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VfL Wolfsburg:Teurer Riecher

Torjubel - Torschuetze Wout Weghorst (VfL Wolfsburg,9) trifft zum 4-3 mit Jerome Roussillon (VfL Wolfsburg,15)- 1 Fussb

Das hab’ ich doch alles gesagt: Wolfsburgs Doppeltorschütze Wout Weghorst (rechts) hat mit den Kollegen einiges zu lachen.

(Foto: Christian Schroedter/imago images)

Der niederländische Angreifer Wout Weghorst zeigt beim turbulenten 5:3-Erfolg gegen Werder Bremen seinen effizienten Wert.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg/Hamburg

Im datengetriebenen, leicht verwissenschaftlichten Profifußball geht manchmal unter, dass Instinkt noch immer eine fast unbezahlbare Fertigkeit ist. Bei Stürmern gerät das glücklicherweise nicht so schnell in Vergessenheit. Unter ihnen heißt Instinkt bekanntlich "Riecher", und dieser Riecher darf auch heute noch als Erklärung für fast jedes Tor herhalten, das sie erzielen.

Beim Stürmer Wout Weghorst, 28, hätte man am Freitagabend beinahe den Eindruck gewinnen können, dass er selbst seinen Riecher feierte. Als hätte er die Flugbahn des Balls vor allen anderen gekannt: "Ich hab'sch doch gesagt! Ich hab'sch doch gesagt!", rief er in phonologisch einwandfreiem Niederländischdeutsch durch die fast menschenleere Wolfsburger Arena, in diesen Zeiten ja auch gut verständlich für jeden Fernsehzuschauer. Er hatte gerade einen ansehnlichen Treffer zur 4:3-Führung gegen Werder Bremen erzielt. Am Ende dieser turbulenten Partie stand es 5:3 für den VfL, und Weghorst war in diesem Torreigen der Einzige auf dem Platz, der zweimal treffen konnte. Blieb zu klären: Er hat's zwar gesagt. Aber was eigentlich genau?

Seine Tore erzielte Weghorst jedenfalls in bester Mittelstürmermanier. In der 37. Minute schlich er sich im Rücken der Bremer Defensivspieler heran, die nach einer Hereingabe alle nicht so genau zu wissen schienen, wo der Ball jetzt gleich hinspringen würde. Weghorst behielt den Überblick: zwei Schritte in die richtige Richtung, dann ein Drehschuss ins linke Eck zur zwischenzeitlichen 3:2-Führung.

In der 76. Minute dann das bereits erwähnte 4:3: Flanke von links, Weghorst täuschte einen Sprint zum kurzen Pfosten an, legte aber doch einen seichten Rückwärtsgang ein. Ein verwirrter Bremer Verteidiger musste dabei zusehen, wie Weghorst nach oben stieg und den Ball mit dem Schädel ins Tor wuchtete. Man sollte annehmen, dass Kopfbälle zu den Paradedisziplinen des 1,97 Meter großen Hünen gehören, aber in einem Kicker-Interview hatte er sich da neulich noch selbst gewisse Defizite attestiert. In der Vorsaison hat Weghorst nur drei seiner 16 Treffer per Kopf erzielt - insgesamt aber exakt ein Drittel der gesamten Wolfsburger Saisontore. In dieser Spielzeit kommt er jetzt auf sechs Treffer in neun Partien.

Der Niederländer hat also nicht nur wegen des für ihn "wunderschönen" Freitagabends Begehrlichkeiten geweckt. Angeblich hätte ihn José Mourinho vor der Saison gern zu den Tottenham Hotspur geholt, die kolportierte Ablöse in Höhe von 35 Millionen Euro war dann aber doch zu teuer. In der niederländischen Nationalmannschaft können sie mit Weghorst dagegen weniger anfangen, in vier Länderspielen kommt er auf keine 45 Minuten Spielzeit. An Selbstbewusstsein mangelt es Weghorst trotzdem nicht. Und damit wäre man bei dem, was er eigentlich gesagt hat. Ein Mitspieler habe Weghorst vor der Partie angewiesen: "Junge, viel Glück, du machst heute eins!" Die Antwort: "Nein, nein, nein, es wird nicht eins sein, es werden zwei." Auch da hatte er den Riecher.

© SZ vom 30.11.2020
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