Formel 1:Nur der Wind pfeift im Monument Valley

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Formel 1: Wurde er seines achten WM-Titels im Vorjahr beraubt? Oder darf man das nicht sagen, weil es kein objektiver Kommentar wäre? Lewis Hamilton (Mitte) schreitet durch das Fahrerlager in Mexiko.

Wurde er seines achten WM-Titels im Vorjahr beraubt? Oder darf man das nicht sagen, weil es kein objektiver Kommentar wäre? Lewis Hamilton (Mitte) schreitet durch das Fahrerlager in Mexiko.

(Foto: Jared C. Tilton/Getty)

Max Verstappen und Lewis Hamilton werden von den Geistern der Vergangenheit eingeholt. Ein seltsamer Medienboykott des Teams Red Bull beweist: Sie haben das umstrittene Saisonfinale 2021 noch nicht verarbeitet.

Von Philipp Schneider

Der kleine Raum am Autódromo Hermanos Rodríguez, in dem sich die drei schnellsten Fahrer des Tages auf die Siegerehrung vorbereiten, ist an den besseren Tagen ein Ort der emotionalen Debatten und Agitation. In seinem Zentrum steht ein Fernseher, auf dem noch einmal die herrlichsten und manchmal auch deftigsten Überholmanöver gezeigt werden. Am Sonntag allerdings hockte der zweitplatzierte Lewis Hamilton vor dem Schirm, neben ihm standen der Sieger Max Verstappen und der drittplatzierte Sergio Pérez - sie sprachen kein Wort miteinander. Oh nein, sie glotzten und schwiegen.

14 Saisonsiege hat Verstappen nun erreicht, das gab es noch nie in 72 Jahren Formel 1

Sie betrachteten ein paar Überholmanöver von Daniel Ricciardo (Seltenheitswert!), ein bisschen Rennaction von Fernando Alonso (Klassiker!), und was sie leider nicht sahen: packende Rad-an-Rad-Duelle, die sie sich untereinander geliefert hatten. Worüber also sollten sie auch diskutieren? Darüber etwa, dass Hamilton chancenlos blieb, weil er von Mercedes den falschen Satz Reifen angeschraubt bekommen hatte, was Teamchef Toto Wolff als "Griff ins Klo" klassifizierte?

So hatte der alte und seit bereits drei Rennen als neuer Weltmeister feststehende Verstappen auf jene überlegene und beeindruckend reifenschonende Weise, die er schon die ganze Saison zur Aufführung bringt, auch den Grand Prix in Mexiko-Stadt gewonnen. Es war sein 14. Triumph im 20. WM-Lauf des Jahres, damit übertraf er die bisherigen Rekordhalter Michael Schumacher und Sebastian Vettel, die sich in ihren dominantesten Phasen jeweils 13 Pokale gegriffen hatten. 14 Siege, das gab es noch nie in 72 Jahren Formel-1-Geschichte. "Was für eine unglaubliche Saison", befand Verstappen, nachdem ihn ein Lastenaufzug gemeinsam mit seinem Rennwagen ins Rampenlicht gehoben hatte, "wir genießen das und wollen noch mehr." Applaus, Feuerwerk, Fanfare!

Pardon, kurz mal reingenörgelt in die schmetternden Hörner: Vielleicht ist es ja doch ein wenig schade, dass das Team von Red Bull Racing diese unglaubliche Saison nahezu exklusiv genießen muss. Vor einem Jahr standen Verstappen, Hamilton und Perez in Mexiko in exakt derselben Ordnung auf dem Siegertreppchen. Und als sie wieder abreisten, da trennten den Briten und den Niederländer in der Gesamtwertung gerade mal 19 Pünktchen. Diesmal sind es 200. In Worten: Zweihundert!

Der Rechteinhaber Liberty Media und die Formel 1 hatten das exakte Gegenteil eines lediglich vom Pfeifen des Windes begleiteten Soloritts Verstappens durchs Monument Valley geplant, als sie diese Saison mit der größten Techniknovelle seit Jahrzehnten einleiteten.

Die Herausforderung der Ingenieure, ein von Grund auf neues Auto konstruieren zu müssen, sollte die Autos - zusammen mit dem seit dem Vorjahr greifenden Kostendeckel - im Feld dichter aneinanderschieben. Dann zeigte sich, dass die aerodynamische Auslegung der Rennwagen so komplex geriet, dass doch wieder jene Teams mit den fähigsten Ingenieuren einen Vorteil hatten: allen voran Red Bull, das sich glücklich schätzen darf, den genialen Konstrukteur Adrian Newey zu beschäftigen. Während Hamilton gefühlt häufiger zum Osteopathen strebte als an die Box, weil das von permanenten Strömungsabrissen verursachte Auf und Ab seines Silberpfeils auf die Wirbelsäule durchschlug, begriff Newey als Erster, wie sich das Hoppeln von Verstappens Autos bändigen ließ.

