Vielseitigkeitsreiten Unverletzt ans Ufer

Parcours entschärft: Die Neuseeländerin Jonelle Price meistert ein Hindernis in Luhmühlen.

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Auf den Spuren ihres Vaters: Ingrid Klimke gewinnt die wichtigste Vielseitigkeits-Prüfung in Lühmühlen. Im ersten Jahr nach dem tödlichen Unfall von Ben Winters sorgen neue Sicherheitsmaßnahmen für sichere Wettkämpfe.

Von Gabriele Pochhammer, Luhmühlen

Er sei froh, dass das Lächeln auf die Gesichter zurückgekehrt sei, sagte Mark Phillips. Der britische Parcoursdesigner der Vielseitigkeitsstrecke in Luhmühlen war sichtlich erleichtert, als er am Ende des Tages zwei erfolgreiche Geländeprüfungen ohne ernsten Zwischenfall melden konnte. Zwar liefen mehrere Pferde an einem der schmalen Hindernisteile vorbei, was als Verweigerung gewertet und mit 20 Strafpunkten geahndet wurde, aber nur der neunjährige Fuchs Sunny First Side von Kai Steffen Meier ging in einem Wasserhindernis zu Boden, sprang aber gleich wieder auf und lief unverletzt ans Ufer. Vor einem Jahr hatte Phillips um Erklärungen ringen müssen, wie es zu dem tödlichen Sturz des 25 Jahre alten Ben Winter hatte kommen müssen. Am 14. Juni jährte sich Winters Todestag. "Das hatten wir alle noch im Kopf, als wir hierher fuhren", sagte Ingrid Klimke, die Siegerin im VierSterne-CCI, der schwersten Klasse, von der es weltweit nur sechs Prüfungen gibt.

Sollbruchstellen und Scharniere - die Sicherungen sind vielfältig

Mark Phillips hatte es diesmal den Reitern und Pferden leichter gemacht als in den Jahren zuvor. Der Kurs war freundlicher und gefälliger. Der fatale Holztisch, an dem Winters Ispo hängen geblieben war und sich überschlagen hatte, war verschwunden. An anderer Stelle stand ein Tisch, der aus einer gebogenen Linie angeritten wurde. Die Reiter mussten ihre Pferde unter Kontrolle bringen und konnten nicht mehrere hundert Meter in hohem Tempo darauf zu galoppieren, nach Ansicht von Experten eine der Ursachen für Winters Sturz. Mehrere Hindernisse waren mit Sicherheitsvorrichtungen ausgestattet, entweder mit kleinen Metallstäbchen unter den Stangen, die an einer Sollbruchstelle ab einem gewissen Druck abknicken sollten, oder mit Scharnieren, die sich im Falle eines Aufpralls öffnen und das Hindernisteil fallen lassen. Beides soll die gefürchteten Überschläge des Pferdes verhindern, bei dem die Gefahr groß ist, dass der Reiter unters Pferd gerät.

Diese Sicherheitsmaßnahmen, die auch schon auf anderen Plätzen ergriffen wurden, brauchten sich in Luhmühlen diesmal nicht zu bewähren. Ein Heckensprung wurde zwar von einigen Pferden touchiert, aber an keinem der Hindernisse schlug ein Pferd so heftig an, dass der Mechanismus ausgelöst werden musste. Um nur erfahrene Reiter-Pferde-Paare am Start zu haben, waren außerdem in diesem Jahr die Qualifikationen verschärft worden.

Als erster Starter setzte Olympiasieger Michael Jung den Maßstab. Mit dem 15-jährigen Sam demonstrierte er, wie die 6500 Meter lange Strecke geritten werden sollte: das Pferd aufmerksam mit gespitzten Ohren von Sprung zu Sprung galoppierend, als ob es sich die Hindernisse selbst sucht, unsichtbar unterstützt von seinem Reiter. "Bei Michi sieht jede Strecke wie ein Kinderspiel aus", sagt Phillips, "aber nach zehn Reitern merkt man, dass es doch nicht so leicht ist."

Zu denen, die mit der Strecke spielten, gehörte auch Ingrid Klimkes elfjährige Hannoveraner Stute Escada. Sie ging nach dem Gelände in Führung und machte mit einer Nullrunde im Parcours ihren ersten Luhmühlen-Sieg perfekt - 56 Jahre nach ihrem Vater. Der sechsfache Dressurolympiasieger Reiner Klimke hatte seine Karriere einst in der Vielseitigkeit begonnen.

Escada kehrte in ihre alte Heimat zurück, sie ist in Luhmühlen geboren. Aus der einst ungestümen Stute hat Klimke in der Dressur ein Musterkind an Konzentration und Gehorsam gemacht. Weil Escada nicht so viel Voll-, also Rennpferdeblut hat wie andere Geländepferde, muss Klimke stärker an der Kondition der Stute arbeiten. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung hat dafür extra in der Nähe von Münster einen kleinen Berg angemietet. Das hat offenbar geholfen, denn Escada ging bei der Siegerehrung vor ihren nächstplatzierten Konkurrenten frisch auf die Ehrenrunde.

Die Deutsche Meisterschaft, ausgetragen als Dreisterne-Kurzprüfung, gewann Andreas Ostholt auf So is et vor Klimke auf Hale Bob, Bronze ging an Peter Thomsen auf Barny.