Als im August Schalke 04 gegen den nur 16 Kilometer angereisten VfL Bochum spielte, hingen über dem Schalker Fanblock acht riesige Buchstaben. Sie bildeten das Wort „Ruhrpott“. Diese regionale Verbrüderung erschien auf den ersten Blick ungewöhnlich angesichts der generell ausgeprägten Rivalität gerade unter Ruhrpottklubs. Auf weiteren Bannern war allerdings auch noch das Schalker Wappen zu sehen sowie die Deklaration des FC Schalke 04 als „Stolz einer Region“. Von exklusivster Bedeutung ist beim Fußball zunächst einmal immer nur der eigene Verein. Aber im Ruhrpott gibt es gefühlt auch so etwas wie eine regionale Verbundenheit.
Das Buch „Im Land der tausend Derbys“ dokumentiert auf 384 Seiten den Fußball im Ruhrgebiet als „Geschichte einer Leidenschaft“. Im Vorwort heißt es: „Wohl nur in den Großräumen London und Buenos Aires ist die Zahl der Spieler und der Zuschauer so groß, die Dichte der Vereine und Stadien so hoch wie hier.“ Soll heißen: In diesen Regionen wimmelt es von hochemotionalen Derbys, und nach genau diesen Spielen sehnen sich alle das ganze Jahr.

Dzekos Debüt auf Schalke:Er kommt, sieht und trifft im Stile eines Klassestürmers
Zugang Edin Dzeko gelingt nach seiner Einwechslung direkt ein Tor, mit dem er die Schalker Aufholjagd beim 2:2 gegen Kaiserslautern initiiert. Ein anderer Angreifer verlässt dafür den Klub für eine Millionenablöse.
Doch in der aktuellen Saison erleben die Fußballfans unter den gut fünf Millionen Menschen im Ruhrgebiet ein historisches Debakel: Im Land der tausend Derbys gibt es erstmals kein einziges Bundesliga-Derby mehr. Zum ersten Mal seit der Gründung der Bundesliga 1963 spielt in Borussia Dortmund nur noch ein einziger Ruhrpottklub in der ersten Liga. Der VfL Bochum ist 2025 abgestiegen, 2023 der FC Schalke 04, 2008 der MSV Duisburg, 1994 die SG Wattenscheid 09, 1977 Rot-Weiss Essen und 1973 Rot-Weiß Oberhausen. Dies sind jene sieben Ruhrpottklubs, die alle schon mal in der Bundesliga gespielt haben. Letztmals in der Saison 1991/92 in einer wiedervereinigungsbedingt vorübergehend auf 20 Klubs angewachsenen Bundesliga waren es mit Dortmund, Schalke, Bochum, Wattenscheid und Duisburg sogar fünf gleichzeitig. Damals gab es binnen einer einzigen Saison 20 erstklassige Ruhrpottderbys.
Schalke und Bochum beanspruchen dieselbe Farbe für sich
Damals hatte die Bundesliga noch einen Pulsschlag aus Stahl. Heute dient diese Phrase aus Herbert Grönemeyers Lied „Bochum“ eher dem Merchandising. Der VfL hat aus Anlass des Zweitliga-Derbys gegen Schalke an diesem Samstag im ausverkauften Ruhrstadion an der Castroper Straße ein kohleschwarzes Sondertrikot namens „Pulsschlag aus Stahl“ aufgelegt, gegen dessen Verwendung Bochumer Fangruppen allerdings erfolgreich protestierten. Sie sehen ihre Spieler ganz besonders gegen Schalke lieber im vereinstypischen Blau spielen. Schließlich beanspruchen die Kontrahenten aus Gelsenkirchen dieselbe Farbe für sich. Auch solche Befindlichkeiten prägen die Geschichten der Ruhrpottderbys. Umso bedauerlicher, dass es immer weniger gibt.
Aktuell wird das Land der tausend Derbys überregional bloß noch von zwei Klassikern repräsentiert: In der zweiten Liga spielt an diesem Samstag Bochum gegen Schalke und in der dritten Liga am ersten April-Wochenende Rot-Weiss Essen gegen den nur 18 Kilometer anreisenden MSV Duisburg. Dortmund ist einsamer Revier-Repräsentant in der Bundesliga, Oberhausen ist in der vierten Liga verschwunden und Wattenscheid in der fünften. Nur noch im Amateurfußball wimmelt es von Nachbarschaftsduellen.
Das allererste Revierderby hat im Mai 1896 der „Dortmunder Fußball-Club 1895“ mit 1:0 gegen „Spiel und Sport Schalke 1896“ gewonnen. Das bislang letzte Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 fand am 11. März 2023 als Bundesligaspiel in der Gelsenkirchener Arena statt. Zurzeit ist Schalke Tabellenführer der zweiten Liga. Gut möglich, dass es nächste Saison in der Bundesliga bereits wieder das größte aller Ruhrpottderbys gibt. Dazu müsste Schalke allerdings aufsteigen. Das sehnen nicht nur Fans in Gelsenkirchen herbei, sondern vermutlich auch etliche (die das nie zugeben würden) im nur 25 Kilometer entfernten Dortmund.

