Viertelfinale 7:1 für Europa

Die USA und die Teams vom alten Kontinent spielen um den Titel. Sich für Olympia zu qualifizieren, wird für das deutsche Team schwierig.

Von Anna Dreher, Bruz

Shanice van de Sanden ist auf den Platz gerannt, mit erhobenen Armen und so viel Freude im Gesicht, dass es für ein ganzes Stadion gereicht hätte. Kurz danach stand sie im Roazhon Park von Rennes und weinte, Gesicht an Gesicht mit Saki Kumagai, die bitterlich schluchzte und untröstlich war. Tränen kullerten die Backen der beiden herunter, tropften auf Trikot und Rasen. Die eine hatte gewonnen, die andere verloren. Und wie van de Sanden und Kumagai da beieinander standen, aufgewühlt von ihren Emotionen, war eine der bisher berührendsten Szenen dieser Weltmeisterschaft. Im letzten Achtelfinale zwischen den Niederlanden und Japan entschied am Ende ein umstrittener Handelfmeter über Sieg und Niederlage: Der Europameister Niederlande steht nach dem 2:1 im Viertelfinale, auch wenn Japan mit Kumagai dank herausragender Ballbehandlung und sauberem, gut durchdachtem Spielaufbau insgesamt überlegen war.

Der Fußball ist ein faszinierender Sport, er kann schön, aber er auch schwer zu ertragen sein, weil eben nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt. An diesem Abend war das wohl so - auch wenn sich vortrefflich darüber philosophieren ließe, was das überhaupt heißt: besser. Diese Frage stellt sich nach den Achtelfinals von Frankreich ja auch auf einer grundsätzlichen, auf einer kontinentalen Ebene.

24 Nationen haben an diesem Turnier teilgenommen: neun aus Europa, drei aus Südamerika, drei aus Nord-, Mittelamerika und der Karibik, drei aus Afrika, fünf aus Asien und die Australierinnen. Aber nach 44 von 52 gespielten Partien ist dieses Verhältnis sehr ins Ungleichgewicht geraten. Schon vor der Runde der letzten Sechzehn deutete sich das an, in jeder Paarung war ein europäisches Team dabei, die Chancen standen also 50/50, dass es gar ein rein europäisches Viertelfinale werden würde. Beinahe wäre es dazu gekommen.

Europa feiert: Im Achtelfinale der Frauenfußball-WM siegten die fröhlichen Niederländerinnen mit Glück gegen Japan.

(Foto: DAMIEN MEYER/AFP)

Bis auf Spanien - das den USA große Probleme bereitete und letztlich, wie auch Japan, durch eine Elfmeterentscheidung verlor - konnten sich alle Teams dieses Kontinents durchsetzen. Und so lautet das Verhältnis nun 7:1 für Europa. Fast schon prophetisch wirkt da die Merchandise-Kollektion der USA zur WM. Weniger als politisches Statement zum Gefallen von Präsident Trump denn als sportliche Kampfansage steht auf Sweatshirts und Mützen: USA vs. everybody, USA gegen jeden.

Zum ersten Mal bei acht ausgetragenen Weltmeisterschaften kommen sieben Viertelfinalisten aus Europa, bisher hatten das nie mehr als fünf geschafft, im Halbfinale standen nie mehr als drei. Dass europäische Teams in diesem Jahr so eine Vormachtstellung im Tableau einnehmen, ist der Beleg für eine Entwicklung in den jeweiligen Ländern.

Die USA sind traditionell stark im Frauenfußball, der gesellschaftliche Stellenwert ist höher als in anderen Ländern, die Widerstände niedriger, weil es eine größere Selbstverständlichkeit gibt, dass Mädchen und Frauen diesen Sport ausüben. Entsprechend gut sind die Strukturen, auch bedingt durch das Schulsystem. Die National Women's Soccer League ist eine der besten Ligen weltweit, alle Spielerinnen des Rekordweltmeisters haben inzwischen nach Stationen im Ausland wieder Verträge in der professionellen NWSL.

Viertelfinale

Norwegen - England Do. 21.00

Frankreich - USA Fr. 21.00

Italien - Niederlande Sa. 15.00

Deutschland - Schweden Sa. 18.30

Deutschland ist zwei Mal Weltmeister und acht Mal Europameister geworden. Diese Dominanz speiste sich auch aus der Stärke der Bundesliga, die früher eine der beliebtesten Ligen war. Andere Länder aber haben den Frauenfußball inzwischen auch für sich entdeckt und sorgen dafür, dass über finanzielle, infrastrukturelle und gesellschaftliche Entwicklungen das Niveau steigt. "Mich überrascht es nicht, dass Europa so stark ist. Das zeigt einfach die Entwicklung, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat", sagt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg dazu.

England ist zur Trauminsel geworden, und in Spanien will jetzt auch Real ein Frauenteam

In Frankreich bieten vor allem der europaweit dominierende Klub Olympique Lyon sowie Paris Saint-Germain beste Bedingungen. England ist mit Europas einziger vollprofessionellen Frauenliga zur Trauminsel geworden, auf der viel Geld fließt, auch weil immer mehr Männer- Lizenzvereine Frauen-Teams melden. Spanien machte zuletzt oft durch Rekordzuschauerzahlen aufmerksam, auch hier wird investiert, am Dienstag vermeldete Real Madrid, ab 2020 einzusteigen. Fast alle Nationalspielerinnen dieser Länder spielen in den heimischen Ligen. Wer keine eigene starke Liga hat, wie die Niederlande, speist seine Kraft aus den Engagements seiner Talente im Ausland. Italien bildet eine Ausnahme, die Überraschungself der WM scheint sich bei ihrer Rückkehr auf diese Bühne nach 20 Jahren in einen Rausch gespielt zu haben. In Japan, dem Weltmeister von 2011, sind gute Strukturen vorhanden, das große Ziel ist ein gutes Abschneiden bei Olympia 2020 im eigenen Land, die Bemühungen darum waren schon jetzt zu sehen. Dem entgegen stehen die Voraussetzungen in Afrika - wobei es in Kamerun und Nigeria erstmals zwei Teams in die K.o.-Runde geschafft haben - und auch die Kämpfe wie sie in Chile und Argentinien ausgetragen werden müssen. Hier haben Spielerinnen ihre Verbände verklagt, um Chancengleichheit zu ermöglichen. Jamaika war vor allem dank des finanziellen Engagements von Cedella Marley, der Tochter von Bob Marley, dabei. Wer sich mit so grundsätzlichen Dingen beschäftigen muss, kann sich nicht darauf konzentrieren, Weltklasse Fußball zu spielen. Was aber nicht vergessen werden darf, sind die teils umstrittenen Entscheidungen der Referees und Videoassistenten, die das 7:1-Verhältnis beeinflusst haben. Für die Deutschen ist Europas Dominanz ein Problem. Bei der WM soll die Qualifikation für 2020 gelingen. "Die Olympischen Spielen werden fußballerisch sehr wichtig sein für all das, was in den nächsten vier, fünf Jahren in Deutschland ansteht", sagte Voss-Tecklenburg. Dazu müsste man unter die besten drei Europas kommen - doch davon sind ja noch eine ganze Menge bei der WM dabei.