot. Für geringes Geld half van Dijk in seinen Jugendjahren in der Küche eines Restaurants aus, was ihn nun, dem Klischee entsprechend, vom Tellerwäscher zum Millionär macht. In Liverpool soll der teuerste Verteidiger der Welt zehn Millionen Euro pro Saison verdienen.

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