VfB Stuttgart:Großkreutz weint nach dem Desaster

VfB Stuttgart - FSV Mainz 05

Völlig fertig auf dem Rasen: Kevin Großkreutz.

(Foto: dpa)

Das Undenkbare wird wohl Wirklichkeit: Der VfB Stuttgart steht vor dem Abstieg. Nach der Niederlage gegen Mainz stürmen die Zuschauer den Rasen.

Von Christof Kneer, Stuttgart

Doch, es gab diesen Gänsehautmoment in Stuttgart, es gab genau genommen sogar zwei. Der erste Moment war die Aufstellung: Als sie verlesen wurde, stand das Stadion, und es war so laut, wie man das erwarten muss, wenn Stuttgart "den großen Schulterschluss" wagt, wie es Robin Dutt, der Sportvorstand des VfB, vor dem Spiel gefordert hatte. Der zweite Moment ereignete sich nur wenige Minuten später, das Spiel war gerade sechs Minuten alt, Philipp Heise schoss, Christian Gentner hielt seinen Fuß in den Schuss und lenkte den Ball ins Tor. Nun war die Stimmung in etwa so, wie sie vor ein paar Tagen in Bremen gewesen sein muss, als der VfB vor der imposanten grün-weißen Kulisse kollabierte und am Ende 2:6 verlor.

Wenn man es gut meint mit dem VfB, diesem altehrwürdigen Traditionsverein von 1893, dann gab es noch einen zweieinhalbten Gänsehautmoment, drei Minuten später, als Filip Kostic in einem immer noch euphorisierten Stadion links durchmarschierte und mit seinem Querpass den Kollegen Alexandru Maxim nur knapp verfehlte. Ein frühes 2:0 hätte den unter der Woche mühsam eingetrichterten Glauben an den Klassenerhalt womöglich noch in einen aufrichtigen Glauben verwandeln können, aber mit jeder Minute, die das Spiel voranschritt, wurden die tonnenschweren Lasten, die jeder einzelne VfB-Spieler mit sich herumschleppte, immer schwerer. Und am Ende brachen sie unter den Lasten zusammen.

Die Fans stürmen das Spielfeld

Der VfB wollte die große Wende einleiten gegen Mainz 05, aber nach der 1:3-Niederlage gab es Bilder zu sehen, die von einer ganz anderen Wende erzählten. Hunderte Fans stürmten nach dem Schlusspfiff aufs Spielfeld , vermummt und nicht vermummt, sie rempelten sich vorwärts in Richtung Spieler, und der Stadionsprecher konnte noch so oft an die Sicherheitsregeln erinnern, es hörte ihn niemand. Der Schmerz und der Zorn der Anhänger war historisch aufgeladen, die meisten der Rasenstürmer waren noch nicht mal geboren, als der VfB zum ersten und bisher letzten Mal aus der Bundesliga abstieg - ein Spieltag noch, und es ist wieder so weit wie 1975.

"Das ist sehr, sehr bitter heute", sagte Trainer Jürgen Kramny nach dem Spiel, "aber es ist noch nicht vorbei. Bis zum letzten Tropfen werden wir alles nochmal geben." Das war es, was sein Mund sagte. Sein Blick und seine Körpersprache sagten etwas anderes. Sie sagten: Es ist vorbei. Es lohnt sich in unserer Verfassung doch eh' nicht mehr, bis zum letzten Tropfen alles zu geben.

Natürlich kennen die Stuttgarter die Tabelle, sie wissen auch, dass in diesem Spiel viel möglich ist, "es gibt im Fußball manchmal ein Wunder", sagte Kramny, "und jetzt brauchen wir halt eines." Aber es fühlt sich im Moment nicht so an. Es ist ja nicht nur so, dass Werder Bremen am 34. Spieltag gegen Eintracht Frankfurt verlieren müsste, um dem VfB noch den Sprung auf den Relegationsplatz zu ermöglichen; der VfB müsste dazu auch in Wolfsburg gewinnen - und das traut dieser Mannschaft, die gerade das historische Hemd mit dem Brustring trägt, im Moment keiner mehr zu. Vor allem: Sie traut es sich selbst nicht zu.

