Fans am Straßenrand gehören zu Radrennen wie rasierte Beine oder die Dopingdebatte. Egal, ob im Hochgebirge, in Dörfern oder Großstädten: Meistens sind die Zuschauer nicht mal durch ein Absperrband von den Athleten getrennt. Sie können kostenlos an die Strecke kommen, schließlich nutzen die Veranstalter öffentliche Straßen. Sie jubeln, sammeln leere Trinkflaschen ein – oder protestieren.
Während der diesjährigen Spanienrundfahrt gehörten propalästinensische Demonstrationen zum Programm fast jeder Etappe. Am vergangenen Sonntag musste der letzte Tagesabschnitt in Madrid deshalb frühzeitig abgebrochen werden. Der dänische Sieger Jonas Vingegaard war gezwungen, auf seine Triumphfahrt zu verzichten. Nach Behördenangaben protestierten mehr als 100 000 Personen in der spanischen Hauptstadt. Mehr als 1000 Polizisten waren im Einsatz, trotzdem konnten Demonstranten an verschiedenen Punkten auf die Strecke dringen. Auch die offizielle Siegerehrung fand aus Sicherheitsgründen nicht statt. Später am Abend bauten die Fahrer auf dem Parkplatz eines Teamhotels aus Kühlboxen ein Podest und holten die Ehrung nach.
Ein Fahrer verletzte sich wegen der Proteste
In den drei Rennwochen waren bereits mehrere Etappen vom Veranstalter wegen Protesten verkürzt und teils ohne Sieger gewertet worden. Insbesondere das israelische Team Israel-Premier Tech war das Ziel der Demonstranten gewesen, dessen Besitzer, der kanadisch-israelische Milliardär Sylvan Adams, seine Equipe als Botschafter Israels versteht. Beim Mannschaftszeitfahren war der Rennstall mit Bannern an der Weiterfahrt gehindert worden. Der Spanier Javier Romo vom Team Movistar war wegen einer Protestaktion gestürzt und musste das Rennen aufgeben.
„Es ist schade, dass uns ein solcher Moment der Ewigkeit genommen wurde“, sagte Vingegaard in Madrid. Der Däne gewann im Trikot von Team Visma mit gut einer Minute Vorsprung vor João Almeida (UAE Team Emirates). Thomas Pidcock (Q36.5 Pro Cycling) wurde mit etwas mehr als drei Minuten Rückstand Dritter. Neben dem Gesamtsieg konnte Vingegaard auch drei Tagesabschnitte für sich entscheiden. Der Sieg auf der letzten Bergetappe am vergangenen Samstag unterstrich zudem die Stellung des 28-Jährigen als bester Kletterer im Rennen. Für Vingegaard ist es nach seinen zwei Tour-de-France-Erfolgen 2022 und 2023 der dritte Gesamtsieg bei einer der drei großen Landesrundfahrten. Die erfolgreichste Mannschaft wurde mit sieben Etappenerfolgen und dem Sieg in der Bergwertung UAE Team Emirates.
Der ehemalige Weltmeister Michal Kwiatkowski fürchtet, dass dies erst der Anfang war
Die Veranstalter von Radrennen und der Internationale Radsportverband (UCI) müssen nun überlegen, wie sie mit der Herausforderung von Protesten auf und neben der Strecke umgehen. Für Michal Kwiatkowski, Weltmeister von 2014 und Fahrer für Ineos Grenadiers, war die Vuelta erst der Anfang: „Von nun an ist allen klar, dass ein Radrennen als wirksame Bühne für Proteste genutzt werden kann, beim nächsten Mal wird es nur noch schlimmer werden, weil es jemand zugelassen und weggeschaut hat“, schrieb der Pole bei X.

