Vierschanzentournee:Auge und Zahn

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Vierschanzentournee: Flug zum bislang größten Erfolg: Daniel Huber sichert in Bischofshofen für Österreichs Verband den ersten Sieg bei einer Tournee seit fünf Jahren.

Flug zum bislang größten Erfolg: Daniel Huber sichert in Bischofshofen für Österreichs Verband den ersten Sieg bei einer Tournee seit fünf Jahren.

(Foto: Lisi Nieser/Reuters)

Eine störrische Schanze, ein verlorener Pokalfuß und ein Maulwurf in der Luft: Die 70. Vierschanzentournee bot wie immer mehr, als nur den Kampf um den Sieg - ein Rückblick.

Von Volker Kreisl

Die Arbeitsteiler

Das Ungerechte an der Vierschanzentournee besteht darin, dass sich alles auf den Gesamtsieg konzentriert. Da gehen leicht die Zwischentöne unter, die Etappenerfolge der Einzelnen oder auch gute Darbietungen von Mannschaften, der großen und der kleinen. Ein Miniteam im Team stellen seit Jahren die Skisprungkompagnons Eisenbichler&Geiger dar, unterwegs im selben Doppelzimmer und schon gemeinsam auf dem Sieger-Podest gelandet. Auch bei dieser Tournee, bei der es dann wieder nichts wurde mit dem ersten deutschen Gesamtsieg seit 20 Jahren, machten die beiden das Beste draus, ja, es war, als hätten sie sich abgesprochen. Nach Oberstdorf blieb Geiger als Fünfter noch in Schlagdistanz zum Sieger, in Garmisch-Partenkirchen fiel er dann als Siebter hoffnungslos zurück, dafür sprang Eisenbichler als Zweitplatzierter in die Bresche. So ging es weiter, die beiden sprangen tagsüber und besprachen abends kurz das Erlebte, wobei der eine vom anderen genau weiß, wann er reden möchte und wann er in Ruhe gelassen werden will. Jedenfalls gelangen Eisenbichler im zweiten Tourneeteil abwechselnd nur noch ein starker und ein mäßiger Sprung, womit er in Bischofshofen nur noch zweimal Achter wurde, was nichts ausmachte. Denn Geiger fand zum Ende der Tournee zurück in seine Form und holte, was den Zuschauern vielleicht weniger wichtig war, dem Sportler aber sehr: Platz drei, einen Podestplatz.

Den Berg bändigen

Spektakulärster Darsteller war diesmal ohnehin keiner der Springer, kein Exot und auch kein sogenannter Überflieger, sondern die vorerst noch einzige Darstellerin der Tournee: die Bergiselschanze. Die Anlage ist von großer Schönheit und Eleganz, den Springern fordert der enge Bakken alles ab, und zudem bringt er eine Extraportion Spannung in die Serie. Die Frage alle paar Jahre ist: Wird das Innsbrucker Springen stattfinden? Bekanntlich liegt die schöne Schanze mitten im Alpenfallwind Föhn, der häufig vom Brenner herunterweht und ziemlich genau auf Höhe des Bergisels seine ganze Kraft entfaltet. Der Föhn bereitet manchen Leuten echte Kopfschmerzen, die Tournee-Macher aber haben mittlerweile Notfallpläne und das Spielchen gegen den Bergisel diesmal gewonnen. Der Wettkampfplan ist heute elastisch genug. Jedenfalls war fast der gesamte Tross wie weggeblasen, nachdem die Rennleitung vor dem Wind endlich kapituliert hatte und die Springer sogleich aufbrachen zu zwei Wettkämpfen in Bischofshofen.

Gold und Glas

Vorab: Ryoyu Kobayashi hatte die Chance, als erster Springer eine zweite Tournee komplett durchzugewinnen, war aber im letzten Versuch gescheitert: Fünfter war er im Finale. Das kam nach seinen acht Siegen im bisherigen Winter etwas überraschend, und doch wandte sich der beste Springer dieser Tage schnell den nächsten Aufgaben zu. Dem Feiern seines normalen, zweiten Tourneesieges, zudem seinem nächsten Ziel, nämlich Olympia in Peking, wo er als erster Japaner nach Kazuyoshi Funaki 1998 wieder Gold holen könnte. Und drittens den vielen Trophäen, die er nun gewonnen hatte und einpacken musste. Einen Adler, golden glänzend, diverse Einzeltrophäen bei den Stationen, darunter in Garmisch-Partenkirchen einen Pokal mit Glaskugel oben und wuchtigem Pokalfuß unten, der bei der Siegerpose vor den Fotografen dann unten wegkrachte. Weiterhin gab es für seine vielen Qualifikationssiege Extraprämien, ferner reichlich Medaillen für die vielen Podeste und zum Abschluss noch eine Flasche Sekt, im Magnum-Format. Seine Leichtigkeit hat er trotz allem nicht verloren.

