Vierschanzentournee König Kamil

Kamil Stoch bei der Siegerehrung der Vierschanzentournee.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Der Pole Kamil Stoch gewinnt auch das vierte Springen bei der Vierschanzentournee.
  • Nach Sven Hannawald 2002 ist er erst der zweite Springer der Tournee-Geschichte seit 1953, dem das gelingt.
  • Andreas Wellinger wird nach dem Sturz von Richard Freitag Zweiter der Tournee-Wertung.
Von Matthias Schmid, Bischofshofen

Sven Hannawald hat im zweiten Stock einer Containeranlage zunächst miterleben müssen, wie der Pole Kamil Stoch seine historische Bestmarke egalisierte: Der deutsche Skispringer, der vor 16 Jahren als erster Skispringer des Planeten alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee gewinnen konnte, saß am Samstagabend während des Springens in der kleinen Kommentatorenbox von Eurosport in Bischofshofen. Als Experte sah der 43-Jährige, wie sich Stoch, 30, nach seiner letzten Landung unten im Zielraum rücklings in den Schnee fallen ließ und den Moment des Triumphes nur kurz für sich genießen konnte, weil seine polnischen Teamkollegen schnell herbeigeeilt waren, um ihn angemessen zu herzen und ihn auf ihren Schultern unter dem infernalischen Lärm der 20 000 Zuschauer durch den Zielraum zu tragen.

Als sie von ihrer Ehrenrunde zurückgekehrten, empfing Hannawald seinen famosen Nachfolger im Schnee. Er umarmte ihn und riss ihm wie ein Ringrichter beim Boxen zum Zeichen des Sieges den rechten Arm nach oben. Er flüsterte ihm etwas zu. Was es war? "Willkommen in diesem exklusiven Klub", verriet Stoch später. So wie Hannawald damals gelang es auch dem Mann aus Zakopane auf imponierende Weise, bis zum achten und letzten Wettkampfsprung sein Niveau zu halten. "Das ist ein unglaublicher Tag für mich", stammelte Stoch und wusste nicht so recht, was er in diesem Moment sagen sollte. Der Pole war bei der 66. Auflage der Tournee der Perfektion gefährlich nahe gekommen. Sein letzter Sprung auf der Paul-Außerleitner-Schanze endete bei 137 Metern, es war nicht der weiteste Satz, aber er genügte, um auch das vierte Springen vor dem Norweger Anders Fannemel und Andreas Wellinger vom SC Ruhpolding zu gewinnen.

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Der Deutsche reihte sich in der Gesamtwertung hinter Stoch als Zweiter ein und war hinterher von seiner Darbietung ziemlich angetan, im zweiten Durchgang hatte er mit seinem Sprung auf 139,5 Meter sogar den Sieger übertroffen und so viele Punkte wie kein anderer Springer gesammelt. "Für mich war das sehr, sehr schön heute", bekannte Wellinger hinterher, "aber mir wäre es noch lieber gewesen, wenn ich gemeinsam mit Rich in der Gesamtwertung auf dem Podest hätte stehen dürfen."

Richard Freitag kuriert sich aus für Olympia

Bundestrainer Werner Schuster hatte vor der Vierschanzentournee "turbulente Wettkämpfe" prophezeit, sie waren am Ende turbulenter, als ihm lieb sein konnten. Zumindest aus deutscher Sicht. Richard "Rich" Freitag nämlich musste sich das letzte Springen von zu Hause aus in Oberstdorf am Fernseher anschauen. Nach seinem Sturz im Landehang von Innsbruck hatte der 26-Jährige die Tournee frühzeitig beenden müssen, zu stark waren die Hüftschmerzen. Und im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele im Februar in Pyeongchang ist ihm wichtiger, seine Beschwerden vollständig auszukurieren, als irgendwelche Folgeschäden zu riskieren.

Wie die ersten beiden Springen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen gezeigt hatten, wäre Freitag der einzige konstant ernstzunehmende Rivale von Kamil Stoch gewesen. "Auf Augenhöhe" hatte Schuster die beiden gesehen, nur jeweils mit kleinem Abstand hatte Freitag gegenüber Stoch das Nachsehen gehabt. Die beiden hatten die Tournee mit starken Sprüngen beherrscht, sie hatten sich mit ihren stilistisch einwandfreien und zugleich stabilen Flügen noch einmal von den anderen Weltklassespringern abgehoben. Doch der Sturz hatte ein ultimatives Duell "auf höchstem Niveau", wie Stoch den Zweikampf beschrieb, verhindert.

Die Absenz seines größten Rivalen schmälert den historischen Triumph des Polen aber keineswegs. Zu stark, zu stabil hat sich Stoch in allen Springen präsentiert, spätestens ab dem zweiten Durchgang von Oberstdorf, als er von Platz vier nach ganz vorne flog. "Er lässt dir keinen Platz für Fehler", hatte Freitag schon nach seinem zweiten Platz von Garmisch-Partenkirchen geschwärmt. Und Schuster nannte Stoch ehrfürchtig "einen gnadenlosen Killer". Den 30-Jährigen zeichnet die besondere Gabe aus, um den ihn viele in der Szene beneiden: Er springt dann am besten, wenn die wichtigen Pokale vergeben werden.

In der Heimat so prominent wie Robert Lewandowski

Er hat als einer von nur fünf Skispringern alle relevanten Titel gewonnen, er ist zweifacher Olympiasieger, Weltmeister, Gesamt-Weltcupsieger und hat nun zum zweiten Mal die Vierschanzentournee für sich entschieden. Mit seinen Erfolgen hat er Skispringen wieder zur beliebtesten Sportart in Polen gemacht, so wie einst Adam Malysz; Stoch ist fast noch prominenter und beliebter in seiner Heimat als der Fußballer Robert Lewandowski vom FC Bayern.

Schon am Bahnhof von Bischofshofen hatten die Kameras des polnischen Fernsehens jede Regung der ankommenden Fans Stunden vor Beginn der Veranstaltung aufgezeichnet. Skispringen ist in Polen eine nationale Angelegenheit. Jede noch so kleine Meldung, jedes so unwichtig erscheinende Detail wird heim in die Heimat geschickt und dort begeistert aufgenommen. Das ist natürlich auch ein lohnenswertes Geschäft geworden. Auf dem Fußweg hinauf zu Paul-Außerleitner-Schanze gab es Stände, die nur polnische Devotionalien feilboten. Polens Ministerpräsident Mateusz Morawieck sagte nach dem Sieg: "Heute bilden wir alle gemeinsam das Gefolge eines neuen Königs - Kamil!"

Weiß und rot waren die dominierenden Farben im Stadion, die rot-weiß-roten Fahnen der Österreicher waren in der Mehrheit, aber die typischen Zylinderhüte und Schals in den Nationalfarben waren in diesem Jahr Ladenhüter, sie wurden zum Sonderpreis und im Doppelpack angeboten, damit sie überhaupt Käufer fanden. Während die Polen feierten, mussten die Österreicher einige Niederlagen ertragen. Kein Springer schaffte es in der Gesamtwertung unter die besten Zehn, man muss auf dem Statistikzettel lange suchen, bis man fündig wird. Michael Hayböck landete als bester Österreicher auf Rang 14, Doppel-Weltmeister Stefan Kraft musste sich gar mit Rang 20 begnügen.

Stoch war das Abschneiden der Konkurrenz egal, er wartete ganz am Ende auf die Einladung von Sven Hannawald zum Biertrinken, die er für den Grand Slam ausgelobt hatte. "Hat mich noch nicht erreicht", sagte Kamil Stoch. Er lächelte dennoch beseelt.

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