Verstappen profitiert von Neweys Meister-Auto, lenkt dieses aber mit viel Feingefühl

Längst treibt die Konkurrenz die Sorge um, dass Red Bull diese Dominanz konservieren und so eine Ära dominieren könnte. Wie schwierig es ist, einen technischen Nachteil aufzuholen, das wissen sie nirgends so gut wie bei Mercedes. Nach der Einführung der Hybrid-Motoren 2014 ließen sie acht Jahre lang niemanden an sich heran und griffen sich alle Konstrukteurstitel. Ehe in dieser Saison Red Bull an ihnen freundlich winkend vorbeischoss, als stünde ihnen eine sogenannte Fast Lane für Priority Boarding zur Verfügung.

Hamilton brettert unterdessen auf einen traurigen Rekord zu: Zum ersten Mal in 16 Jahren Formel 1 wird er wohl eine Saison ohne einen Rennsieg beschließen.

Selbst wenn Verstappen in dieser Saison der Untertan von Neweys Meisterwerk ist, so lenkt er den RB18 mit derart viel Feingefühl um sämtliche Tücken des auf 22 Grand Prix aufgeblähten Rennkalenders, dass sich der Eindruck verfestigt, der Niederländer habe nach seinem ersten Titelgewinn noch einmal an fahrerischer Reife zugelegt. Er hält die Konzentration hoch, gibt sich unersättlich, obwohl beide Weltmeisterpokale längst verteilt sind. Dass an seiner professionellen Verbissenheit auch die Schatten des umstrittenen Vorjahresfinals Anteil haben, lässt sich nicht beweisen. Psychologisch nachvollziehbar wäre es. Manche Ereignisse wiegen so schwer, dass seelische Narben bleiben.

Die anarchische Safety-Car-Steuerung des Rennleiters Michael Masi am dritten Advent in Abu Dhabi war viele Monate das Trauma des damals um seinen achten Titel gebrachten Hamilton. Inzwischen ist es offensichtlich auch ein Trauma des damals von Masi im entscheidenden Moment (letzte Rennrunde!) zur Weltmeisterschaft gelenkten Verstappen. Die Gereiztheit, mit der er nun in Mexiko auf das Thema reagierte, lässt kaum andere Schlüsse zu.

Der Streit zeigt auch: Die Formel 1 ist so gelangweilt, dass sie Spaß an den eigenen Debatten findet

Der Boxenreporter Ted Kravitz, angestellt beim TV-Rechteinhaber Sky, hatte zuvor in einem seiner Beiträge von einer "geraubten Meisterschaft" (Englisch: "robbed") Hamiltons in der Saison 2021 gesprochen. Verstappen beklagte daraufhin "ein konstantes Reizen mit Respektlosigkeiten, besonders durch eine bestimmte Person". Und das Team Red Bull verhängte einen Medienboykott. Nicht nur gegen Kravitz. Nicht einmal nur gegen Sky Großbritannien, für das Kravitz arbeitet. Oh nein, auch gegen Sky Italia und Sky Deutschland - Sippenhaft für alle Sky-Mitarbeiter! Teamchef Christian Horner begründete den erstaunlichen Feldzug wie folgt: "Die Anschuldigung, dass die Meisterschaft geklaut wurde, stellt unserer Meinung nach keinen objektiven Kommentar dar."

Ist das so? Und selbst wenn: Rechtfertigt dies einen Generalboykott gegen eine ganze Sendergruppe?

Der Duden definiert das schwache Verb "rauben" als, erstens: "Eigentum eines anderen widerrechtlich und unter Anwendung oder Androhung von Gewalt in seinen Besitz bringen", was sich tatsächlich weder Michael Masi noch Red Bull vorwerfen lässt. Und zweitens als: "jemanden um etwas bringen". Das trifft zumindest auf Masi zu.

So zeigt der Streit zwischen Red Bull und Sky auch, dass die Formel 1 mangels Spannung gerade so gelangweilt davon ist, um sich selbst zu kreisen, dass sie Spaß an Debatten findet, die längst überwunden zu sein schienen. Und zur Wahrheit gehört auch: Dass die Erinnerungen an das vergangene Saisonfinale überhaupt wieder so stark aufleben, liegt daran, dass Red Bull soeben erst die gesamte Saison 2021 unfreiwillig ins Rampenlicht gehoben hat.

Weil das österreichisch-britische Team im Vorjahr als einziges die Budgetobergrenze überschritten hatte - sogar um 2,2 Millionen Dollar -, ist es vom Weltverband Fia zu einer Strafe von sieben Millionen Dollar und einem um zehn Prozent reduzierten Testprogramm im Windkanal verurteilt worden. Als Hamilton Gewissheit bekam, dass die Konkurrenz im Vorjahr nicht nur mit erlaubten Mitteln gekämpft hatte, weckte das auch wieder die Geister von Abu Dhabi, erzählte er unlängst der BBC. Er habe die Erinnerung daran zuvor "irgendwie vergraben" und sei weitergefahren. "Und dann kommt es wieder hoch und es ist wie ein weiterer Kick. Ja, das hat alles wieder irgendwie frisch gemacht."

In zwei Wochen kehrt die Formel 1 zurück an den Yas Marina Circuit. Rennleiter Michael Masi ist längst nicht mehr dabei, die Posse von Abu Dhabi hat ihn sein Amt gekostet. Dafür bleiben Verstappen und Hamilton. Mangels sportlicher Herausforderung dürften die Erinnerungen dann noch etwas frischer werden.

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