Süddeutsche Zeitung

VfL Wolfsburg:Wolfsburg entlässt Trainer Dieter Hecking

  • Beim VfL Wolfsburg kippt die Stimmung, denn die Mannschaft spielt seit Wochen schlecht.
  • Mit überraschenden Worten rückt Geschäftsführer Klaus Allofs seinen Trainer in den Mittelpunkt der Debatte.

Von Javier Cáceres, Wolfsburg

Das Ende der Amtszeit von Dieter Hecking hatte sich angedeutet. Als es am Montagabend vom VfL Wolfsburg bestätigt wurde, wirkte es dennoch so, als sei alles schneller gegangen als gedacht. Immerhin hatte Hecking am Vormittag noch das Training des Bundesligisten geleitet, das bittere 0:1 gegen Aufsteiger RB Leipzig vom Sonntagabend noch in den Knochen. Das Ergebnis der folgenden Gesprächsstunden wurde in der Pressemitteilung des Vereins dann etwas merkwürdig formuliert: Von einem "einvernehmlichen" Beschluss zur Trennung war wie üblich die Rede - dieses einvernehmliche Ende, hieß es aber andererseits, sei dem Trainer "von Geschäftsführer Klaus Allofs mitgeteilt" worden.

Dennoch durfte man Allofs glauben, dass ihm "der Schritt menschlich sehr leid tut" - und ebenso glaubwürdig klang, dass der "enttäuschte" Hecking "die Entscheidung des Klubs respektiert".

Der Mann, der 2015 noch der Held der Stadt war, weil er den VfL zum Pokalsieger und Meisterschafts-Zweiten gemacht hatte, hat nun auch den Nimbus des noch nie entlassenen Profitrainers verloren; in Hannover, Nürnberg und Aachen hatte Hecking immer selbst die Arbeitsverhältnisse beendet. Nun zog der Klub den Schlussstrich - und übertrug dem Coach der U23, dem Ex-Profi Valérien Ismaël, vorübergehend die Verantwortung; gehen muss auch Heckings ewiger Assistent Dirk Bremser.

Wolfsburg sondiert den Trainermarkt

Ismaël, den VfL-Manager Allofs zu seiner Zeit in Bremen als Spieler zu Werder geholt hatte, betreut die U23 des VfL bereits zum zweiten Mal. 2014 und 2016 holte er die Regionalliga-Meisterschaft, scheiterte aber jeweils in der Aufstiegsrunde zur dritten Liga; nach einem Intermezzo beim 1. FC Nürnberg kehrte er im Sommer 2015 nach Wolfsburg zurück. Zurzeit liegt der VfL II in der Regionalliga Nord auf Rang neun. Ismaël dürfte aber nur ein Platzhalter sein, der VfL sondiert den nationalen und internationalen Trainermarkt.

Hecking muss verantworten, dass der VfL seit geraumer Zeit nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Karge sechs Punkte hat die fußballspielende Filiale des affärengeplagten VW-Konzerns nach sieben Spieltagen gesammelt, der bisher einzige Sieg gelang zum Start im August. Und im laufenden Kalenderjahr hat der VfL nur 25 Punkte aus 24 Spielen geholt. Aktuell sind die Nationalspieler Julian Draxler und Mario Gomez torlos, beim Spiel gegen Leipzig gab es zudem deutliche Missfallensbekundungen gegen den Trainer ("Hecking raus!") und das Team ("Und ihr wollt in die Champions League?"). Am Montag schlug Allofs den Bossen vor, den "Trainer des Jahres 2014/15" von seinen Aufgaben zu entbinden. Er erntete null Gegenwehr.

