Maximal zwei Minuten waren noch zu spielen am Millerntor, der Tabellenführer 1. FC Köln lag am letzten Spieltag beim FC St. Pauli mit 5:0 vorn. „Glauben Sie jetzt an den Gewinn der Meisterschaft“, fragte – live! – ein TV-Reporter den fiebernd am Spielfeldrand stehenden Kölner Trainer Hennes Weisweiler. Doch der hielt den Blick aufs Feld gerichtet und verneinte entschieden: „Immer noch nicht.“
47 Jahre und achteinhalb Monate später wandte sich am Samstagabend in der Bayarena Stuttgarts Trainer Sebastian Hoeneß in der 88. Spielminute an den vierten Schiedsrichter, um zu erfahren, wie lang die Nachspielzeit dauern würde. 4:1 führte der VfB bei Bayer Leverkusen, und Frank Willenborg, der vierte Mann des DFB, konnte es offenbar moralisch vertreten, Hoeneß mit der Exklusiv-Information zu versorgen, dass nicht mehr als drei Minuten Extra-Zeit eingeplant seien. Da endlich durfte sich Hoeneß ein wenig entspannen – bis dahin hatte er immer noch um den Sieg des VfB gezittert. „Gegen so eine Mannschaft“ könne es auch bei einer 4:1-Führung kein Zurücklehnen geben, sagte er später, „nicht gegen Leverkusen“.
Weisweiler hatte 1978 durchaus Grund zur Sorge. Während seine Mannschaft am Millerntor gewann, attackierten die punktgleichen Mönchengladbacher durch ein ungeheuerliches 12:0 gegen Borussia Dortmund den Vorteil der Kölner in der Tordifferenz. Am Ende behielt der FC drei Treffer Vorsprung und wurde Meister. Für den VfB ging es in Leverkusen zwar nicht um den Titel, aber um Ehre, Genugtuung und ein bisschen sogar um Rache: „Offensichtlich war es so, dass sich in den letzten Monaten und Jahren etwas aufgestaut hat“, sagte VfB-Manager Fabian Wohlgemuth, als er – „das haben wir redlich verdient“ – das Recht auf ein Triumphgefühl reklamierte. „Wir haben hier sehr oft gelitten.“
Nun aber hatten die Leverkusener zu leiden, und der schwerste Weg an diesem Abend war ihr Weg in die Halbzeitpause, als vom heimischen Publikum erstmals seit langer, langer Zeit Pfiffe zu hören waren. Nicht allzu viele Pfiffe, aber – und deswegen taten sie so weh – allemal wohlverdiente. 4:0 lag der VfB vorn, und dafür gab es keine Ausreden, wie Robert Andrich später zugab: „Es waren sehr viele Duelle, die wir nicht angenommen oder verweigert haben.“ Mit Kollegenschelte macht man sich üblicherweise nicht beliebt, aber da Andrich auch den Kollegen Andrich kritisierte, geht das wohl in Ordnung.
Die Leverkusener produzieren Ballverluste in Serie, die Stuttgarter kontern schlau und geschwind
Spiele zwischen Bayer Leverkusen und dem VfB Stuttgart gehörten in jüngster Zeit regelmäßig zu den attraktivsten Visitenkarten der Bundesliga. Außer Komplimenten hatte der VfB aber wenig Lohn für sehenswerten Offensivfußball empfangen, bis Samstagabend hatten sie seit acht Jahren keinen Sieg mehr gegen Bayer 04 feiern dürfen. Und speziell Sebastian Hoeneß war es leid, dass er zuletzt immer nur kollegiales Lob für sehenswerten Offensivfußball von Xabi Alonso erhielt, aber keine entsprechenden Resultate. Diesmal sei es gelungen, „dass wir mehr mitnehmen, als wir in der Vergangenheit in der Hand hatten“, stellte der Coach umständlich fest, bemüht, die Leverkusener nicht zu beleidigen. „Vielleicht ein Tor zu hoch“ sei der Sieg ausgefallen, tröstete Hoeneß die Gastgeber.
Die ersten 30 Minuten seien „fast perfekt“ gewesen, meinte Hoeneß, der üblicherweise nicht zu Eigenlob neigt. Mit der systematischen Vorwärtsverteidigung und der energischen Zweikampfführung des VfB kam die seltsam spannungslose Bayer-Elf nicht zurecht. Die Leverkusener produzierten Ballverluste in Serie, die Stuttgarter konterten schlau und geschwind, aber auch erstaunlich mühelos. Oder ließen es Deniz Undav und Jamie Leweling bloß so aussehen? Nicht nur als Urheber der Tore Nummer eins, zwei und vier gehörten die beiden zu den Hauptdarstellern beim VfB – sie verkörperten auch die unterschiedlichen Elemente des Stuttgarter Spiels: Leichtigkeit und Spielfreude einerseits, Seriosität und Entschlossenheit andererseits.
Wie Woltemade weiß nun auch Leweling die Einfälle seines Nebenmannes Undav zu schätzen
Sicherlich hat in den vergangenen Tagen wieder jemand den Transfermarkt beschimpft und ihn als „verrückt“ bezeichnet, nachdem bekannt wurde, dass der englische Erstligist AFC Bournemouth für den Soforterwerb von Nationalspieler Leweling 40 Millionen Euro bezahlen möchte. Richtig ist: Für 40 Millionen braucht man einen sehr großen Koffer, aber Leweling ist schnell, schussgewaltig und robust und damit prädestiniert für die Premier League. Da er am Samstagabend jedoch eher der Kategorie unbezahlbar angehörte, wird sich Bournemouth wohl anderswo umschauen müssen. Weder hat der von den Woltemade-Millionen noch ordentlich versorgte VfB Bedarf, das Geschäft zu machen, noch möchte der 24-Jährige nach England wechseln. „Die klassische Floskel ist: Ich will nicht gehen, ich will hier bleiben. Und das stimmt auch“, erläuterte Leweling am Sky-Mikrofon: „Wir haben als Mannschaft was vor hier und ich auch noch.“
Wie Nick Woltemade – bevor er nach Newcastle ging – weiß nun auch Leweling die Einfälle seines Nebenmannes Undav zu schätzen. Beide Treffer legte Undav dem Jubilar vor, dem im 100. Pflichtspiel für den VfB erstmals ein Doppelpack gelang. Doch statt Danke zu sagen, beschwerte sich Leweling, dass ihm wegen des im Weg stehenden Kollegen ein drittes Tor aberkannt wurde: „Wenn Deniz ein bisschen weniger Döner essen würde, wäre er nicht im Abseits gewesen wahrscheinlich.“ Har, har. Undav revanchierte sich mit einem vergifteten Kompliment: „Er hat alles, was man als Fußballer haben muss – nur nicht meine Technik.“
Ein bisschen Wahrheitsgehalt ist den Frotzeleien nicht abzusprechen. Aber Leweling und Undav haben es in den vergangenen Monaten durch Fleiß und Effizienz geschafft, dass ihre professionellen Schwächen kaum noch sichtbar werden. Bundestrainer Julian Nagelsmann hätte eine Dienstreise nach Leverkusen nicht bereuen müssen, aber der Augenzeuge Rudi Völler wird ihm garantiert Bericht erstatten über Undav und Leweling und weitere VfB-Spieler, die für die Nationalelf wieder ein wichtiges Thema werden könnten.
