VfL WolfsburgEine Fußballmannschaft, die den Fußball boykottiert

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„Totalversagen“: Wolfsburger Fußballer um Christian Eriksen (2.vl.) nach dem 0:2.
„Totalversagen“: Wolfsburger Fußballer um Christian Eriksen (2.vl.) nach dem 0:2. Swen Pförtner/dpa
  • Der VfL Wolfsburg verliert 0:3 gegen Stuttgart und bleibt seit zwölf Heimspielen ohne Sieg, was den 15. Tabellenplatz zur Folge hat.
  • Sportdirektor Schindzielorz spricht von "Totalversagen" und sieht die Mannschaft auf "elf Positionen unterlegen" gegen Stuttgart.
  • Der teure Wolfsburger Kader zeigt keine erkennbaren sportlichen Prinzipien.
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Beim 0:3 gegen Stuttgart unterbieten sich die Spieler des VfL Wolfsburg noch mal selbst. Beim VW-Klub droht die nächste Saison, in der ein teurer Kader keine sportlichen Prinzipien erkennen lässt.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg

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Die Sonne strahlte, am Himmel war keine einzige Wolke unterwegs, als in der Wolfsburger Arena die Anzahl der Zuschauer durchgesagt wurde: 26 145 waren gekommen. Nicht ganz ausverkauft, aber viel fehlte nicht. Kein Grund also, um sich zu schämen. Die Zuschauer jedoch schienen das anders zu sehen und unterlegten die Durchsage mit einem zünftigen Pfeifkonzert. Warum, lässt sich nicht genau ermitteln, aber es könnte sein, dass es sich hierbei um einen in der Bundesligageschichte nur selten dokumentierten Vorgang handelte. Womöglich richtete das Publikum besagte Pfiffe ja gegen sich selbst. Sonne. Blauer Himmel. Ein goldener Oktobertag. Was, um Himmels willen, hat einen eigentlich geritten, diesen wunderschönen Samstagnachmittag bei einem Heimspiel des VfL Wolfsburg zu verbringen?

Vielleicht hatten die Pfiffe aber auch einen anderen Grund, die Motive für Pfiffe in Fußballstadien sind mitunter unergründlich. Zumal während dieses Spiels ohnehin eine Menge gepfiffen wurde. Warum, ließ sich in allen weiteren Fällen dagegen ziemlich genau sagen: Der VfL Wolfsburg hat bei seiner 0:3-Niederlage gegen den VfB Stuttgart einen geradezu typischen Heimauftritt dargeboten und dadurch einige unrühmliche Statistiken weiter ausgebaut. Saisonübergreifend hat die Werkself seit zwölf Heimspielen nicht mehr gewonnen, in dieser Spielzeit kam überhaupt erst ein Sieg zustande, was aktuell einen völlig gerechtfertigten 15. Tabellenplatz zur Folge hat. Dem VfL zugeneigte Stadionbesucher hätten wissen können, was sie erwarten würde. Wer die Reise dennoch antrat, tat dies auf die Gefahr hin, seinen Herbsttag unwiederbringlich in den Sand zu setzen.

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Immerhin, die Verantwortlichen zeigten Reue und ein ausgeprägtes Schuldbewusstsein. Der Wolfsburger Sportdirektor Sebastian Schindzielorz sprach von einem „Totalversagen“ und sendete eine Friedensbotschaft an die Fans: Deren „Reaktion auf den Rängen“ – sprich: die Pfiffe – gehe angesichts der Leistung natürlich „völlig in Ordnung“. Der niederländische Trainer Paul Simonis, seit Sommer neu im Amt, wechselte auf der Pressekonferenz vom Englischen ins Deutsche und wieder zurück, um seiner Ernüchterung bestmöglich Ausdruck zu verleihen. Letztlich ließen sich seine Ausführungen auf eine simple Kernbotschaft verdichten. Sein Team habe sich „sehr schlecht“ präsentiert. Was die Beteiligten zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht wirklich erklären konnten: Wie konnte sich diese ohnehin nicht gerade im Höhenrausch befindliche Mannschaft noch einmal selbst unterbieten?

Die Simonis-Elf präsentierte sich wie ein Außenseiter in der ersten Pokalrunde – nur ohne Wille und Leidenschaft

Laut gängigen Finanzkennzahlen sollten es die von einem örtlichen Autokonzern alimentierten Wolfsburger mit den Stuttgartern eigentlich aufnehmen können. In der Praxis wirkte die Elf von Paul Simonis unterwürfig wie ein Drittligist in der ersten Pokalrunde, allerdings ohne dabei wenigstens Wille oder Leidenschaft entgegenzusetzen. Der Wolfsburger Auftritt hatte was von kollektivem Siechtum. Die im sogenannten xG-Wert zusammengefasste Torwahrscheinlichkeit erreichte zur Halbzeitpause einen winzigen Promillewert und war nach Schlusspfiff nicht viel eindrucksvoller. Nahezu alles, was man über die defensive Wachsamkeit wissen musste, war indes der 26. und der 35. Minute zu entnehmen.

