VfB Stuttgart Spott aus der Kurve

Ratlosigkeit in Schwaben: die leidenden Stuttgarter Profis nach der Pleite gegen Augsburg.

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Bei der niederschmetternden 0:4-Niederlage gegen den FC Augsburg deuten sich erste Risse zwischen den VfB-Profis und Trainer Zorniger an - und das, obwohl der Coach schon vorsichtiger agieren lässt.

Von Matthias Schmid, Stuttgart

Beim gemeinsamen Frühstück am Tag nach der Demütigung gegen den FC Augsburg saß selbstverständlich auch Robin Dutt mit am Tisch im Klubrestaurant des VfB Stuttgart. Die Atmosphäre, so erzählen Teilnehmer, soll eher ruhig und sachlich gewesen sein. Dabei hatte sich der Sportvorstand am Vorabend gewünscht, dass es zu lebhaften Diskussionen kommen möge nach der 0:4-Niederlage gegen den direkten Konkurrenten im Wettstreit um den Klassenverbleib. "Da muss man jetzt deutliche Worte finden", hob Dutt hervor. Er ist ja eng dran an der Mannschaft, wie er selbst immer gerne betont. Doch sich einmischen und gar Einzelgespräche führen mit den Spielern, das will Dutt nicht. "Das ist die Aufgabe des Trainers", bekannte er am Samstagabend nach der 0:4-Niederlage. Wenn er aber das Gefühl haben sollte, dass Alexander Zorniger nicht alles in seinem Sinne ansprechen sollte, dann, meinte Robin Dutt, nehme er sich die Freiheit, "auch noch etwas zu sagen, wenn es notwendig ist".

Noch so eine Leistung, und Zorniger könnte bereits ein Trainer auf Abruf sein

Das hoffnungslos einseitige Spiel hatte nicht nur die VfB-Sympathisanten verstört zurückgelassen, die erstmals seit Jahren die Mannschaft auf offener Bühne verhöhnten, sondern auch Vorstand, Trainer und Spieler. "Wir werden einige Zeit brauchen, um diese Klatsche aufzuarbeiten", gab Zorniger zu. Erstmals seit der 48-Jährige den Klub trainiert, waren nicht atemlos vergebene Torchancen, eklatante Abwehrfehler oder das offensive Spielsystem der Grund für die Niederlage, sondern die Arbeitsauffassung jedes einzelnen Profis, die Mentalität, die Einstellung, das Zweikampfverhalten. Die Körpersprache der Stuttgarter, ihre hängenden Schultern signalisierten fast schon Desinteresse. "Das war bei uns noch nie zuvor der Kritikpunkt und wird jetzt mit aller Vehemenz auf uns zukommen", sagte Dutt. Zorniger selbst fand keinen Ansatz dafür, warum sich seine Spieler von dem 0:1 durch Esswein (11.) nicht mehr erholen konnten. Das beschäftigte ihn am meisten. "Ich muss in der Vorbereitung irgendetwas übersehen haben", sagte der Trainer ungewohnt leise, fast schüchtern. Dabei hatte Zorniger seinen radikalen Ansatz von der reinen Pressinglehre schon auf ein Minimum zurückgefahren: Timo Werner und Daniel Didavi als vorderste Störenfriede liefen die Abwehrspieler nicht mehr mit dieser Entschlossenheit und diesem Tempo an, wie es noch in den ersten Saisonspielen der Fall war.

Zorniger scheint womöglich doch nicht so beratungsresistent zu sein, wie manche Kritiker glauben wollen. Er modifiziert seine Spielidee, aber er wird nie ein Trainer sein, der seine Mannschaft dazu ermuntert, "sich nur hinten reinzustellen", wie er betonte: "Wir wollten demütig sein, geduldig und in keinem Fall über eine zu offene Spielanlage in die Augsburger Konter rennen." Doch genau das passierte, weil seine Spieler sich fast groteske Fehler im Spielaufbau erlaubten, sobald sie mal mit etwas mehr Geschwindigkeit spielten; die Innenverteidiger Sunjic und Baumgartl waren schon damit überfordert, aus drei Metern sauber zum Mitspieler zu passen, so dass die Augsburger viel Raum hatten, um kunstvoll und direkt zu kombinieren.

Nach dem 0:4 durch Koo (53.) quittierten die VfB-Fans ihren Dienst, die einen hörten auf zu singen, die anderen zu pfeifen. Stille im Stadion kann bedrückend sein. Erst zehn Minuten vor dem Schlusspfiff beendeten sie ihren stummen Protest, doch die Spieler hätten sich wohl gewünscht, dass sie weiter geschwiegen hätten. Denn die Cannstatter Kurve, wo die Treuesten stehen, begann mit einer La Ola die Spieler zu verspotten, es dauerte einige Minuten, bis das ganze Stadion mitmachte. Weil das Publikum dann auch noch "Oh, wie ist das schön" anstimmte, wollten sich die VfB-Profis nachher den obligatorischen Gang in die Kurve ersparen. "Erst nach regem Austausch mit dem Sportvorstand", wie Abwehrspieler Daniel Schwaab gestand, liefen sie doch noch los. Robin Dutt ahnt und weiß, dass er in diesen Tagen viel zu moderieren hat.

Der 50-Jährige muss nicht nur zwischen Fans und Profis vermitteln, er muss vor allem darauf achten, dass sich die Elf nicht vom Trainer entfernt. Erste Abnutzungserscheinungen lassen sich nicht mehr übersehen, auch wenn Dutt sagt: "Ich vertraue dem Trainer." Und doch hat er seine Rhetorik nach der Niederlage gegen Augsburg schon ein wenig verändert, nicht laut, aber in den Zwischentönen. Bei den nächsten Spielen in Dortmund und gegen Bremen interessierten ihn nun die Ereignisse mehr als die Ergebnisse, wie er es ausdrückt. Er könne auch "einen Trainer nach zwei Siegen entlassen, wenn er den Verein hintergeht", meinte Dutt etwas kryptisch. Das sollte wohl heißen: Es geht weniger ums nackte Resultat als um den Gesamteindruck. Und das könnte dann bedeuten: Noch so eine Leistung des Teams, und Alexander Zorniger ist ein Trainer auf Abruf.