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VfL erlaubt sich die nächste Krise:Nicht konkurrenzfähig

Beim 1:4 auf Schalke agiert Wolfsburg in der Defensive zweitligareif. Trainer Andries Jonker wird dabei offenbar auch von einem taktischen Manöver seines Gegenübers überrascht.

Es war Markus Weinzierl anzumerken, dass er von einer großen Last befreit worden war. Durch das 4:1 (2:0) gegen den VfL Wolfsburg hatte sich der FC Schalke 04 schließlich von der Gefahr befreit, doch noch in die gefährlichen unteren Tabellenregionen abzurutschen. Außerdem besteht beim Ruhrgebietsklub nun sogar wieder die realistische Chance, einen Tabellenplatz zu erreichen, mit der er sich für den internationalen Wettbewerb qualifizieren kann. Derzeit haben die Königsblauen nur noch drei Punkte Rückstand auf den 1. FC Köln, der derzeit Rang sechs belegt. "So nah waren wir in dieser Saison noch nie dran. Wir haben jetzt noch sechs Spiele, in denen wir Vollgas geben werden", sagte der Trainer der Schalker.

FC Schalke 04 v VfL Wolfsburg - Bundesliga

Schalkes Guido Burgstaller erzielt hier das 4:0 für die Gelsenkirchner.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Die Zufriedenheit nach diesem hochverdienten Erfolg war groß am Berger Feld, auch wenn sich keine Euphorie einstellen wollte. Dafür war der Gegner aus Niedersachsen nicht konkurrenzfähig genug und agierte entsprechend des Tabellenplatzes wie ein Abstiegskandidat. VfL-Trainer Andries Jonker beklagte vor allem eine schwache Anfangsphase, in der Guido Burgstaller (6., nach feinem Pass von Max Meyer) und Leon Goretzka (23.) die Schalker mit 2:0 in Führung geschossen hatten. Aber auch mit den ersten drei Minuten der zweiten Halbzeit, in denen Daniel Caligiuri das entscheidende 3:0 erzielte, haderte der Niederländer. "Da habe ich gedacht: Was ist das denn? Mit so einer Vorstellung meiner Mannschaft hätte ich nicht gerechnet", sagte Jonker.

Max Meyer zeigt als Gestalter seine beste Saisonleistung

Womöglich wurde der Fußballlehrer auch von einer taktischen Finesse seines Gegenübers überrascht. Weinzierl hatte eine für ihn ungewöhnliche offensive Aufstellung gewählt. Auf die Sechserpositionen in einem 4-2-3-1-System beorderte er die vor allem offensiv ausgerichteten Nabil Bentaleb und Leon Goretzka und verzichtete auf einen Defensivspezialisten. Als klassischer Zehner wirbelte davor Max Meyer. Der 21-Jährige fordert diese Position schon längere Zeit für sich ein und nutzte die Gelegenheit für seine bislang beste Saisonleistung - weil er Angriff um Angriff umsichtig einleitete und zwei Treffer vorbereite. "In dieser Form und mit diesem Selbstbewusstsein ist Max nur sehr schwer zu packen für den Gegner", lobte Weinzierl seinen Spieler, an dem er in dieser Saison schon mehrfach verzweifelt war.

Siege schweißen zusammen: Schalke darf über eine starke Leistung glücklich sein.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Dieser ungewöhnliche Schalker Offensivgeist war das richtige Mittel, um gegen die komplett verunsicherten Wolfsburger einen sicheren Sieg herauszuspielen. (Wolfsburg war mit drei Spielgestaltern angetreten - Didavi, Malli, Arnold -, die freilich wirkungslos blieben.) Wohlgemerkt gegen eine VfL-Defensive, in der die Innenverteidiger Luiz Gustavo und Robin Knoche mehrfach überfordert wirkten, auch und vor allem bei Burgstallers 4:0, bei dem der Österreicher den Ball annehmen und sich schick auf den linken Fuß legen konnte, ohne wirklich bedrängt zu werden.

Wolfsburgs Trainer spricht von "23 sauschlechten Minuten"

"Mir war schon etwas mulmig, eine Absicherung ist mit eigentlich lieber", räumte Weinzierl dann später zu seiner Formation ein. Allerdings hat diese Saison mittlerweile einen Zeitpunkt erreicht, an dem selbst der sicherheitsliebende 42-Jährige lieb gewonnene Gewohnheiten verdrängt hat, damit er die sportlichen Ziele noch erreichen kann. Die Idee, mehr Offensive zu wagen, resultierte aus der Vorwoche, als die Schalker kurz vor dem Ende drauf und dran waren, mit diesem Mut das eigentlich überlegene Borussia Dortmund zu besiegen. "Wir haben uns gedacht, was im Derby geht, muss auch in anderen Heimspielen gehen", sagte Weinzierl. "Offensiv aufgestellt, offensiv gut gespielt und hinten Stabilität hinbekommen."

FC Schalke 04 v VfL Wolfsburg, Gelsenkirchen, Germany - 08 Apr 2017

Siebtes Tor im sechsten Spiel: Mario Gomez traf erneut, diesmal per Elfmeter. Die Niederlage abwenden konnte er nicht. Es war Ergebniskosmetik.

(Foto: Vogel/EPA)

Während die Schalker nun voller Selbstvertrauen am Donnerstag zum Europa-League-Viertelfinal-Hinspiel bei Ajax Amsterdam antreten können, dürften die Wolfsburger mit einem unguten Gefühl die Heimreise angetreten haben. Für den VfL, bei dem der Effekt des Trainerwechsels von Valérien Ismaël zu Jonker Ende Februar nach zwei bitteren Niederlagen in Serie bereits wieder verflogen zu sein scheint, geht es nur noch darum, die Klasse zu halten.

"Ich bin nach den Siegen nicht euphorisch geworden, und jetzt verfalle ich nach 23 sauschlechten Minuten nicht in Panik", sagte der Niederländer. Allerdings ist es eines der großen Probleme des Klubs, dass seit der Amtsübernahme Jonkers nur Mario Gomez ins gegnerische Tor getroffen hat. In sechs Partien sind es nun sieben Treffer. Denn der Nationalstürmer erzielte auch das einzige Tor für den VfL in der Gelsenkirchener Arena per Foulelfmeter zum 1:4 (79.). "Irgendwann wird auch mal wieder ein anderer treffen", sagte VfL-Sportdirektor Olaf Rebbe. Es klang mehr nach Hoffnung denn nach Überzeugung.