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VfB in der Krise:Stuttgart verliert herzzerreißend

VfB Stuttgart v FC Schalke 04 - Bundesliga

Ernüchtert: Stuttgarts Daniel Ginczek (v.l.), Toni Sunjic, Florian Klein und Martin Harnik.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Das Zillertal bietet eine ganze Reihe traumhafter Abfahrten, auch für Tiefschneefahrer. Es ist nicht überliefert, wie gut Alexander Zorniger Ski fährt, aber zumindest hat der VfB gute Verbindungen ins Zillertal, der dortige Tourismusverband schwärmt in der VfB-Arena an den Werbebanden vom "größten Skital der Welt". Nach dem 0:1 (0:0) gegen Schalke 04, der fünften Niederlage im fünften Spiel, steigt aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Stuttgarter Cheftrainer im Winter viel Zeit für Freizeitaktivitäten haben könnte - nie zuvor in seiner Geschichte ist der VfB mit drei Heimniederlagen deprimierender in eine Spielzeit gestartet.

Zorniger denkt ob des äußerst missratenen Saisonstarts aber keineswegs darüber nach, vorzeitig alles hinzuschmeißen. "Alternativlos" sei sein aufwendiges Pressing-System, sagte der 47-Jährige hinterher fast trotzig: "Unter mir wird es immer Spektakel geben. Deshalb gehen die Zuschauer auch ins Stadion und nicht, um sich ein Ballgeschiebe anzusehen. Wir müssen nur erfolgreicher spielen und unsere vielen Chancen endlich rein machen."

In der Tat war es wieder eine dieser herzzerreißenden Partien, die der VfB in dieser Saison schon zahlreich unter Zorniger geboten hatte - und die immer mit dem gleichen ernüchternden Resultat endeten: Der VfB schießt zu wenig Tore und verliert am Ende gegen Kontrahenten, die selbst nicht erklären können, warum sie die Partie gewonnen haben. Man habe sich angesichts der Stuttgarter Chancenverwertung auf der Bank "manchmal das Lachen nicht verkneifen können", sagte Schalkes Trainer André Breitenreiter später offen und hatte kein Problem, "einen völlig unverdienten Sieg" einzugestehen. Die Stuttgarter hatten sich jedenfalls so viele Tormöglichkeiten erspielt, dass sie eigentlich für eine halbe Saison reichen müssten - zwölf Großchancen notierten die Statistiker.

Daniel Ginczek hätte alleine in diesem Spiel Thomas Müller in der Torjägerliste einholen können

Es ging schon in der achten Minute los, als Timo Werner aus kurzer Entfernung den Ball nicht richtig traf. Der 19-Jährige rückte in der Anfangsphase als zweite Sturmspitze neben Daniel Ginczek zunehmend ins Blickfeld. Mit einer Bogenlampe (17.) konnte er aber Schalkes-Torhüter Ralf Fährmann nicht überraschen, der den Ball über die Latte lenkte. Es war tatsächlich grotesk, was die Stuttgarter in den ersten 45 Minuten mit ihren Chancen anstellten. Sekunden nach Werner wähnte sich Innenverteidiger Timo Baumgartl nach einem aufsehenerregenden doppelten Doppelpass zwischen Alexandru Maxim und Filip Kostic offenbar vor dem eigenen Tor statt vor dem gegnerischen; die Hereingabe von Kostic klärte er für den geschlagenen Fährmann, anstatt den Ball einfach über die Linie zu drücken. Auch Ginczek hatte anschließend genügend Möglichkeiten, um die Spitze der Torjägerliste zu erklimmen. Am Ende des Tages blieb Stuttgarts Mittelstürmer aber bei seinen zwei Treffern.

Zunächst rutschte ihm der Ball aus drei Metern über den Spann (27.), dann fing Fährmann seinen Kopfball (29.), ehe er aus zwei Metern über den Ball haute (34.), um nur Sekunden später den Keeper zwar elegant zu umspielen, aber aus unerfindlichen Gründen nicht schoss, sondern sich abdrängen ließ. Neben Ginczek dürfte auch Christian Gentner mit dem bösen Grinsen des Schalke-Torwarts eingeschlafen sein, der Tausende Hände zu haben schien. Es lief gerade die 41. Minute, als der Kapitän innerhalb von 20 Sekunden dreimal am Gäste-Torwart scheiterte.

"Wir müssen aus der Scheiße schnell rauskommen", findet der Trainer

Und Schalke? Nach einem Europa-League-Aufritt, der den Verein am Donnerstag in den Spätsommer Zyperns führte, wirkten die Spieler etwas matt; doch es hätte in die Saison des VfB gepasst, wenn sie trotz erschreckender Unterlegenheit in Führung gegangen wären. Die Möglichkeit war da: Doch VfB-Torwart Tyton hielt den tückischen Aufsetzer von Matip (20.).

"Wir müssen jetzt schauen, dass wir wesentlich früher als in der vergangenen Saison aus der Scheiße rauskommen", sagte Zorniger nach dem Spiel. Nicht nur wegen seines schwäbischen Dialekts hebt er sich ab von seinen Trainerkollegen in der Bundesliga. Er redet auch nicht so geglättet, als würde man die Fußballlehrerlizenz heute nur nach einem Rhetorik-Kurs bei einem FDP-Politiker bekommen. Doch das nützt alles nichts, wenn seine Mannschaft aufsehenerregend spielt, sich tausend Chancen herausspielt, aber jedes Mal verliert.

Auch diesmal machten die Gäste letztlich das Tor. Leroy Sané ließ nach schönem Pass von Geis Stuttgarts Rechtsverteidiger Klein mit einer Körpertäuschung ins Leere laufen und traf (53.). Der VfB hatte anschließend noch genügend Chancen zum Ausgleich, doch Torwart Fährmann trieb Baumgartl (60.), Werner (70.), Klein (71.) und Ginczek (75.) weiter in die Verzweiflung und stellte später vergnügt fest: "Wir können uns beim Fußball-Gott bedanken, dass wir heute gewonnen haben." Und die Stuttgarter Fans? Sie pfiffen nicht. Sie klatschten ihrer Mannschaft Beifall.

© SZ vom 21.09.2015/chge

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