Damit vollzog sich, was sich am Vorabend abgezeichnet hatte. Nach der Partie gegen gierige Leipziger hatte sich Allofs zu Hecking sibyllinisch geäußert. Das hob sich einerseits wohltuend von den oft nur heuchlerischen Rückendeckungs-Floskeln ab, stellte Hecking aber dermaßen ins Fadenkreuz, dass dessen Entlassung in der Luft lag: "Wir werden uns unterhalten müssen, welche Möglichkeiten wir sehen, um aus dieser Mannschaft wieder mehr herauszuholen. Das kann mit dem Trainer sein, das kann irgendwann auch ohne den Trainer sein", sagte Allofs. Die rasch gefundene Antwort war: ohne den Trainer!Hecking selbst, der sogar nach gewonnenen Spielen oft dünnhäutig wirkt, machte hingegen einen nachgerade entspannten Eindruck: Allofs müsse "nicht ständig ein Plädoyer für den Trainer halten", sagte er - als hätte er geahnt, dass ihm nicht mal mehr die Möglichkeit eines Endspiels bei Darmstadt 98 eingeräumt werden würde.

Viele Konstruktionsfehler im Wolfsburger Spiel

Auch Hecking wird gewusst haben, dass die Frage, wie man mehr aus dem edel bezahlten Kader herausholt, überaus berechtigt ist. Seine Elf spielt schon lange ohne Überzeugung und Freude. Und ebenso lange machen Gerüchte über ein mindestens angespanntes Verhältnis zwischen Team und Trainer die Runde. Derlei ist keine gute Grundlage für schönes Spiel, wie auch gegen Leipzig zu bezeugen war. Beim Tor durch Forsberg (70.) war wenig Abwehrverhalten zu erkennen, der Schwede konnte aus 18 Metern ungestört zu m Schlenzer ansetzen. Doch die Probleme liegen tiefer.

In der ersten Spielhälfte hatte derselbe Forsberg dramatisch schlecht einen Elfmeter verschossen, dessen Entstehung einen von vielen Konstruktionsfehlern bloßlegte, die den Wolfsburger Kader prägen und das Spiel der Mannschaft lähmen: Robin Knoche ist ein reiner Rechtsfuß, muss aber in der linken Innenverteidigung aushelfen. Weil Knoche bei der Spieleröffnung aus Mangel an Technik zu wenig Optionen bereitstehen, muss er sich oft für Rück- oder Querpässe entscheiden; vor dem Elfer spielte er Torwart Koen Casteels an, der sich den Ball zu weit vorlegte und dann den Strafstoß verursachte. Das strukturelle Problem ist, dass durch Aktionen wie von Knoche der Spielaufbau verlangsamt wird - und dass den meisten Wolfsburger Mittelfeldspielern die Fantasie fehlt, eine statische Abwehr aufzubrechen.

Allofs ist selbst maßgeblich verantwortlich

Die Offensivabteilung ist, mit Ausnahme von Draxler, hauptsächlich mit Turbo-Arbeitern gespickt, Zugang Didavi, der eine kreative Rolle spielen könnte, ist verletzt. Und zum glücklosen Stürmer Gomez (der im Sommer noch sagte, er würde wieder gehen wollen, wenn Wolfsburg das internationale Geschäft verpasst) scheint es keine Alternative zu geben. Hinzu kommt, dass einige Spieler nach Verletzungspausen nicht 100 Prozent liefern können: "Wir müssen mehr tun als der Gegner, wir müssen sie niederringen, weil wir sie nicht niederspielen können", weiß Allofs.

Ab sofort dürften sich viele Augen auch auf ihn selbst richten. Allofs ist maßgeblich verantwortlich für den bislang gescheiterten Umbau des Teams, der nach den Abgängen von Naldo, Dante, Schürrle und Kruse nötig wurde. In Hecking ist Allofs' letzter Schutzschild weg. Nur: In der Führungsetage des VfL sitzt quasi niemand mit Fachkompetenz. Bei VW gilt, dass die Investition in den Fußball nur Sinn ergibt, wenn der Klub international von sich Reden macht. Aber davon ist der VfL so weit entfernt wie der Mond, der Sonntag über dem Stadion in voller Pracht schien.

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Quelle:
SZ vom 18.10.2016/ebc
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