Die ominösen Zusammenhänge von sogenannten Negativläufen einerseits, sowie Fehlerkomödien andererseits haben in der Geschichte des Fußballs eine Reihe von Aphorismen erzeugt. Keiner geriet so poetisch wie die Weisheit, die dem 2024 verstorbenen Andreas Brehme zugeschrieben wurde: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“ Womit man auch zum Spiel des Tabellenvorletzten VfL Wolfsburg und der SGE aus Frankfurt gelangt. Es wäre vielleicht – oder wahrscheinlich – nicht 1:2 ausgegangen, wenn Patrick Wimmer, am Samstag Mittelstürmer am Mittellandkanal, weniger Unglück am Fuß, dafür aber, so eine Selbsteinschätzung, mehr Speck an den Hüften (gehabt) hätte.
Es stand noch torlos unentschieden, als Wimmer ins Zentrum einer Szene geriet, die dereinst den Saisonrückblick schmücken wird. Frankfurts Torwart Michael Zetterer verzettelte sich, als er im Strafraum von seinem Mannschaftskameraden Hugo Larsson angespielt wurde und also den Ball nicht mit der Hand berühren durfte. Im Angesicht von VfL-Stürmer Mohamed Amoura verlor Zetterer die Kontrolle über die eigenen Füße sowie den Ball, der Abpraller rollte Wimmer vor die Füße.
Was folgte, dürfte einem großen Teil des Publikums das bereitet haben, was ausweislich des Oxford English Dictionary auch in England unter dem Terminus „Schadenfreude“ firmiert. Wimmer rutschte weg, die wirklich unverbesserliche Einschusschance war verloren, das Spiel womöglich auch, denn Zetterer schaffte es, den Ball noch zu blockieren. Eintracht-Profi Timothy Chandler jedenfalls, so berichtete es VfL-Trainer Dieter Hecking, habe gesagt, dass er in dem Moment, da Wimmer verzweifelt und sinnlos über den Boden robbte, gewusst habe: „Das Spiel heute verlieren wir nicht.“
Exklusiv hatte Chandler, der ohne Einsatz blieb, diesen Eindruck nicht; insofern ist Wimmer unbedingt zu danken, dass er aus freien Stücken die Details der Szene aufzulösen half. Noch ehe jemand danach fragen konnte, versicherte Wimmer, dass es an den Schuhen nicht gelegen haben konnte. Unter den Schuhen habe er Eisenstollen getragen, sagte er, als er in weißen Badelatschen vor den Journalisten stand. Woran es dann gelegen haben könnte? Wimmers Hypothese lautete, dass er zu eilig unterwegs war, die Stollen hätten deshalb vielleicht nicht in der Erde verfangen. „Vielleicht muss ich drei, vier Kilo aufessen, um nicht so schnell zu sein“, sagte Wimmer. „Da hätte ich ein paar Tipps, hahaha!“, lachte ein Reporter auf. Wimmer schien der Sinn nicht nach Humor zu stehen, jedenfalls lachte er nicht mit. Wie auch, in der Lage, in der er persönlich und der VfL sich befinden?
Wolfsburg dominiert teilweise, aber den Sieg holen die Frankfurter
Denn: Kurz nach Wimmers Fauxpas traf Oscar Höjlund von der Strafraumgrenze zur Frankfurter Führung (21.), wie zum Hohn sprang der Ball vom Innenpfosten ins Wolfsburger Tor. Weitere elf Minuten später traf Arnaud Kalimuendo nach einem interessant einstudierten Standard zum zwischenzeitlichen 2:0. Beiden Gegentoren war gemein, dass die Wolfsburger nicht einmal nach Wattebäuschen griffen, um sich zu verteidigen; neu war überdies, dass sie einmal einen Gesprächskreis bildeten, an dem, anders als in der Vorwoche beim 3:6 in Leverkusen, alle Spieler beteiligt waren und nicht bloß Zankhähne.
Dass der VfL nach der Pause dominierte, schien weniger einer massiven Leistungssteigerung der Wolfsburger als einem überraschend rapiden Abbau der Frankfurter geschuldet zu sein. Als hätte sich unter den Eintracht-Profis unterbewusst der Gedanke eingeschlichen, man habe sich womöglich eines Vergehens nach Paragraf 168 Strafgesetzbuch schuldig gemacht („Störung der Totenruhe“), ließ die SGE vom VfL weitgehend ab. Stürmer Jonathan Burkardt mutmaßte allerdings, dass es auch an den Leistungen aus den vergangenen Wochen gelegen haben könnte: Da habe man nach Führungen immer wieder Probleme gehabt, das erkläre, dass die Eintracht „total passiv geworden“ sei und „fast nur noch verteidigt“ habe: „Das ist nicht der Spielstil, den wir prägen wollen.“ Dennoch stand am Ende der erste Auswärtssieg seit rund fünf Monaten (4:3 in Köln am 5. November 2025).
Das liest sich wie eine Horrorstatistik – und ist doch kein Vergleich zu den Zahlen des VfL. Seit dem 1:0-Sieg beim Hamburger SV (25. Oktober) ist Wolfsburg nur in Freundschaftsspielen gegen unterklassige Mannschaften ohne Gegentor geblieben; seit dem letzten Sieg am 14. Januar gegen St. Pauli waren drei Unentschieden das höchste der Gefühle, eine Serie von zwölf Sieglos-Spielen und die Summe von 18 Saisonniederlagen sind jeweils Vereinsrekord. Mit neun Punkten ist Wolfsburg die schlechteste Heimmannschaft der Liga; und mit 65 Gegentoren unterhält der VfL eine noch schlechtere Defensive als Schlusslicht Heidenheim (64). Hecking ist der dritte VfL-Trainer der laufenden Saison, hat seit seinem Amtsantritt aber nicht einen einzigen Sieg eingefahren. Der Trainereffekt reduziert sich auf einen Zähler zum Auftakt bei der TSG 1899 Hoffenheim.
Er sei „keiner für Durchhalteparolen“, sagte Hecking am Samstag und fuhr in der gleichen ehrlichen Schonungslosigkeit fort: Es gehe jetzt „nur noch um Platz 16, und das wird schwer genug“. Er mag fast zehn Jahre älter geworden sein; in Wolfsburg hat sich ein Umstand nicht verändert, den er wenige Monate nach seiner Entlassung als VfL-Trainer vor knapp zehn Jahren im SZ-Interview beklagte: „Ein Vorurteil stimmt leider schon ein bisschen: In einem Verein wie Wolfsburg benötigt man für die Motivation der Spieler Erfolg – und zwar mehr als in anderen Vereinen.“ Denn: „Manchen Spielern fällt es schwer, sich zu Wolfsburg zu bekennen, wenn man Achter ist und die Perspektive fehlt, international zu spielen.“
Das ist darauf zurückzuführen – und dadurch bedingt –, dass die Volkswagen-Filiale einer der deutschen Fußballbetriebe ist, die ihre Spieler am besten entschädigen. Die Personalkosten entsprechen in der Addition einem Europa-League-Platz in der Tabelle. Bisweilen wird das den Fußballern auch vorgerechnet – besonders dann, wenn im Werk Zehntausende Stellen bei VW „wegfallen“ müssen. Das ist praktisch, denn es nimmt aus dem Fokus, was jene Menschen an Gehältern und Boni einsacken, die am Samstag nach der Niederlage auf der Ehrentribüne geschlossen den Kopf schüttelten: die VW-Konzernbosse, die weit mehr bekommen als der VfL-Kapitän Christian Eriksen.


