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Sieben Kurven in der Formel 1:Vettel darf sein Lieblingsauto nur anschauen

Der Ferrari-Pilot erfreut sich am Ferrari F 2004, in dem Mick Schumacher in Mugello fährt. Lewis Hamilton trägt eine Protest-Botschaft auf dem T-Shirt. Alex Albon hat einen neuen Spitznamen. Höhepunkte des Wochenendes.

Von Elmar Brümmer

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John Elkann

F1 Grand Prix of Tuscany

Quelle: Getty Images

Die Piazza della Signoria strahlte in Rot, in welcher Farbe auch sonst. Wer seinen 1000. Grand Prix feiert, der taucht den Mittelpunkt von Florenz in Herzblut. Daran mangelt es auch nicht in Zeiten, in denen die aktuellen Ferrari gerade so in die Punkteränge kommen. John Elkann, der amtierende Präsident des Unternehmens und Statthalter der Besitzerfamilie Agnelli, ist keiner, der ans Ende denkt. Der Manager hat einen starken Antrieb, und den versuchte er am Feierabend vor dem Jubiläums-Grand-Prix auf alle - also auch auf die italienischen Fans - zu übertragen: "Wir schauen schon nach vorne und denken bereits an die nächsten Tausend." Größer und spektakulärer werde die Formel 1, und Ferrari werde in den kommenden 1000 Rennen mit "absoluter Sicherheit" häufiger gewinnen als bis jetzt - und das war immerhin 238 Mal.

Die aktuelle Geschichtsschreibung obliegt Mattia Binotto. Der Ferrari-Teamchef hält Siege in den nächsten anderthalb Jahren unter normalen Umständen für kaum möglich. Nach dem neuerlichen Debakel in Mugello sucht er eine neue Perspektive: "Es ist das gesamte Projekt, das wir überdenken müssen." Als erstes müssten die grundsätzlichen Fehler am Auto korrigiert werden. Selbst die PR-Lyriker fanden nur ein desillusionierendes Fazit: "Meilenstein erreicht, Ziele nicht."

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Valtteri Bottas

F1 Grand Prix of Tuscany

Quelle: Getty Images

Es sind die Samstage, an denen Valtteri Bottas den Glauben an sich als WM-Kandidaten gewinnt - oder verliert. Häufig ist der Finne bis dahin der bessere der beiden WM-Piloten. Er interessiert sich für die Simulator-Arbeit, er ist aufmerksam bei der Streckenbegehung. Lewis Hamilton vertraut mehr auf sein Talent und sein Gefühl. Auf der entscheidenden Runde, wenn es um die Pole-Position geht, ist der Brite dann häufig jenen winzigen Tick schneller. Auch in Mugello, womit es im internen Duell 7:2 für den Briten steht. Bottas lag diesmal nur um die Winzigkeit von 0,059 Sekunden hinter dem Rivalen, aber auf seiner letzten Runde hatte er wieder das Nachsehen - er durfte wegen einer Gelben Flagge nicht Vollgas geben.

Dafür legte er im Rennen einen Traumstart hin, ging an Hamilton vorbei - aber dann kam auch schon die Neutralisierung. Am Ende lag wieder der WM-Spitzenreiter vorn, und Bottas' ganze Verzweiflung drückte sich in einem Funkspruch an die Box aus: "Egal, welche Reifen ihr Lewis geben wollt - ich nehme die anderen." Aber es nutzte nichts, Hamilton hat nach der Saison-Halbzeit jetzt einen Vorsprung von 55 Punkten, das sind mehr als zwei Siege. "Ich werde einfach weiter Druck machen, irgendwann muss es sich ja mal auszahlen", hofft der ewige Zweite. Hamilton ist jede Attacke recht: "Valtteri treibt mich zu immer neuen Höchstleistungen."

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Lewis Hamilton

F1 Grand Prix of Tuscany

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Jetzt ist es nur noch ein Sieg, dann hat er Michael Schumachers Bestmarke von 91 Grand-Prix-Siegen eingeholt. So geschafft wie in Mugello war der Weltmeister selten, auch wenn das die Hamilton gegenüber ungewohnt kritische RTL-Moderatorenschaft eher als Bewerbung für Hollywood ansehen wollte. "Das waren heute drei Rennen an einem Tag, es war unglaublich hart. Mein Herz rast immer noch", hielt der WM-Spitzenreiter entgegen.

Er spürt aber wohl, dass er einen entscheidenden Schritt in Richtung siebten Titel gemacht hat. Rekorde wie sein 222. Punkteresultat sind ihm egal, "mir kommt das alles surreal vor." Noch. Die Botschaft, die ihm am Wochenende weit wichtiger war, trug er auf dem T-Shirt unter dem Rennanzug: "Verhaftet die Polizisten, die Breonna Taylor getötet haben." Dieser Protest ist Hamiltons individuelle Note in der Formel-1-Kampagne gegen Rassismus: "Wir können uns nicht ausruhen, wir müssen darauf aufmerksam machen." Eine Inspiration sei für ihn auch US-Open-Siegerin Naomi Osaka gewesen, die einen Mund-Nase-Schutz getragen hatte, auf dem Breonna Taylors Name stand.

