Videobeweis Hummels' Notbremse als Warnung

Schlechter Beginn für die zweite Saison des Videobeweises: Nach dieser Notbremse von Mats Hummels (links) im Supercup gegen den Frankfurter Stürmer Mijat Gacinovic gab es keinen Platzverweis des Schiedsrichters gegen den Münchner - und auch der Videoassistent versäumte es, einzugreifen.

(Foto: firo Sportphoto/Ralf Ibing)
  • Bayern-Verteidiger Mats Hummels hätte nach seiner Notbremse im Supercup gegen Frankfurt Rot sehen müssen - doch der Videoassistent griff nicht ein.
  • Für das Projekt ist es ein ungünstiger Start in die neue Saison.
  • Trotzdem soll der Videobeweis in der anstehenden Spielzeit besser funktionieren.
Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Es kam nun wirklich selten vor, dass sich die Frankfurter am Sonntag im Supercup dem Tor des FC Bayern näherten. Aber kurz vor der Pause war es der Fall. Mijat Gacinovic dribbelte vor dem gegnerischen Strafraum, Mats Hummels grätschte als letzter Mann der Münchner heran, kam dabei aber etwas zu spät - und stoppte seinen Gegenspieler mit einem Foul. Der Schiedsrichter zeigte Hummels Gelb, und dann passierte: nichts. Obwohl es doch eine Notbremse und der Verzicht auf einen Platzverweis mithin ein klarer Fehler war.

Aber aus dem Kölner Keller, in dem ein Videoassistent die Spiele verfolgt und den Schiedsrichter auf Fehler aufmerksam machen kann, kam kein Signal. Nicht nur Sünder Hummels selbst wunderte das, sondern auch viele Zuschauer. Und später räumte auch Lutz-Michael Fröhlich als Schiedsrichter-Boss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein, dass es eine Korrektur hätte geben müssen.

Kalibrierte Linien sollen bei Abseitsentscheidungen helfen

Es hätte für das Videoprojekt kaum einen ungünstigeren Start in die neue Saison geben können. Denn es soll künftig bei diesem Thema ja erheblich besser laufen als im Vorjahr, als die Technikhilfe erstmals (und offiziell noch in einer Testphase) in der Liga zum Einsatz kam. Da gab es zwar viele wichtige Korrekturen, aber auch viele Pannen und viel Aufregung. Und es dürfte die deutschen Fußball-Vertreter durchaus gewurmt haben, dass bei der WM im Sommer plötzlich alle angetan waren von der Umsetzung der Videohilfe. Die funktionierte zwar nicht so gut, wie die Bosse des Weltverbandes taten, und es gab diverse willkürliche Einsätze. Aber es blieb doch als Resümee, dass das ganze Prozedere besser funktionierte als in der Bundesliga. Und unter diesem Eindruck wollen die deutschen Verantwortlichen den Videoassistenten nun verbessern - nur bleibt die Frage, ob ihnen das auch gelingt.

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Dabei geht es zunächst einmal um zwei Änderungen, die mehr Transparenz bringen sollen. Im Vorjahr fragten sich die Zuschauer ja bisweilen, was genau der Schiedsrichter gerade mit dem Kölner Keller zu besprechen hatte. Nun sollen zumindest die Fernsehkonsumenten bei Einsätzen des Videoassistenten jenen dreigeteilten Bildschirm sehen, wie es ihn auch bei der WM gab - und auch die diskutierte Szene. Die Zuschauer im Stadion hingegen kommen nicht in diesen Genuss. Die Vertreter der Bundesliga erklären das damit, dass die technischen Voraussetzungen in den Stadien zu unterschiedlich seien. Stattdessen gibt es auf der Leinwand nur kurze Texte, anhand derer der Stadionbesucher verstehen soll, warum der eigentlich verhängte Strafstoß nun doch zurückgenommen wird. Da scheint es schon absehbar zu sein, dass das zumindest bei den Stadiongängern noch nicht als der Weisheit letzter Schluss verstanden wird.

Die zweite Neuerung sind die sogenannten kalibrierten Linien bei Abseitsentscheidungen, die bei der WM ebenfalls zum Einsatz kamen. Schon zur Premierensaison 2017/18 sollten diese Linien helfen, doch nach technischen Schwierigkeiten zum Auftakt wurde das Thema erst einmal zurückgestellt. Die kalibrierten Linien, so lautete fortan die Haltung der Deutschen Fußball-Liga (DFL), würde es erst geben, wenn die Fifa Angebote zertifiziert habe. Vor diesem Hintergrund ist es ein wenig überraschend, dass sie nun eingeführt werden. Denn eine Zertifizierung gibt es bisher nicht. Aber der Einsatz der Linien bei den WM-Spielen und einige technische Weiterentwicklungen gelten nun als ausreichendes "Qualitätssiegel".

Doch unabhängig von diesen Neuerungen wird nicht zuletzt ein Kernkriterium darüber entscheiden, ob der Videoassistent mehr Akzeptanz erfährt: nämlich die Frage, ob es eine einheitliche Linie gibt, wann der Kölner Keller überhaupt eingreift. Gemäß den Regularien darf er das ohnehin nur in ausgesuchten Momenten tun (Tor, Elfmeter, Platzverweis, Verwechselung eines Spielers bei gelber oder roter Karte) - und nur, wenn eine "klare Fehlentscheidung" vorliegt. Doch genau diese Definition, was ein klarer Fehler ist, schwankte in der Vorsaison erheblich. Bei der WM war die Schwelle für einen Eingriff des Video-Assistenten grundsätzlich sehr hoch. Aber es ist davon auszugehen, dass diese Frage auch in der künftigen Saison ein paar Diskussionen bringt; dafür hat Schiedsrichter-Boss Fröhlich schon vor dem Bundesliga-Auftakt (im Pokal kommt der Videoassistent erst ab dem Viertelfinale zum Einsatz) den Grundstein gelegt.

Denn es gab beim Supercup ja nicht nur Hummels' Notbremse zu bewerten. Sondern auch einen heftigen Zweikampf nach gut 70 Minuten, als Frankfurts Abwehrspieler David Abraham seinen Arm ins Gesicht von Münchens Angreifer Robert Lewandowski schlug. Für viele Zuschauer war das ein klarer Platzverweis, aber der Schiedsrichter beließ es bei der gelben Karte, und der Videoassistent griff hier ebenfalls nicht ein. Und das fand Schiedrichter-Chef Fröhlich auch völlig in Ordnung. Es sei kein gravierender Fehler gewesen, der Schiedsrichter habe diesen Zweikampf eben anders bewertet.

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