Tränen vor der TV-Kamera

Das - wie immer vermeidbare - Gegentor zum 1:1 hatte mal wieder völlig ausgereicht, um die Mannschaft aus der Spur zu bringen. Als Yunus Malli ausglich (37.), half es auch nicht mehr, dass das Publikum von Beginn an den Ur-Dortmunder Kevin Großkreutz feierte, der sich unter dem Woche mit der Bemerkung beliebt gemacht hatte, er würde dem Verein auch im Abstiegsfall treu bleiben. In Rekordzeit war Großkreutz von einem Muskelbündelriss geheilt, das Problem war nur, dass seine Wettbewerbsfähigkeit mit seiner Beliebtheit nicht zu vergleichen war. Vor dem 1:1 ließ er sich ebenso austanzen wie vor dem 1:2 durch Cordoba (53.), und am Ende hatte er keine Kraft mehr, um einigermaßen angemessenen Widerstand zu leisten. "Ich kann die Fans verstehen. Wir sind verantwortlich dafür. Ich bin sprachlos. Tut mir leid für die Fans", sagte Großkreutz bei Sky, er weinte vor der TV-Kamera.

Mit zunehmender Spieldauer spielte der VfB wieder wie am Montagabend in Bremen: Resigniert versuchte er eine Art Aufbauspiel zu imitieren, und als nach den folgerichtigen Ballverlusten die Konter rollten, imitierten die Stuttgarter nicht mal mehr ein Abwehrspiel. Jeder Angriff der Mainzer war nun gleichbedeutend mit einer riesigen Torchance. So durfte zumindest Torwart Mitch Langerak, den Kramny für den zuletzt unsicheren Przemyslaw Tyton ins Tor geschickt hatte, ein paar kleine Siege feiern.

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Er hielt einen Alleinlauf nach dem nächsten, und weil Australier optimistische Menschen sind, hörte er sich nachher sagen, "dass es immer 34 Spieltage gibt, nie 33". Vor ein paar Jahren habe sich Hoffenheim auch in letzter Sekunde mit einem völlig unerwarteten Sieg in Dortmund gerettet, erinnerte sich Langerak, "sowas kann immer passieren".

Vom grandiosen Rückrunden-Start ist nichts mehr übrig

In Stuttgart wirken sie aber alle müde vom jahrelangen Hoffen und Bangen, auch der einst mit markanten Worten angetretene Sportchef Robin Dutt hat den Niedergang nicht bremsen können. "Vorstand raus", brüllten die empörten Fans auf dem Rasen, die nächsten Tage und Wochen dürften turbulent werden in Stuttgart. Alle Beteiligten sind nach dem grandiosen Rückrunden-Start mächtig geschrumpft: Dutt und Klubchef Bernd Wahler, denen es nicht gelang, der an guten Tagen durchaus mitreißenden Mannschaft die Sinne für den Ernst des Abstiegskampfes zu schärfen; und natürlich auch der Trainer Jürgen Kramny, der dem Abwärtstrend ebenfalls machtlos gegenüberstand und gegen Mainz mit einer seltsamen Null-Stürmer-Taktik irritierte, die er erst änderte, als er längst zu spät war.

Noch lange nach Spielschluss standen hundert Fans draußen am Stadiontor fünf, Aug in Aug mit Sportchef Dutt und ein paar Spielern, angeführt von Kapitän Christian Gentner. "Warum sind nur so wenige Spieler da?", brüllten die Fans, "wo isch' der Rescht der Mannschaft?" Ein Spiel noch, am Samstag in Wolfsburg, dann dürfte das lange Undenkbare Wirklichkeit werden. Der VfB Stuttgart ist Zweitligist.

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