Formel 1 Vettel hat die Leichtigkeit verloren

Sebastian Vettel vor dem Rennen in Mexiko.

(Foto: AFP)
  • Ein siebter Platz beim Großen Preis von Mexiko reicht Lewis Hamilton, um sich seinen fünften Weltmeister-Titel zu sichern.
  • Sein härtester Konkurrent Sebastian Vettel fabrizierte in dieser Saison zu viele Fehler.
  • Motorsportgröße Ross Brawn kritisiert den Ferrari-Piloten. Er sei "von der Rolle".
Von Philipp Schneider

Am Abend, an dem nicht nur Lewis Hamilton dachte, er würde am nächsten Tag Weltmeister werden, hatte Hamilton Besuch von Matthew McConaughey. Man weiß das, weil Hamilton den amerikanischen Oscar-Preisträger in der Öffentlichkeit empfing. Hamilton hielt Hof, sozusagen.

Am Samstagabend saß, nein fläzte sich, Hamilton im Motorhome von Mercedes in Austin, Texas. Die Beine hatte er schön gemütlich abgelegt auf der feinen Ledercouch, die Mercedes in einer Ecke hinter einer Bar platziert hat. Der Raum war gut gefüllt mit Journalisten, weil Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas gerade eine kleine Pressekonferenz gab. Bottas murmelte sehr leise Worte in ein viel zu leise eingestelltes Mikrofon. Dass in den hintersten Stuhlreihen akustisch nicht viel ankam von Bottas' Analyse, lag allerdings nicht so sehr an Bottas und dem Mikrofon. Sondern an der fröhlichen Party, die Hamilton in der weichen Couch-Landschaft veranstaltete.

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Er plauderte nicht nur mit Matthew McConaughey, sondern gleich der ganzen Familie McConaughey. Seine zwei Söhne hatte McConaughey zur Audienz bei Hamilton mitgebracht, seine Tochter, dazu noch seine Ehefrau, das brasilianischen Model Camila Alves. Und sogar seine Mutter. Nebendran stand der Fotograf Paul Ripke, hielt mit der Kamera drauf. Und was wurde gelacht und gekichert auf Ripkes Bildern, die ja eigentlich entstehen sollten am Tag vor Hamiltons Fahrt zur fünften Weltmeisterschaft. Daraus wurde dann nichts.

Aber mal so gefragt: Wäre es denkbar, dass sich Sebastian Vettel so lässig geben würde am Abend vor einem großen Rennen? So stressverneinend wie Hamilton, dieser Rennfahrer, bei dem es die ganze Saison schon so wirkt, als fahre er gar nicht zum Titel, sondern der Titel zu ihm?

Es ist die Leichtigkeit, die Vettel abhanden gekommen ist, in seinem vierten Jahr bei Ferrari, in dem er so gerne seine erste Weltmeisterschaft mit der Scuderia gefeiert hätte. Vettel ist "von der Rolle" - so kommentierte Ross Brawn Vettels Erstrunden-Crash mit Daniel Ricciardo in Austin. Nach dem sich Vettel mal wieder gedreht hatte auf der Strecke, einmal rum, wie ein Reiter nach einem Abflug vom texanischen Bullen. "Die wichtigste Aufgabe" von Ferrari sei es nun, sagte Brawn dem Fachmagazin Autosport, "Vettel zu helfen, mehr aus seinem Riesentalent zu machen".

Talent? Hat ein viermaliger Weltmeister wie er dieses nicht längst bewiesen? Und falls ja: Was fehlt ihm dann?

Ross Brawn ist nicht irgendwer. Der 63-jährige Brite war in der Glanzzeit von Vettels Vorbild technischer Direktor bei Benetton und Ferrari, er coachte und trieb Michael Schumacher zu seinen sieben Weltmeisterschaften. Brawn, das Superhirn mit Dreitagebart und den großen Kopfhörern, sagte nun: "Ich will Vettel gewiss nicht anklagen, aber diese Zwischenfälle kann man nicht mehr als Zufall ansehen."

Es sind Zwischenfälle, die Vettel inzwischen selbst etwas unheimlich vorkommen. In Austin zeigte er die dritte Kollision im fünften Rennen nacheinander. Und jedes Mal war er es, der sich drehte, während sein Unfallpartner unbekümmert weiterfuhr. Hamilton fuhr weiter in Monza, Max Verstappen fuhr weiter in Suzuka, Ricciardo fuhr weiter in Austin. "Was ist nur mit Sebastian los? Hat er vergessen, wie man Rad an Rad kämpft?", fragt der ehemalige Formel-1-Fahrer Martin Brundle in Austin. Ach ja, die Dreher, sagt Vettel, sie "gehören schon zum Schema". Ein Satz, der Spuren von Galgenhumor enthalten mochte.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Vettel in diesem Jahr noch andere waghalsige Manöver zeigte als Dreher. In Baku verbremste er sich, verlor Plätze. In Frankreich kollidierte er mit Bottas. In Hockenheim vergrub er die Nase seines Ferrari in einer Werbebande, nachdem er in der regennassen Sachskurve in Führung liegend von der Strecke geflogen war.

An diesem Sonntag genügt Hamilton beim drittletzten Rennen der Saison ein siebter Platz, dann ist er fünfmaliger Weltmeister. Damit, dass Vettel auf dem in 2250 Metern Höhe gelegenen Autodromo Hermanos Rodriguez noch einmal die Entscheidung aufschieben könnte, rechnen sicher nicht einmal mehr die treuen Fans mit den roten Käppis auf Vettels guter, alter Kartbahn in Hemsbach bei Heppenheim. In Mexiko hat er noch nie gewonnen.

Vor einem Jahr reiste Hamilton mit 66 und nicht wie jetzt mit 70 Punkte Vorsprung an, in der ersten Runde krachte er mit Vettels Ferrari zusammen. Vor zwei Jahren wurde Vettel nachträglich wegen seiner Fahrweise von Rang drei auf fünf strafversetzt, in Erinnerung geblieben ist von diesem Rennen vor allem sein kleiner, dem Rennleiter Charlie Whiting gewidmeter, Wutausbruch über Funk: "Hier ist eine Nachricht für Charlie: Fuck off! Fuck off!" Später entschuldigte sich Vettel, er sei ja wohl ganz offensichtlich leicht "arrabbiato" gewesen. Also grantig.

Lewis Hamilton war, wenn die Erinnerung nicht trügt, zuletzt arrabbiato, nachdem seine Rennstrategen das Auftaktrennen in Melbourne vercoacht hatten, indem sie ihren Renncomputer mit falschen Zeiten programmierten. In Austin jedenfalls, am Tag nach seiner Feier mit Familie McConaughey, machte er im Rennen insofern alles richtig, als er nichts falsch machte.

In der Schlussphase kam er mit Tempo herangerauscht, schloss auf zum Zweitplatzierten Verstappen. Er probierte zu überholen, Verstappen machte den Weg zu, aber dann, ja dann zog sich Hamilton zurück. "Du hättest mich ruhig noch ein wenig abdrängen können", sagte Verstappen. "Bei dir weiß man nie", antwortete Hamilton. Zwei Wochen, nachdem Vettel mit jenem Verstappen kollidiert war, bei dem man ja tatsächlich nie weiß, was passiert, weil sein Fahrstil riskant ist, sagte Hamilton: "Meisterschaften werden nicht mit dummen Fehlern in Zweikämpfen gewonnen." Und es sei so: "Es gibt einen Teil in mir, der das Risiko eingehen will, um zu gewinnen. Aber dann gibt es die andere Seite in mir, die den Job erledigen will."

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