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Vierschanzentournee:Im Bann der Rückenwinde

Andreas Kofler gewinnt das zähe Auftaktspringen der Vierschanzentournee - die Deutschen bleiben zurück.

Im ersten Moment sah es so aus, als habe Janne Ahonen aufgeatmet. Als wäre ihm das fast etwas zu viel des Glücks gewesen, wenn er das erste Skispringen der 58. Vierschanzentournee am Oberstdorfer Schattenberg gewonnen hätte.

Der österreichische Skispringer Andreas Kofler freute sich über seinen ersten Platz im ersten Wettbewerb der 58. Vierschanzentournee.

(Foto: Foto: dpa)

Andreas Kofler aus Österreich war gerade gelandet, der Führende nach dem ersten Durchgang, und zwar so weit unten im Hang, dass klar war: Diese Führung, die Ahonen, 32, der Rückkehrer nach seinem Rücktritt 2008, aus dem Hinterhalt und mit tätiger Mithilfe eines günstigen Windes erworben hatte, war nicht mehr zu halten.

Ein zäher Auftakt

Immerhin: Ahonen hatte sich aufs Podest gerettet, was ein bisschen überraschend kam, wenn man bedachte, welch mäßige Platzierungen er zuletzt im Weltcup erzielt hatte. In Andreas Kofler, dem Olympia-Zweiten von 2006, hingegen stand nun ein junger Mann an der Spitze des Klassements, den die Fachleute schon vor der Tournee als fähigen Herausforderer der beiden ersten Favoriten Gregor Schlierenzauer und Simon Ammann genannt hatten, die sich an diesem windigen Abend als Neunter und Fünfter einordneten.

Es ist ein zäher Auftakt gewesen vor 22000 Zuschauern am Schattenberg, der wegen wechselhaften Wetters schon die ersten Opfer dieser Tournee forderte und vor allem dem deutschen Team böse mitspielte. Die Windkurve von den Probedurchgänge tänzelte in wilden Zacken um die Nulllinie, von Zeit zu Zeit regnete es.

Und mürrisch blickte Adam Malysz, der polnische Tournee-Sieger von 2001, nach seinem ersten Sprung auf durchwachsene 116 Meter in den grauen Dezembertag. "Der Anlauf ist vielleicht auch nicht optimal." Zu kurz nämlich, was sich auch an den Weiten der folgenden Kollegen zeigte und vor allem zwei Deutsche verunsicherte. Michael Neumayer schaffte nur 106 Meter im K.o.-Duell gegen Janne Ahonen (112). Und Martin Schmitt kam nicht einmal auf ein dreistelliges Ergebnis: 96 Meter.

Anlauf zu kurz, Landung zu früh

Sein Duell-Gegner Martin Koch aus Österreich, selbst schon bei 103 Metern gelandet, schüttelte den Kopf. Es zeigte sich das andere Extrem falscher Jury-Entscheidungen: Zuletzt hatte es viel Kritik an den Wettkampfleitern des Weltskiverbandes Fis gegeben, weil sie mit zu langem Anlauf bei zu viel Aufwind die Besten in Gefahr gebracht hatten. Jetzt war der Anlauf bei zu viel Rückenwind zu kurz, und einer nach dem anderen landete zu früh.

Ein Unterbruch folgte, die Jury ließ den Anlauf um vier Luken nach oben verschieben. Schmitt und Neumayer bekamen noch eine Chance, aber auch nach dem Neustart taumelten manche Springer mehr zu Tale, als dass sie sprangen. Vor allem Michael Uhrmann, der Olympia-Vierte aus Rastbüchl. Eine Böe wehte ihn aus der Bahn. 94 Meter, ausgeschieden gegen Andreas Küttel, der nach seinem 103-Meter-Satz ebenfalls den Kopf schüttelte.

Uhrmann war bedient. Er mag das Windgerede nicht, es klingt immer nach einer schlechten Entschuldigung. Andererseits: "Dass man komplett seitlich wegklappt, dass ist mir schon ewig nicht mehr passiert." Und als der erste Durchgang endlich zu Ende war, wirkte das deutsche Team insgesamt ziemlich zerrupft. Pascal Bodmer überzeugte mit seinen 118,5 Metern und Rang sieben, dazu nutzte Martin Schmitt seine zweite Chance mit 115,5 Metern als glücklicher Verlierer gegen Koch.

"Der schlechtest möglichste Auftakt"

Aber Michael Neumayer scheiterte knapp, Stephan Hocke, der Team-Olympiasieger von 2002, das Talent Richard Freitag und der frühere Junioren-Weltmeister Andreas Wank blieben weiter zurück. Von sieben DSV-Springern waren nur noch zwei übrig, und das Endklassement mit dem starken Bodmer auf Platz zwölf als bestem Deutschen sah dann auch nicht sehr freundlich aus. Bundestrainer Werner Schuster sagte: "Das war der schlechtest mögliche Auftakt für uns."

In der anderen Liga, in jener mit den Sieganwärtern also, überzeugten vor allem die Österreicher. Kofler (125 Meter) führte zur Pause vor dem späteren Dritten Thomas Morgenstern (124,5) und Tournee-Titelverteidiger Wolfgang Loitzl (124,0). Gefolgt von dem Slowenen Jernej Damjan, der bei diesem Rückenwind-Festival einen der seltenen Momente erwischt hatte, in dem die Luft den Tüchtigen trug, und der dieses Glück später zu einem verdienten siebten Platz im Gesamtklassement veredeln sollte. Schlierenzauer lauerte noch hinter Bodmer auf Rang acht, der Weltcup-Führende Ammann knapp davor als Sechster.

Martin Schmitt fehlte im zweiten Durchgang die Kraft, um mehr in die Wertung einzubringen als 108 Meter. Er ließ kurz den Kopf hängen und fügte sich (am Ende war er 23.). Wenige Positionen später sprang Janne Ahonen und dehnte seinen Satz auf jene 126 Meter, die ihm die Führung brachten. Schmitt schaute zu den Fahnen hinauf.

Er sah, dass Ahonen Glück gehabt hatte mit dem Wind. "Es wird jetzt interessant", sagte Schmitt, "wenn die Bedingungen zunehmen, weiß ich nicht, ob man den Durchgang durchbringt." Aber die Bedingungen nahmen nicht zu. Schlierenzauer, wohl noch geschwächt von einer Magen-Darm-Grippe, blieb zurück, auch Loitzl und Ammann kamen nicht an Ahonen vorbei. Der alte Finne stand im Zielraum und lächelte. Bis Andreas Kofler ihn von der Verantwortung des ersten Etappen-Siegers befreite.