Vierschanzentournee:Die Entdeckungen dieses Skisprung-Winters

Lesezeit: 3 min

Vierschanzentournee: Marius Lindvik fliegt durch den Nebel von Bischofshofen.

Marius Lindvik fliegt durch den Nebel von Bischofshofen.

(Foto: Georg Hochmuth/AFP)

Bei der 70. Vierschanzentournee zeichnet sich vor dem Finale ein weiterer Triumph von Ryoyu Kobayashi ab. Doch hinter ihm formieren sich aussichtsreiche Talente.

Von Volker Kreisl, Bischofshofen

Der Chef hatte das Zeichen gegeben und die Karawane brach so schnell wie möglich auf. Nachdem Renndirektor Sandro Pertile am Dienstagnachmittag um 15 Uhr endlich vor dem immer gefährlicheren Innsbrucker Wind kapituliert hatte, hielt die Skispringer nichts mehr. Die meisten setzten sich in die Busse und wechselten flugs hinüber nach Bischofshofen, wo es zwar nass, zugig und neblig war, aber man konnte dort Skispringen. Im oberen Teil der Schanze hing eine Wolke, aber das machte nichts, die Springer hatten ausreichende Sicht auf ihre Flugbahn.

Die Vierschanzentournee stutzt man nicht so einfach zusammen, weshalb die Springer nach der Überfahrt aus Tirol ins Salzburger Land ein ambitioniertes Programm vor sich hatten. Zwei Springen binnen zwei Tagen standen ihnen bevor, ein nachgeholtes Bergiselspringen und ein originales Bischofshofener. In diese zwei Tage wurden also reichliche Sprünge gepackt, dazukam, dass am Wochenende in Bischofshofen noch ein Weltcup mit einem Team- und einem Einzelspringen auf dem Programm steht.

Karl Geiger und Markus Eisenbichler zeigen aufsteigende Form

Doch dürfte dies alles verblassen vor dem, was schon unter der Woche über die Bischofshofener Bühne ging. Vor dem Finalabend dieser Tournee am Donnerstag hatten die letzten verbliebenen Verfolger, der Norweger Marius Lindvik und der Slowene Lovro Kos, trotz massiven Rückständen nochmal alles versucht, um den Abstand zu verringern. Die beiden erfolgreichsten Deutschen, Karl Geiger und Markus Eisenbichler, waren zwar bereits chancenlos, zeigten aber mit Platz vier und acht aufsteigende Form.

Am Ende aber setzte sich wieder der Japaner Ryoyu Kobayashi an die Spitze, er steckte eine kurze Schwächephase aus dem ersten Durchgang weg und realisierte seinen dritten Tournee-Tagessieg, der ja nebenbei ein Innsbrucker Sieg sein soll. Diesmal lag Kobayashi vor Lindvik und dessen Landsmann Halvor Egner Granerud und behielt damit alle Chancen auf seinen zweiten Tournee-Grand-Slam, den ersten hatte er 2019 errungen.

Vierschanzentournee: Der Norweger Marius Lindvik.

Der Norweger Marius Lindvik.

(Foto: Thomas Bachun/GEPA/Imago)

Bereits in der gesamten ersten Winterhälfte wechselten die Positionen, die Top Ten wirkten wie ein Glücksrad, das jede Woche von Neuem gedreht wird. Nun allerdings zeigt sich, dass Lindvik, 23, und Kos, 22, doch immer konstanter springen, und womöglich die Entdeckungen dieses Skisprung-Winters werden. Lindvik hatte Kobayashi im ersten Durchgang überflügelt, im zweiten dann kam er ihm zwar nahe, scheiterte aber knapp. Der Norweger galt schon vor einem Jahr als Tournee-Geheimtipp, war im Weltcup bestens platziert, aber dann schwoll Ende Dezember seine linke Backe an. Ein Weisheitszahn hatte sich entzündet, nachdem sich darunter ein Abszess gebildet hatte, womit der Mitfavorit die weitere Tournee im Krankenhaus verbrachte, auf die Operation wartend, mit einem Kühlpack auf der Wange.

Der Norweger Lindvik und der Slowene Kos sind auf dem Weg zu einer großen Karriere

Lovro Kos hätte sich ebenfalls mitten in der Tourneespannung beinahe verletzt, wenn ihm nicht noch die richtige Schutzbewegung gelungen wäre, im ersten Durchgang. Da setzte er bei 138,5 Metern auf, es war die zweitbeste Tagesweite, womit auch er Kobayashi noch mal näher hätte kommen können. Doch er hatte zu viel riskiert. Der Schnee im Aufsprungbereich - schwer und pappig - fiel schneller als ihn die Vorspringer wieder glatt fahren konnten. Es entstand fast eine Tiefschneepiste, die viele Springer bei der Landung abrupt abbremste und Kos sogar stürzen ließ. Er kippte nach vorne, konnte sich aber noch zur Seite drehen, was ihm schwerere Verletzungen ersparte. Seine Hoffnungen auf einen Tournee-Podestplatz waren an diesem Tag allerdings zerstört.

Vierschanzentournee: Geht seinen eigenen Weg: der Slowene Lovro Kos.

Geht seinen eigenen Weg: der Slowene Lovro Kos.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Kos gilt in Slowenien auch deshalb als Anwärter auf eine Nachfolge großer Springer wie der Tourneesieger Peter Prevc und Primoz Peterka, weil er eigene Wege geht. Er näht seine Anzüge selber und trainiert im Skisprung-Ableger in Ljubljana statt im großen Leistungszentrum, wo fast alle anderen Talente unterrichtet werden. Die Familie ist ihm wichtig und auf diese Weise näher, und dass er auf seinen Sonderwegen gut gearbeitet hat, beweist er in diesem Winter.

Und dennoch - trotz der guten Veranlagung von Marius Lindvik und Lovro Kos, trotz der vielen weiteren Titel, die bald schon vergeben werden, bei den Olympischen Spielen in Peking, bei der Skiflug-Weltmeisterschaft in Vikersund/Norwegen oder schließlich auch im Ringen um den Gesamtweltcup - an Ryoyu Kobayashi, dem Japaner, der in sich ruht, der nicht denkt, sondern einfach springt, kommen sie wohl nicht so schnell vorbei.

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