In der 26. Minute führte Stuttgarts Angelo Stiller eine Ecke kurz aus, Bilal El Khannouss ließ vom Sechzehnereck zurückprallen, Flanke Stiller, Kopfball Chema – Wolfsburgs Torwart Kamil Grabara konnte gerade noch so abwehren. In der 35. Minute führten die Stuttgarter exakt dieselbe Eckballvariante noch mal aus, in der Entstehung mit exakt demselben Personal – nur dass es anstatt Chema nun Tiago Tomas war, der in der Mitte freistehend zum Stuttgarter 1:0 einköpfeln durfte.

Wolfsburgs Trainers Paul Simonis positioniert seine Spieler mitunter auffällig positionsfremd. Gegen den VfB war Joakim Maehle (re.) einer von drei gelernten Außenverteidigern.
Wolfsburgs Trainers Paul Simonis positioniert seine Spieler mitunter auffällig positionsfremd. Gegen den VfB war Joakim Maehle (re.) einer von drei gelernten Außenverteidigern. Swen Pförtner/dpa

Der Portugiese, vor zwei Jahren von Stuttgart nach Wolfsburg und im vergangenen Sommer wieder zurückgewechselt, bejubelte das Tor nicht und sprach später auch sehr höflich über seinen Ex-Klub. „Eine prägende Zeit“ habe er in der Autostadt erlebt, sagte er. Versöhnliche Worte, wenn man bedenkt, dass der Angreifer entgegen seines feinfüßigen Naturells in einem resoluten Gegen-den-Ball-Fußball aufgerieben worden war. Wo er besser spielt, in Wolfsburg oder in Stuttgart, lässt sich jedenfalls mit einem glasklaren „Stuttgart“ beantworten. Die weiteren Treffer des souveränen VfB erzielten Maximilian Mittelstädt und Stiller, jeweils wunderschön herausgespielt, aber eben auch unter gütigster Mithilfe der Heimelf: Die Wolfsburger Spieler, so schaute das zumindest aus, schienen sich ihrerseits auf eine Art Verteidigungsverweigerungsrecht zu berufen.

Schlimm, schlimm, schlimm: Mit diesem Dreiklang ließ sich die Kurzanalyse des Sportdirektors Schindzielorz zusammenfassen, der in diesem Totalboykott eines Fußballspiels allerdings „kein Trainerthema“ erkennen wollte. Immerhin, argumentierte Schindzielorz, habe „jeder im Stadion erkennen können“, dass die Wolfsburger ihrem Gegner auf „elf Positionen unterlegen“ gewesen seien. Was wiederum zahlreiche Folgefragen aufwarf: Geht diese Beobachtung zulasten des jungen Trainers Paul Simonis, der seine Spieler mitunter auffällig positionsfremd auf dem Rasen platziert? Oder zulasten der Verantwortlichen um Schindzielorz und Sportchef Peter Christiansen, weil sie ihrem Coach einen erschreckend windschiefen Kader zur Verfügung gestellt haben? Der Samstag lieferte Hinweise auf ein Gemeinschaftsprojekt von Simonis und Planungsabteilung.

Ein (unvollständiger) Überblick: In Joakim Maehle, Aaron Zehnter und Kilian Fischer standen drei gelernte Außenverteidiger in der Wolfsburger Startelf. Moritz Jenz, der abgegeben werden sollte und zu Saisonbeginn keine Rolle spielte, ist jetzt Abwehrchef. Jonas Wind, der ebenfalls abgegeben werden sollte und zu Saisonbeginn keine Rolle spielte, ist jetzt Mittelstürmer. Zugang Vini Souza, ein resoluter Sechser, durfte endlich Sechser spielen, allerdings nur, weil Kapitän Maximilian Arnold fehlte. Aus demselben Grund durfte Zugang Christian Eriksen erstmals von Beginn an ran, jedoch nicht als spielgestaltender Sechser, sondern trotz altersbedingter Tempoeinbußen als hängende Spitze.

Eriksen ist wie Wolfsburgs Sportchef Christiansen Däne. In Wolfsburg stehen aktuell sechs dänische Spieler unter Vertrag. Recht viel mehr Bauprinzipien hinter dem (teuren) Wolfsburger Kader lassen sich aktuell nicht erkennen.

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