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Vierschanzentournee:"Im Sport sollte immer der Beste gewinnen"

Doch schon von Anfang bei der Tournee dabei: Polens Skispringer um Piotr Zyla (v.l., hier bei der Skiflug-WM in Planica), Andrzej Stekala, Dawid Kubacki, und Kamil Stoch.

(Foto: AP)

Erst ein positiver Test, dann zwei komplett negative Reihen: Die Tournee-Veranstalter holen Polens Skispringer zurück an den Start in Oberstdorf - mit großem Aufwand und salomonischen Entscheidungen.

Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Müde klangen sie, der Renndirektor Sandro Pertile und der Generalsekretär Florian Stern. Pertile hatte für den Ski-Weltverband Fis diskutiert, Stern die Organisation in Oberstdorf vertreten. Beide telefonierten und debattierten bis spät in die Nacht hinein, und auch wieder am Morgen. Hoch schlugen die Wellen bei der Vierschanzentournee, es ging um eine Grundsatzfrage, nämlich was nun formal korrekt - und was tatsächlich fair ist. Es gebe immer Neues, sagte Pertile: "Das ist auch ein Teil des normalen Lebens."

Doch was am Morgen in Oberstdorf verkündet wurde, war nicht nur irgendein neues Detail, sondern echte Premiere im Ablauf. Erstmals wurde mit den Polen ein Team zunächst komplett ausgeschlossen und dann wieder zurück ins Boot geholt. Dafür wurde eine bereits gültige Qualifikation wieder annulliert, was noch nie stattgefunden hatte. Zugrunde lag eine der schwierigeren Corona-Entscheidungen im Sport, der ja auch deshalb beliebt ist, weil es da immer Klarheit gibt, einer gewinnt, einer hat Pech.

Dieser Fall der Polen aber war kompliziert. Klemens Muranka, ein eher durchschnittlicher Springer, war eingangs positiv getestet worden, und nicht nur er, sondern das komplette Team wurde ausgeschlossen - ganz coronavorschriftsgemäß. Dann testete man nochmal, und das komplette Team Polska erwies sich als negativ, zu spät, die Qualifikation lief bereits. Am nächsten Morgen bescheinigte ein dritter Test abermals allen sieben polnischen Springern negative Ergebnisse. Es war schon Dienstag, der Tag des eigentlichen Springens.

Schnell einigten sich Pertile, Stern und die anderen Tournee-Verantwortlichen darauf, dass nun Plan B greife. Eine Art schnelle Bergungsaktion, die noch in der Nacht konzipiert worden war. Und weil auch die entscheidende Instanz, das Gesundheitsamt Oberallgäu, dies mit der sofortigen Aufhebung der Quarantäne indirekt empfahl, durften erstmals in der Geschichte der Tournee am Wettkampftag sieben Springer, einschließlich Murankas, zu einer exklusiven Trainingseinheit auf die Schanze. Die Wettkampf-Durchgänge am Nachmittag sollten wie im Weltcup beginnen, also ohne K.-o.-Modus. Und nebenbei stellten sich kleinere Fragen, zum Beispiel: Darf der Gewinner der später annullierten Qualifikation eigentlich seinen Siegerscheck behalten?

Dass bei der Tournee vom K.-o.-Modus abgewichen wird, war jedenfalls nicht neu, meist war stürmisches Wetter schuld, diesmal blies der Wind im übertragenen Sinne. In Polen wurde von Medien und Sportpolitikern Stimmung gegen den Ausschluss gemacht, die Tournee erhielt in der Sache eine offizielle Anfrage vom polnischen Generalkonsulat in München. Dieses wollte nur Informationen, erklärte Pertile, doch gibt es ja hinter jeder unschuldigen Anfrage auch eine Absicht. Und so bleibt die Frage, ob diese Entscheidung auch sportpolitische, vielleicht sogar vermarktungstaktische Gründe hatte. Dies sei ein "Sonderfall", sagte Stern, denn natürlich wolle man seine Sportler nicht freitesten, also so lange, bis sie endlich negativ sind. Hier aber liege angesichts der Tatsache, dass 14, 15 Leute wegen eines Tests in Mitleidenschaft gezogen würden, und überhaupt angesichts der "Tragweite des Falles" eine andere Lage vor.

Die Skisprungkonkurrenz jedenfalls begrüßte die Wiederaufnahme der Polen. Bundestrainer Stefan Horngacher erklärte, die Polen seien "eine der stärksten Nationen, und es sollen einfach die besten mitspringen". Und Pertile stimmte dem zu: "Wir arbeiten für den Sport und dessen Werte", sagte er, und: "Im Sport sollte immer der Beste gewinnen." Einerseits stimmt dies, Kamil Stoch, Dawid Kubacki und Piotr Zyla zählen zum erweiterten Favoritenkreis, weshalb es aber andererseits auch unwahrscheinlich erscheint, dass zum Beispiel das kleine Team Estlands genauso konsequent zurück in den Wettkampf geholt worden wäre.

Natürlich will man aus dieser Situation, dem Stress der vergangenen zwei Tage und dem Rechtfertigungsdruck auch lernen. Sport-Organisator Florian Stern zog vorsichtig in Betracht, beim nächsten nordischen Großereignis in der Marktgemeinde Oberstdorf, nämlich bei der Weltmeisterschaft ab 23. Februar ein Doppeltesten zu versuchen. Und auch Pertile deutete ähnliche Überlegungen an, man wolle die Erkenntnisse in den nächsten Fall integrieren.

Blieb noch die Frage von Philipp Aschenwalds Preisgeld. Da es nun offiziell keine Oberstdorf-Qualifikation mehr gibt, ist ja auch der Anlass weggefallen, ein Belohnung zu bezahlen. Aschenwald ist zurzeit in mäßiger Form, hatte aber einen guten Tag erwischt, was bedeutet, dass er schon früh seine Bestweite sprang. Somit stand und fror er besonders lange in der Leaderbox, doch auch das hat ja nun offiziell nicht stattgefunden. Nein, so soll es nicht sein, erklärte aber Sandro Pertile: "Der Beste soll immer seinen Lohn behalten." Auch diese Erkenntnis ist ein Teil des normalen Lebens.

© SZ/pps/chge
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