Im Frühjahr saßen zwei Fußballtrainer nebeneinander auf dem Pressepodium und waren, wenngleich Rivalen, ziemlich solidarisch miteinander. Übereinstimmende Leidensgeschichten schweißen nun mal zusammen. Der eine Trainer, Niko Kovac, grinste sein verschmitztes Niko-Kovac-Lächeln und legte verbal los. Wenn man sich anschaue, wie viele Trainer es in den vergangenen Jahren schon versucht hätten, sagte Kovac, dann müsse man sich ja schon mal die Frage stellen, „ob es dann immer auch am Trainer liegt“. Nonverbale Zustimmung auf dem Platz daneben. Der andere Trainer, Ralph Hasenhüttl, sollte nach dieser außergewöhnlichen Verbrüderungsgeste jedenfalls nicht mehr lange im Amt bleiben. Der Österreicher, Kovacs Nachfolger als Trainer des VfL Wolfsburg, wurde nach diesem 0:4 im Mai gegen Borussia Dortmund entlassen.
Ob’s am Trainer liegt? Ausweislich der jüngsten Vorgänge in der Autostadt schon auch, aber nicht nur. Denn am Sonntag musste in Person von Paul Simonis, seinerseits Nachfolger von Hasenhüttl, zwar der nächste Wolfsburger Trainer gehen. Am Abend gab der Verein die Freistellung bekannt. Auch die Co-Trainer Peter van der Veen, Tristan Berghuis und Martin Darneviel verlassen demnach den Klub, U19-Cheftrainer Daniel Bauer übernimmt bis auf Weiteres. Unabhängig davon stehen auch jene Herrschaften zur Disposition, deren Job es ist, Trainer einzustellen und ganz allgemein einen erfolgreichen Spielbetrieb zu gewährleisten: Sportchef Peter Christiansen und sein Stellvertreter, Sportdirektor Sebastian Schindzielorz.

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Welcher der beiden eine Zukunft in Wolfsburg hat, wer nicht und warum, wird sich in den kommenden Tagen zeigen – dabei hätte der bislang letzte Auftritt der Werkself, ein verheerendes 1:2 am Freitag in Bremen, durchaus Argumente für radikale Entscheidungen im Wolfsburger Organigramm geliefert. Von der „schlimmsten Niederlage“ seiner Karriere hatte Noch-Coach Simonis unmittelbar nach Schlusspfiff berichtet; ein heftiger Befund, der beim Blick auf seine bisherige Vita jedoch gleich wieder ein bisschen relativiert wird. Simonis war nach einem produktiven Jahr beim niederländischen Erstligisten Go Ahead Eagles ja ohnehin gerade erst in seine zweite Saison als Proficoach gestartet. Seine Schlussbilanz in Wolfsburg lautet nun: zehn Ligaspiele, sechs Niederlagen sowie ein Ausscheiden im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten Holstein Kiel.
Liest sich nicht schön. Simonis schlug das in den vergangenen Wochen auch heftig aufs Gemüt. Nun, da der wirklich charmante Niederländer nach der jüngsten Misere vor die Werkstüren gesetzt wurde, muss er allerdings ebenso wenig in Selbstvorwürfen versinken wie seine zahlreichen Vorgänger in den vergangenen Jahren. Denn, steile These: Vielleicht liegt’s beim VfL Wolfsburg ja wirklich nicht nur am Trainer!
„Wenn ich das Problem bin, gehe ich“, hatte Christiansen am Freitag verkündet
Dass die wenig überraschende Trennung von Simonis erst am Sonntagabend vermeldet wurde, könnte auch daran liegen, dass das gesamte Wochenende über nicht klar war, wer überhaupt seine Unterschrift unter die Entlassungsdokumente setzen würde: Sportchef Christiansen? Oder sein Stellvertreter Schindzielorz, weil Christiansen seinerseits gehen muss? Oder keiner von beiden, weil beide entlassen werden?
