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Sebastian Vettel:Die Ein-Mann-Windmaschine

Sebastian Vettel nach dem Großen Preis von Hockenheim 2019

Endlich mal kein Desaster: Sebastian Vettel freut sich über Platz zwei in Hockenheim.

(Foto: AFP)
  • Beim Regenrennen auf dem Hoffenheimring beweist Sebastian Vettel, welch fantastischer Fahrer er ist.
  • Vettel profitierte bei seiner Fahrt von Platz 20 auf zwei von der richtigen Taktik. Er traute sich als erster Spitzenfahrer den Wechsel auf Trockenreifen zu - und hatte mit seinen Entscheidungen teils sein Team überstimmt.
  • Vettel trug mit seiner Leistung auch ein sehr überzeugendes Argument vor, weswegen er noch immer derjenige ist, auf den Ferrari setzen sollte.

Man weiß es ja nicht, vielleicht ist alles Zufall, auch Sebastian Vettel wird diesen irren Rennverlauf unmöglich vorhergesehen haben. Oder etwa doch?

Samstagnachmittag am Hockenheimring. In der Formel 1, und das gilt überall auf der Welt, werden im Anschluss an die Darbietungen auf der Strecke kleine Karrees aus mobilen Zaunelementen geformt. Inmitten dieser Vierecke stehen dann die Fahrer, und von außerhalb strecken ihnen Reporter ihre Mikrofone über die Absperrung entgegen. Die armen Fahrer sehen manchmal so aus, als wären sie in dieser Umzäunung gegen ihren Willen eingepfercht, was natürlich nicht stimmt. Niemand aber hätte es Vettel übel genommen, wäre er am Samstag ausgebüchst, hätte den Zaun gequert mit einem Hocksprung. Und dann auf nimmer Wiedersehen.

Sieben Kurven in der Formel 1

"Wie verrückt ist das denn?"

Die Qualifikation im Deutschland-Grand-Prix bedeutete für Vettel den Tiefpunkt in einer von Tiefpunkten gesättigten Saison. Und es war nicht seine Schuld. Ein Defekt am Turbo, keine einzige gewertete Runde, Startplatz 20. Beim Heimrennen! Obwohl die Ferraris in der Hitze von Hockenheim zuvor so rund gelaufen waren, dass Vettel sich zu Recht Hoffnung auf die Pole Position gemacht hatte. Und nun? Technisches Versagen auch bei Teamkollege Charles Leclerc, Platz zehn. Vettel stand also im Karree, gab allerlei Mürrisches von sich. Er war schon so gut wie weg, als ihm der Reporter vom Bayerischen Rundfunk noch eine Frage nachrief:

Ob sich denn die allerorten beliebte Vettel-Kritik nicht allmählich mal gegen jemand anderen richten müsse bei Ferrari? Vettel blieb stehen. Die Frage gefiel ihm, er überlegte. Drei, vier Sekunden. "Der Wind dreht sich schnell", antwortete er.

"Das Auto kam richtig zum Leben", sagte Vettel - und schoss von Platz 20 auf Rang zwei

Welcher Wind? Vettels Satz ließ sich gleich auf mannigfaltige Weise interpretieren. Meinte er den Wankelmut der Kritik in der Formel 1? Heute noch steht der Fahrer am Pranger, ein paar defekte Teile später aber der Teamchef Mattia Binotto, der auch Technikchef ist? Oder hob Vettel mal wieder ab auf eines seiner liebsten Themen? Es lautet: Macht nicht immer so viel Alarm, im Rennsport dauert die Entwicklung zu einem Spitzenteam halt sehr lange. In jedem Fall drehte sich der Wind.

24 Stunden später war Vettel vorgeblasen, von Platz 20 auf Rang zwei, und er war dafür ganz allein verantwortlich. In einem Rennen unter widrigsten Umständen, in dem der Regen mal stärker fiel, mal wenig stark, in dem die Rennstrategen Meteorologen sein mussten, die Piloten gezwungen waren, immer wieder zwischen profillosen und profilierten Reifen zu wechseln, in dem es reihenweise Ausrutscher gab und vier Einsätze des Safety Cars, da war Vettel der einzige Pilot aus dem Kreise der Spitzenfahrer, dem kein Fehler unterlief. Jener Vettel, der sich oft den Vorwurf anhören musste, er begehe ständig Fehler unter Druck. Dafür unterlief ihm nun kein einziger Fehler unter Extrembedingungen.

Max Verstappen? Startete als Zweiter, gewann das Rennen. Aber er verlor auf Trockenreifen die Kontrolle, drehte sich um 360 Grad, fing seinen Red Bull zumindest sehenswert ab. "Ich kann nun sagen, es war ein Dreher für die Galerie", sagte er. Lewis Hamilton? Rammte seinen Frontflügel auf Höhe des Boxeneingangs gegen die Mauer. Dann bog er ab zu seinen Technikern, fuhr die Box aber nicht regelkonform an und erhielt dafür eine Fünf-Sekunden-Strafe. "Das ist wohl der schlechteste Tag, den ich seit sehr, sehr langer Zeit hatte", sagte er. "Es war mein Fehler, und Fehler sind menschlich."