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Vierschanzentournee:Voll die Leere

Kurz vor der Vierschanzentournee schlägt die Stunde der Vermarkter: Janne Ahonen wirbt für seine Biographie, Sven Hannawald für den Plan, Rennfahrer zu werden.

Das Kurhaus von Oberstdorf liegt im Schatten, den die 58. Vierschanzentournee vorauswirft, und es ist voll. Die Leute drängeln sich, sie schauen, sie zücken Geldscheine und greifen nach den Büchern, die der fünfmalige Tournee-Gewinner Janne Ahonen signiert hat.

In den letzten Stunden vor dem Auftakt der Vierschanzentournee präsentiert der fünfmalige Tournee-Gewinner Janne Ahonen seine Memoiren.

(Foto: Foto: Reuters)

"Bestseller" steht auf den Plakaten zur Biographie des alten Skispringers und darunter breitet ein entblößter Ahonen eine Flügelattrappe aus, die zum Titel der Memoiren passen soll: "Königsadler. Mein Leben als Skispringer." Jünger und dramatischer sieht der Ahonen auf dem Bild aus als jener blasse, der im finnischen Team-Anorak am Tisch sitzt und seinen Namen in die Bücher kritzelt.

Letzte Stunden vor der Tournee: Zeit für Aufmerksamkeit

Aber das macht nichts. Die Leute wollen ihn sehen. Sie begleiten ihn mit ihren Blicken auch noch zum Ausgang. Frauen mittleren Alters machen Fotos. Und wenig später, beim Kino nebenan, gibt es weitere besondere Eindrücke gratis: Der Tournee-Rekordler Sven Hannawald steht in Rennfahreranzug und Rampenlicht vor einem Porsche und gibt ein Interview zu seinem neuesten Plan.

Die letzten Stunden vor dem Tourneeauftakt sind die Stunden, in denen keiner viel weiß. Es gibt unverbindliche Prognosen und noch unverbindlichere Zustandsbeschreibungen der Teilnehmer, die jetzt nicht mehr sagen können, als dass sie sich freuen, dass sie mal sehen wollen usw.

Die letzten Stunden vor der Tournee sind eine leere Zeit, die jene zu nutzen wissen, die etwas Aufmerksamkeit wollen. Im vergangenen Jahr haben die wenig beachteten Schweden eine Pressekonferenz mit Jan Bokloev gegeben, den Erfinder des V-Stils.

Comeback mit Alkohol-Eskapaden

Vor Jahren hat Matti Nykänen, Finnlands alkoholkrankes Sprungidol der achtziger Jahre, Life is Life auf Finnisch gesungen; auch er bewarb damals seine Biographie. Und in diesem Jahr haben vor dem Tournee-Auftakt am Dienstag in Oberstdorf die nächsten ehemaligen Tournee-Größen ihren Auftritt. Ahonen und Hannawald.

Wobei Ahonens Auftritt mit Biographie fast schon ein Versehen ist. Denn zur Tournee ist er als ehemaliger Ehemaliger gekommen, nicht als Buch-Promoter, was er so noch nicht absehen konnte, als er vergangenes Jahr nach seinem ersten Karriere-Ende mit dem Journalisten Pekka Holopainen seine Erinnerungen aufzuschreiben begann.

Mit dem Buch hat er in diesem Sommer in Finnland für Aufregung gesorgt, weil Ahonen darin ein paar Alkohol-Eskapaden preisgibt und von Extrem-Diäten berichtet. Seiner Konzentration aufs Comeback war das nicht gerade zuträglich. Seinen 15. Rang im Gesamtweltcup erklärt er mit einer Grippe, die ihn nach dem Saison-Auftakt Ende November in Kuusamo ereilte.

Aber er sagt auch: "Wenn ich gewusst hätte, dass ich weitermache, hätte ich ein paar Sachen im Buch weggelassen." Die deutsche Übersetzung der Biographie ist schlampig lektoriert und sprachlich miserabel, aber die Geschichten sind interessant. Und Ahonen, 32, greift darin ein Thema auf, das die Skispringer auch fünf Jahre nach der Einführung der BMI-Regel noch beschäftigt.

Hungerkuren für Skispringer

Seit es die BMI-Regel gibt, bestraft der Weltskiverband Fis untergewichtige Springer nach dem Body-Mass-Index (BMI) mit kürzeren Ski. Aber fürs zulässige Idealgewicht müssen sich viele Skispringer immer noch Hungerkuren aussetzen, auch Ahonen, der in seinem Buch schildert, dass er sich drei Wochen vor dem Weltcup-Start nur noch von Müsli mit Magerjoghurt, Kaffee, Energiedrinks und dem Fettverbrenner Tonalin ernährt.

Das Problem liegt ihm am Herzen. Wenn man ihn dazu fragt, holt er seinen früheren Springer-Kollegen und heutigen Service-Mann Ville Kantee als Übersetzer zu Hilfe, weil er fürchtet in seinem dürren Englisch missverstanden zu werden.

Und dann sagt er: "Ich bin von meinem natürlichen Körperbau her ein schwerer Typ. Es ist nicht so einfach für mich abzunehmen. Und meine Methode war nicht die gesündeste. Ich bin der Meinung, dass der BMI angehoben werden sollte." Die Reform ist für die nächste Saison schon verabschiedet.

Hannawald hat eine "neue Aufgabe"

Bei Sven Hannawald ist alles ganz anders. Seinen Sport hat er im Spätwinter 2004 verlassen, in der zweiten Saison nach seinem sporthistorischen Vierfachtriumph bei der Tournee, weil er keine Kraft mehr dafür hatte, seinen eigenen Ansprüchen und den Ansprüchen der überhitzten Medien zu genügen.

Burn-Out-Syndrom lautete die Diagnose, eine Spielart der Depression drängte ihn von der Schanze. Seitdem ist er auf der Suche nach einem neuen Leben, und dass er nun bei der Tournee steht, die er selbst "mein Kissen, meine Bettdecke oder wie man es sonst sagt" nennt, ist ein gutes Zeichen.

Denn Hannawald, mittlerweile 35, ist diesmal nicht als Co-Kommentator gekommen, sondern als einer, der etwas Richtiges gefunden haben will: "Eine neue Aufgabe." Als Rennfahrer hat er sich in eine Serie für GT3-Sportwagen namens ADAC GT Masters einkaufen lassen, nachdem er zuvor schon bei Gastrennen schnelle Autos bewegen durfte.

Ob man das schon eine berufliche Perspektive nennen kann, ist fraglich. Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Hannawalds neuer Manager, der Bob- und Motorsport-erfahrene Axel Watter, sagt: "Die Message ist: Sven ist gesund."

Aus dem Schatten ans Steuer

Als Skispringer hat Sven Hannawald sich einst an den Rand seiner Substanz gehungert, als Rennfahrer verspricht er, nichts zu übertreiben: "Ich merke, dass ich mit der Situation anders umgehen werde: schon professionell arbeiten, aber nicht so super extrem sein."

Und furchtlos spricht er über seinen Rücktritt 2005, den die Krankheit erzwang, weil: "Du bist halt zweite Liga, du bist nicht mehr belastungsfähig." Später lässt er den Motor des Porsche brüllen. Es ist zu laut, es bewegt sich nichts. Und fast könnte man die Hoffnung überhören, dass Sven Hannawald wirklich ein paar Schritte aus dem Schatten seines verlorenen Skispringerdaseins machen kann.