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Mick Schumacher

F1 Grand Prix of Tuscany

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Es hätte nicht viel gefehlt, und Sebastian Vettel hätte den Ferrari F 2004 gekapert und ihn für eine Sonntagsausfahrt gegen seinen aktuellen SF 1000 getauscht. Doch die Ehre der Ehrenrunden mit dem letzten Weltmeisterauto von Michael Schumacher gebührte dessen Sohn Mick. Für den 21-Jährigen dürfte es einer der bedeutendsten Renntage seines Lebens gewesen sein: Die Führung in der Formel 2 übernommen, und dann den besten Ferrari der Neuzeit fahren zu dürfen, dafür hatte der Aufsteiger der Saison nur ein Wort übrig: "Unglaublich!"

Mugello, das war damals das Haupt-Testquartier der Roten gewesen, und Schumacher junior spürte den Gänsehautmoment: "Es war so eine Emotion dabei. Es ist eine Ehre, dieses Auto hier fahren zu dürfen." Und ein Fingerzeig, dass Ferrari mit der zweiten Generation im Hause Schumacher noch etwas vor hat. Sebastian Vettel konnte sich weder sattsehen noch satthören: "Das ist mein absolutes Lieblingsauto." Als Autosammler hatte er schon zuvor versucht, einen der Original-Rennwagen von damals zu erwerben, aber die seien "viel zu teuer" gewesen. Kleiner Tipp: Im Maßstab 1:43 ist er für 29,99 Euro zu haben.

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Alexander Albon

F1 Grand Prix of Tuscany

Quelle: Getty Images

Platz vier in der Qualifikation, das beste Saisonergebnis. Als Assistent von Max Verstappen in der Attacke auf Mercedes hatte sich Alexander Albon da noch gesehen. Doch der Niederländer, die gesetzte Nummer Eins bei Red Bull Racing, war schnell draußen, der Brite mit der thailändischen Rennfahrerlizenz auf sich allein gestellt. Am Ende stand der 24-Jährige neben den beiden Silberpfeil-Piloten auf dem Podium, der erste Podiumsplatz seiner Karriere, ein lang erwarteter. Er atmete durch: "Das wurde auch mal Zeit."

Das Cockpit Nummer zwei bei Red Bull ist ein Schleudersitz, auch Pierre Gasly und Danil Kwjat hatten es schnell wieder verloren. "Ich freue mich wirklich sehr für ihn", sagte Teamchef Christian Horner, nachdem Albon die Teamehre gerettet hatte, "weil er die Kritik eingesteckt und zurückgeschlagen hat. Er ist in den vergangenen Wochen immer stärker geworden." Druck und Gegendruck, sogar Sebastian Vettel wurde zwischenzeitlich als Ablösung für Albon gehandelt. Der scheint sich durch die starke Schlussphase in Mugello befreit zu haben, als er Daniel Ricciardo durch ein beherztes Manöver noch von Rang drei verdrängen konnte. Horner hat deshalb einen neuen Spitznamen für den Nachwuchspiloten gefunden: "Mister Außenrum."

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Sebastian Vettel

F1 Grand Prix of Tuscany

Quelle: Getty Images

Er hat es ja bald hinter sich. Und egal, was beim neuen Aston-Martin-Werksteam auf ihn zukommt, es kann nur besser werden für den vierfachen Weltmeister. Das britische Racing Green als Farbe der Hoffnung. Schon gibt Ferrari als Maxime für 2021 aus, dass man in der nächsten Saison unbedingt vor Vettel landen wolle. Es wird dem ehrgeizigen Heppenheimer ein Vergnügen sein, das zu verhindern. Mit seiner Vertragsunterzeichnung bei den Briten hat er seinem Noch-Arbeitgeber Ferrari eins auswischen können. Rachsüchtig ist Vettel nicht, eher deprimiert: "Ich hatte mir gewünscht, dass wir mehr abstauben als nur diesen einen Punkt, aber mehr war am Ende nicht drin." Zehnter bei zwölf Autos im Ziel, das führt zu einer simplen Aufrechnung: "Es gab heute nicht viele Autos, die langsamer waren als wir."

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Mugello

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Quelle: AFP

Die erste permanente neue Rennstrecke im WM-Kalender seit sechs Jahren, ein aus der Covid-19-Not geborener "Großer Preis der Toskana" - und ein Formel-1-Rennen, das den Vergleich mit der Action bei der MotoGP nicht scheuen muss, die für gewöhnlich im Autodromo Internazionale Station macht. Die Berg- und Talbahn ist der vielleicht flüssigste Kurs im Kalender, für die meisten Piloten ob der schnellen Kurven und hohen Fliehkräfte auch eine der anstrengendsten. Nicht ungefährlich, wie die Massencrashs gezeigt haben, was auch mit der etwas schmaleren Straßenbreite auf der sonst als Testpiste genutzten Strecke zu tun hat, die sich im Ferrari-Besitz befindet. Aber jeder kann sich hier seine Linie suchen, für die Unterhaltung ist das gut.

Die Diskussion um das schwierige Ende der Safety-Car-Phase hat mit der Strecke an sich nichts zu tun, viele Fahrer gaben eher der Rennleitung die Schuld. "Ich würde gern wieder zurückkommen", sagte Sieger Hamilton, "solche Strecken werden ja heutzutage gar nicht mehr gebaut. Jeder Fehler wird bestraft." Größeres Risiko, bessere Show - es bleibt ein schmaler Grat.

© SZ.de/chge

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