Polnische Tränen

Etwas Vergleichbares fällt einem in diesem Fall nicht ein. Dieser Skisprungwinter war von ständige Überraschungen gezeichnet, doch der Fall Kamil Stoch übertraf alles. Stoch war über zehn Jahre die Stabilität in Person, zunächst als Weltcup-Neuling, dann als Top-Ten-Springer und in den vergangenen fünf Jahren als Olympiasieger, Weltmeister, Gesamtweltcupsieger, 2018 Tournee-Grand-Slam-Sieger, 2021 Tourneesieger. Jetzt, 2022, landete er in der Qualifikation in Garmisch-Partenkirchen auf Rang 59, was ihm die Tränen in die Augen trieb. Die Teamleitung nahm ihn aus der Tournee, er versucht sich nun auf kleineren Schanzen wiederaufzubauen, muss aber von vorne anfangen. Denn es fehlt ihm nahezu an allem, Anlauf, Absprung, Fluggefühl und wie bei fast allen polnischen Springern zurzeit, auch an einer guten Landung. Mag sein, dass dieses Team sich gerade gegenseitig nicht stützen kann und dass der Teamleader Stoch auch daran in dieser Saison gescheitert ist. Die Beobachter wurden bei dieser Tournee jedenfalls das Gefühl nicht los, dass im Kampf um den Sieg immer jemand fehlte. Ach ja, Stoch und die Polen.

Einäugiger Skispringer

Für Philipp Aschenwald ist das schon okay. Der Österreicher sagt ja selber, dass er zurzeit nahezu blind sei, jedenfalls auf einem Auge. Die Bezeichnung Maulwurf ist daher eine zärtliche Umschreibung einer Tatsache. Die hat ihm allerdings zu gewisser Prominenz verholfen bei dieser Tournee. Denn Aschenwald ist am Ende zwar nur Gesamtzwölfter geworden, aber doch ein Gewinner dieser Tage. Schon im Herbst war bei ihm eine Augenkrankheit namens Keratokonus festgestellt worden, bei der die Hornhaut sich vorwölbt und zu vertrocknen droht. Die nötige Operation ist terminiert, aber erst nach der Tournee. Aschenwald, 26 und einer der aussichtsreicheren ÖSV-Talente, sprang also trotzdem, sogar ziemlich gut, und stahl den anderen teils gebeutelten Österreichern ein bisschen die Show. Denn mit einem Auge erkennt man vom Zenit der Flugkurve aus nur schwer die dreidimensionale Weite einer Skisprungschanze, sprich: den Punkt, an dem man schleunigst zur Landung ansetzen müsste. Doch Aschenwalds Beitrag fürs Team wirkte. Mit klarer Sicht hatte dann Teamkollege Daniel Huber das bis dahin etwas geknickte österreichische Team und die Skisprungnation beim Tournee-Finale erleichtert, und zwar mit dem ersten ÖSV-Sieg bei einer Tournee seit Dezember 2016. Und vielleicht fängt sich auch das ganze Team bald wieder, und zwar mit Verstärkung: Wenn Aschenwald schon mit einem Auge Zwölfter wird, wie gut wird er springen, wenn nach der OP noch das zweite hinzukommt?

Die Rechnung der Norweger

Niederlagen sind relativ. Wer mit einem Sieg nicht gerechnet hat, kommt über eine Pleite gut hinweg. Der norwegischen Mannschaft ging es ganz anders. Sie schickte drei Mitfavoriten zur Tournee, von denen am Ende auch Marius Lindvik und Halvor Egner Granerud auf dem Gesamtpodest standen, aber eben hinter Kobayashi - dabei hatten sie sich mehr erwartet. Cheftrainer Alexander Stöckl, seit elf Jahren Coach der Norweger, war vorab ziemlich zuversichtlich. Denn er hatte drei Springer in Bestform zu bieten, und nicht nur das: alle drei hatten eine Rechnung offen mit der Tournee. Lindvik, der jüngste, wurde 2021 abgefangen von einem entzündeten Weisheitszahn. Daniel Andre Tande hatte 2021 vergessen, seinen Sicherungsriemen festzuzurren, weshalb er als Gesamtführender im vierten Springen den Flug abbrechen musste und sich zwar nicht verletzte, aber schluchzend im Schnee kauerte. Und schließlich Granerud, der in der vergangenen Saison elf Weltcupsiege errang, aber in Innsbruck entscheidend "abschmierte", wie Stöckl sich erinnert. Gewonnen hat die Tournee auch diesmal keiner von den dreien. Aber schon im kommenden Dezember, gleich nach Weihnachten, da bietet sich die nächste Chance.

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