Ein Ratschlag beim Karneval
Man kann nach Brasilien fahren und die Nase rümpfen wie neulich Bundeskanzler Friedrich Merz („alle froh, dass wir von diesem Ort (…) wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind“) nach einer Visite in Belém. Oder man kann es machen wie der italienische Multichampion Carlo Ancelotti (unter anderem Erfolgscoach bei Milan, PSG, Bayern und Real Madrid) – und sich auf eine andere Kultur einlassen. Am Wochenende war Ancelotti, der aus der italienischen Provinz stammt und seit vergangenem Jahr brasilianischer Nationaltrainer ist, beim Karneval in Salvador de Bahía, und feierte, hoch auf ’nem roten Wagen, kräftig mit. Ancelotti hatte sich nicht direkt verkleidet, er trug aber ein T-Shirt, das dem kanariengelben Trikot des Nationalteams nachempfunden war. Zu den Acts zählte Léo Santana, der recht eklektische Tanzmusik vorträgt. „Es ist eine Ehre, Sie hier zu haben“, rief der Musiker, und ließ es sich nicht nehmen, Ancelotti in den Job hineinzureden: „Aaaah, noch ein Detail, Ancelotti. Bei der Liebe Gottes: Stell’ Neymar in der Seleção auf.“ Ancelotti reagierte alles andere als brüskiert, legte sich aber auch nicht auf den in Dekadenz befindlichen Neymar (FC Santos) fest: „Danke für den Ratschlag“, rief Ancelotti in ein Mikrofon.
Kircher ordnet etwas ein

Worüber man sich vor ein paar Jahren noch gewundert hätte? Womöglich über dies: dass der oberste Chef der deutschen Schiedsrichter, aktuell Knut Kircher, sich in eine Live-TV-Sendung setzt, in dem Fall in die Bundesliga-Konferenz von Dazn. Ausweislich der Pressemitteilung des Senders vom Freitag sollte Kircher „strittige Szenen sowie zentrale Entscheidungen“ einordnen. Kircher hielt es dem Vernehmen nach für angebracht, seinen kriselnden Referees vorab zu versichern, dass er keine kompromittierenden Live-Urteile fällen werde. Also freute er sich, dass die halbautomatische Abseitserkennung läuft („das System funktioniert“): Das Traumtor von Hoffenheims Andrej Kramaric gegen Freiburg (3:0) wurde aberkannt. Beim 3:2 des HSV gegen den 1. FC Union, genauer: bei der Bewertung eines Kopfstoßes von HSV-Verteidiger Jordan Torunarigha gegen den Schädel von Andrej Ilic, wurde es schwammig. Das sei entgegen der Entscheidung von Feldschiedsrichter Florian Badstübner „eher Foul“, sagte Kircher, eine Kategorie, die im Regelwerk fehlt. Dazn-Experte Nils Petersen wurde deutlich: klarer Elfer!
Vier Gründe für den Stammplatz

Frankfurt ist seit diesem Spieltag um eine Debatte ärmer: Der brasilianische Torwart Kauã Santos, 22, ist die Nummer eins der Eintracht; Michael Zetterer, 30, bleibt nur noch die Rolle des Herausforderers. Das bestätigte Trainer Albert Riera nach dem 3:0 gegen Borussia Mönchengladbach. Die Festlegung ließe sich bestens als Prämie für den Anteil am ersten Triumph nach sieben sieglosen Spielen verkaufen, Kauã Santos hatte ein paar exzellente Interventionen. Oder aber: Als Belohnung für das erste „Zu-Null-Spiel“ der Eintracht seit dem 1:0 gegen Augsburg von Mitte Dezember. Riera sagte, es sei wichtig gewesen, diese lange Zeit ohne Sieg zu beenden, in der man ein Gegentor nach dem anderen kassiert habe. Die Null muss stehen, sagte einst Huub Stevens; Riera erklärt: „Wenn du keine Gegentore zulässt, kannst du anfangen, übers Gewinnen nachzudenken.“ Dass Kauã Santos im Tor stehe, liege aber an dessen „fantastischen Eigenschaften“. Denn: „Er ist erstens sehr mutig. Er misst – zweitens – zwei Meter. Drittens: Er geht raus. Und er ist, viertens, schnell. Er hat alles, um ein Top-Torwart zu sein!“ Und wenn er es doch mal, wie schon in elf Spielen geschehen, doch verbocken sollte? „Macht mich verantwortlich!“, rief Riera.
Demi, Medo oder Fredi