Der Wolfsburger Aufsichtsrat hat jedenfalls über die Zukunftstauglichkeit des gesamten Sportressorts beraten. Dass zwei Tage nach dem desolaten Auftritt in Bremen kein endgültiges Ergebnis vorlag, erzählt wiederum nahezu alles, was man über den aktuellen Zustand des VfL Wolfsburg wissen muss. Eins, zwei oder drei: Nicht mal die Größenordnung der mutmaßlichen Entlassungswelle konnte am Wochenende final definiert werden – dabei hätten die Wolfsburger Räte während dieser seit Wochen andauernden Talfahrt durchaus Zeit gehabt, an einer schlüssigen Hire&Fire-Strategie zu tüfteln.

„Wenn ich das Problem bin, gehe ich“, hatte Christiansen am Freitag verkündet. Es braucht kein sonderlich fachkundiges Auge, um zu erkennen, was der Däne und Schindzielorz ihrem Trainer da für einen erschreckend windschiefen Kader zur Verfügung gestellt haben. Ein grober Überblick: Zugang Vini Souza, ein resoluter Sechser, sollte von Simonis zum Achter umgeschult werden, weil sein Kerngeschäft von Kapitän Maximilian Arnold erledigt wird. Verteidiger Moritz Jenz, hauptverantwortlich für das späte 1:2 am Freitag gegen Werder, sollte den Verein im Sommer verlassen und fand sich urplötzlich in der Rolle des Abwehrchefs wieder. Jakub Kaminski spielt nicht mehr in Wolfsburg, dafür überaus überzeugend in Köln – und auf seiner bevorzugten Position, der linken Offensivflanke, spielt nun nicht selten einer der unzähligen zentralen Mittelfeldspieler.
Startransfer Christian Eriksen blieb eine derartige Zweckentfremdung bislang zwar erspart. Für den Fall der Fälle wüsste der Däne aber, an wen er sich zum Lästern wenden könnte: Beim VfL spielen mittlerweile sechs seiner Landsmänner, was plausibel erscheint, weil Sportchef Christiansen als Däne über beste Marktkenntnis auf dem dänischen Spielermarkt verfügt. Es soll in der Branche jedoch auch Sportchefs geben, deren Maxime lautet: Unter gar keinen Umständen sechs Dänen, sechs Briefmarkenfreunde oder sechs Harley-Davidson-Fahrer in eine Mannschaft packen, weil so eine Kaderbauweise auch die Gefahr der Grüppchenbildung im Team erhöht.
Als Christiansen 2024 nach einigen erfolgreichen Jahren beim FC Kopenhagen in der Autostadt anheuerte, wurde von ihm der „Wolfsburger Weg“ ausgerufen: Das vom örtlichen Autobauer zur Verfügung gestellte Geld sollte in frische Beine und Ideen fließen. Perspektivische Ziele: Transfergewinne erwirtschaften und im Europapokal spielen. So weit zur Theorie. In der Praxis steht der Klub nun mal wieder da, wo er sich trotz bester Voraussetzungen in beachtlicher Regelmäßigkeit einfindet: mittendrin im Kampf um den Klassenverbleib.
Der Kicker berichtete jüngst von Zwietracht und Antriebslosigkeit in der Wolfsburger Kabine und bestätigte so erneut, was frühere VfL-Trainer hinter vorgehaltener Hand auch Jahre nach ihrem Dienst in der Autostadt erzählen: Die Werkself sei das am schwersten zu trainierende Team der Liga, weil sich – in dieser Härte wird das tatsächlich formuliert – letztlich kaum ein Spieler für diesen Klub interessiere. Wer da ist, will weiterziehen, bestenfalls zu einer europäischen Spitzenadresse. Wer sich diesem Vorwurf niemals ausgesetzt sah, ist Kapitän Maximilian Arnold. Sein Vertrag wurde jüngst bis 2028 verlängert, aber wie zu hören ist, war ausgerechnet Sportchef Christiansen am wenigsten von einer weiteren Zusammenarbeit überzeugt. Der Wolfsburger Aufsichtsrat hat die Sache trotzdem durchgedrückt.

