Die Spieler des VfL Wolfsburg schnappten sich das Banner und setzten sich in Bewegung. Ihr Zielort war nur eine Spielfeldhälfte entfernt, doch mit jedem Meter, den sie sich näherten, dürften ihnen unbehagliche Erinnerungen durch den Kopf gegangen sein: Schimpf und Schande würde diese Mannschaft bestimmt gleich erwarten, schon wieder, und das mit Blick auf die gerade dargebotene Leistung völlig zurecht. Beim Gang nach Canossa dürfte es sich im Vergleich mit einem Gang vor die Wolfsburger Fankurve zuletzt jedenfalls um eine wohlige Angelegenheit gehandelt haben.
Auch am Samstag hatte der VfL mal wieder ein Heimspiel verloren, das 3:4 gegen den SC Freiburg erweiterte somit eine Bilanz, auf die in der Autostadt niemand stolz sein kann: Im gesamten Kalenderjahr 2025 konnte der Werksklub zu Hause nur zwei Partien gewinnen. Doch diesmal war etwas anders. Die Wolfsburger Delegation bekam von ihren Anhängern nach Schlusspfiff einen herzlichen Empfang bereitet, die Botschaft auf dem Banner, das sie gemeinsam in den Händen trugen, wurde von der Tribüne glaubhaft zurückgespiegelt. Auf diesem stand geschrieben: „Frohe Weihnachten!“ Ein durchaus bemerkenswerter Stimmungsumschwung in Wolfsburg. Nicht lang her, da wären „Vergebt uns!“ oder „Wir haben es wirklich probiert, auch wenn es nicht danach aussah...“ passendere Inhalte eines Grußes zum Jahresabschluss gewesen.
Der Mann, mit dem das alles zusammenhängt, heißt Daniel Bauer und wurde vor dem Spiel gegen Freiburg vom Interims- zum Cheftrainer befördert. Die Verkündung dieser Personalentscheidung feierten sie im Stadion so euphorisch, wie das, nun ja, nicht oft vorkommt am Mittellandkanal. „Für uns geht es jetzt darum, diesen Weg mit Klarheit, Leidenschaft und Zusammenhalt konsequent weiterzugehen“, war Bauer in dem vor Anpfiff verschickten Kommuniqué zitiert worden. Und in der Tat steckte in diesem Satz mehr Wahrheit, als das in von Profiklubs veröffentlichen Floskelsammelsurien sonst oft der Fall ist.
Seit Bauer, 43, zuvor U19-Coach beim VfL und nun mit einem Vertrag bis 2027 ausgestattet, im November vom Niederländer Paul Simonis übernommen hat, strahlen die Wolfsburger wieder etwas aus. Sie verfolgen engagiert einen klaren Plan und treten nicht mehr auf wie elf Individualisten, die nur ihr eigenes Ding machen wollen. Und nicht zuletzt: Fußballspiele unter Beteiligung der Wolfsburger haben auf Zuschauer nicht mehr denselben Effekt wie verschreibungspflichtige Sedativa. Sie können, wie die Partie gegen Freiburg bewies, sogar wirklich unterhaltsam sein.
Daniel Bauer wird ein inhaltsstarker wie praxisnaher Ansatz nachgesagt
Bauer war selbst Profi, als resoluter Mittelfeldmann wirkte er unter anderem in Oldenburg, Trier, Magdeburg und beim finnischen Klub Rovaniemi PS. Nicht nur deshalb wird ihm ein zwar inhaltsstarker, aber doch sehr praxisnaher Ansatz nachgesagt. Und so hat er quasi mit Amtsantritt etwas auf den ersten Blick überaus Unkonventionelles getan: Dem (teuren) Wolfsburger Kader waren so einige Unwuchten attestiert worden, bei der Zusammensetzung der Charaktere und auch der verschiedenen Spielertypen. Zu viele Eitelkeiten – und vor allem: viel zu viele zentrale Mittelfeldspieler. Und was tat Bauer? Er packte alle einfach in die Startelf: Am Samstag bildete Kapitän Maximilian Arnold gemeinsam mit dem reaktivierten Yannick Gerhardt die Doppelsechs, Lovro Majer gab den Spielmacher, Starzugang Christian Eriksen den verkappten Spielmacher auf der halbrechten Außenbahn. Die besten Zocker im Team dürfen sich austoben.
Zudem hat Bauer sofort jene jungen Talente integriert, von denen sie in Wolfsburg immer geredet haben – auf dem Platz waren sie dann aber nicht sonderlich zahlreich zu sehen. Zu nennen sind hier zum Beispiel der 20-jährige Rechtsverteidiger Sael Kumbedi, der 21-jährige Linksverteidiger Aaron Zehnter sowie der 22-jährige Innenverteidiger Jenson Seelt, dem sein Eigentor zum zwischenzeitlichen 3:3 gegen Freiburg (71. Minute) sicherlich verziehen werden wird. Sowie der 20-jährige Stürmer Dzenan Pejcinovic, der am Samstag seine ersten drei Bundesligatreffer überhaupt erzielte (13./49./ 69.) und ob der Niederlage dennoch von „gemischten Gefühlen“ berichtete.
Was die Wolfsburger Trainerentscheidung anbelangt, erscheinen die Gefühle dagegen aktuell eindeutig. Und das ist beim VfL keine Kleinigkeit, weil sich dort erst mal eine stattliche Anzahl von Verantwortlichen einig werden muss: ein vielköpfiger Aufsichtsrat, Sportchef Peter Christiansen – sowie der jüngst ebenfalls neu ins Organigramm aufgenommene Sportdirektor Pirmin Schwegler.