Ob sie sich beim VfB Stuttgart vielleicht mal einigen können, wie sie ihren Torjäger nennen wollen? „Demi“ sei „ein Strafraumstürmer durch und durch“, lobte der Sturmkollege Deniz Undav, worauf Sportvorstand Fabian Wohlgemuth ergänzte, „Demi“ habe sich „echt wieder reingehauen und aufgeopfert“. Inhaltlich würde der Trainer Sebastian Hoeneß beide Aussagen unterschreiben, allerdings bezogen auf den Mittelstürmer „Medo“. Demi/Medo heißt eigentlich Ermedin Demirovic, und er beginnt für den VfB inzwischen das zu werden, was er schon sein sollte, als er vor anderthalb Jahren für über 20 Millionen aus Augsburg verpflichtet wurde: Beim 3:1 gegen einen wehrhaften 1. FC Köln war Demirovic trockener Abnehmer zweier süffiger Kombinationen. Im Umfeld des Klubs wird (wurde?) dem 27-Jährigen zwar mitunter vorgeworfen, dass er mit seinem robusten Stil nicht zum feingliedrigen Spiel der Kollegen passe, aber an guten Tagen beweist Demi/Medo das Gegenteil: Gegen Köln war seine Kurzentschlossenheit beim 1:0 und 2:1 genau das, was den Kollegen zu ihrem Glück fehlte. In Stuttgart gab es schon mal einen kurzentschlossenen Stürmer, er hieß Bobic und erzielte seine Tore fast ausschließlich aus Ein-Kontakt-Aktionen. Aber es wäre wohl nicht zielführend, Demi/Medo jetzt auch noch Fredi zu nennen.
Geblockt, geboxt, gerempelt

Als Torwart hat man im modernen Fußball kein leichtes Leben. Es geht schon mal damit los, dass man im Grunde zwei Positionen in einer bekleiden muss: Man muss die klassischen Torhüterqualitäten zur Anwendung bringen, aber gleichzeitig mit den Füßen so bewandert sein, dass man auch Innenverteidiger spielen könnte. Und dann sind die Feldspieler auch noch so unverschämt, einem diese Doppelbelastung weiter zu verkomplizieren. Beim Versuch, den Ball mit dem Fuß zu spielen, werden die Torhüter von gegnerischen Stürmern angelaufen, wie man in der Fachsprache sagt; und beim Versuch, den Ball zu fangen oder zu fausten, werden sie weggeboxt und weggerempelt, wie man das auch in der normalen Sprache sagt. Gemeinerweise passiert Letzteres inzwischen plangemäß, wie der Mainzer Sportdirektor Niko Bungert nach dem 0:4 in Dortmund feststellte. Den Torhüter so zu behindern, dass es gerade noch legal ist, sei „super eklig“ und „vor allem in England ein probates Mittel“. Dass der BVB sich zumindest in dieser Hinsicht vom Branchenführer FC Arsenal inspirieren ließ, hat beim 0:4 der arme Mainzer Keeper Daniel Batz erfahren müssen. Allen vier Treffern gingen Hereingaben des Norwegers Ryerson voraus, stilbildend war dabei das 3:0 durch Guirassy. Batz hat das so erlebt: „Die kommen oft aus deinem Rücken, du schaust erst zum Ball, bist eine halbe Sekunde abgelenkt, und dann kommst du vielleicht nicht mehr ganz ran.“ Und Flankengott Ryerson dankte später auch „den anderen, die man nicht sieht, zum Beispiel den Blockern“.
Duo der routinierten Hoffnungsträger

Unter der Woche war rund um den FC Schalke 04 eine merkwürdige Debatte ausgebrochen. Nach nur drei Punkten aus fünf Zweitligaspielen kam die Debatte auf, ob in der Kabine „zu viel Bosnisch“ gesprochen werde, weil Trainer Miron Muslic, Abwehrchef Nikola Katic sowie die Winterzugänge Dejan Ljubicic (Dinamo Zagreb) und Edin Dzeko (AC Florenz) bosnische Wurzeln haben. Da meldete sich Kapitän Kenan Karaman bei Sport1 zu Wort und erklärte: „Ich kann versichern, dass das bei uns gar kein Problem ist. Wir haben genug Sprachen, die in der Kabine gesprochen werden. Deswegen wird es da nicht am Bosnischen liegen.“ Am Sonntag gab es dann mal wieder drei Punkte aus nur einem einzigen Spiel und die Tabellenführung, durch einen 2:1-Sieg bei Holstein Kiel, und wie zum Beweis ging Karaman voran: Der Deutsch-Türke verwertete eine Vorlage des Bosniers Dzeko zur 1:0-Führung. Dzekos Anwesenheit tut Karaman spürbar gut: Bisher war er mit 31 Jahren der Angriffsroutinier, auf dem die Hoffnungen ruhten. Dzeko ist schon 39 und kann mithin viel Hilfe leisten beim Routinierter-Hoffnungsträger-Sein (den zweiten Treffer bereitete er auch noch vor). Außerdem fühlt sich Karaman dem Vernehmen nach wieder richtig jung.
