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Verletzungen im Skisport:Zwang, am Limit zu fahren

Alpine Skiing World Cup 2015/2016 Soelden - men's Giant Slalom

Kam gesund runter: Der amerikanische Riesenslalom-Spezialist Ted Ligety bei seiner Siegesfahrt auf dem Rettenbachgletscher.

(Foto: Gian Ehrenzeller/dpa)

Trotz einer Materialreform verletzen sich schon vor dem ersten Weltcup-Rennen der Saison einige Skifahrer schwer. Die neuen Skier haben nichts verbessert.

Kommentar von Johannes Knuth

Dustin Cook war an der Reihe, es dauerte länger, ehe er das Podium erklommen hatte, auf dem ein Ausrüster in Sölden gerade seine Skirennfahrer vorstellte. Cook humpelte. Er stützte sich auf zwei Krücken, Kreuzbandriss, kurz vor der Saisoneröffnung. Es war eine gut gemeinte Idee, ihn aufs Podium zu holen, die Skifamilie vergisst ihre Versehrten nicht. Aber irgendwie wurde der Kanadier doch zum Symbol für die Risiken und Nebenwirkungen seines Sports. Vor Cook war zuletzt bei Beat Feuz/Schweiz die Achillessehne und bei Matts Olsson/Schweden das Kreuzband gerissen, am vergangenen Mittwoch traf es Anna Fenninger, Österreichs Hochbegabte. Die Frage nach der Sicherheit klebte mal wieder an einem Weltcup-Wochenende. Haben die neuen Skier, die den Rennverkehr sicherer machen sollten, das Gegenteil bewirkt?

Vor drei Jahren hatte die Branche eine Welle an schweren Verletzungen hinter sich. Der Weltverband Fis musste etwas tun, also tat er etwas, vor allem bei den Riesenslalomskiern: Er veränderte den Radius, die Skier sind seitdem schlanker und länger, das sollte die Geschwindigkeit und Fliehkräfte reduzieren und damit auch die Verletzungen. Ob das eine gute Idee war, darüber drifteten die Meinungen damals, freundlich gesagt, auseinander. Mittlerweile kann man festhalten: Die neuen Skier haben das Skifahren nicht unbedingt gefährlicher gemacht. Es gibt Indizien, dass viele Stürze zuletzt dem Berufsrisiko geschuldet waren, manchmal können ja auch Hochbegabte nicht jene Kräfte bändigen, denen sie sich aussetzen. Aber sicherer ist der Sport dank der Reform wohl auch nicht unbedingt geworden.

Die Fis sammelt seit 2006 jede Wettkampfverletzung in einer Datenbank. Seit 2012, seit die Athleten den neuen Ski nutzen, habe sich die Lage entspannt; das sagen zumindest die Forscher der Universität Salzburg, die die Reform mit einer Untersuchung stützten. Karlheinz Waibel, Bundestrainer Wissenschaft im Deutschen Skiverband, findet: "Man kann überhaupt nicht davon sprechen, dass es sicherer geworden ist." Seit 2006 verletzten sich mal mehr, mal weniger Athleten, die Datenbank unterliege nach wie vor den üblichen Schwankungen, "bei den Frauen hat es sogar einen Anstieg schwerer Verletzungen gegeben", sagt Waibel.

Rennfahrer und Skifirmen hätten in den vergangen drei Jahren zwar gelernt, was das neue Material und Reglement hergeben. Die Athleten fahren schon wieder ziemlich enge Radien, weil Servicemänner Bindungen und Platten anders auf die Skier schrauben, weil sie Kanten derart schleifen, dass die Fahrer ihre Skier besser in den Schnee pressen können. Aber, so sagt Waibel: "Mit dem alten Ski konnte man ein wenig mogeln. Der neue Ski verzeiht kaum Fehler. Man muss die Skier seit der Umstellung am absoluten Limit fahren." Wer die Skier nicht im richtigen Winkel in den Schnee stellt, driftet oder rutscht aus. Das kostet viel Kraft und Konzentration. "Und das kann wieder zu Unfällen führen", sagt der Bundestrainer Waibel.

Man könnte auch sagen: Die Fahrer sind kaum weniger oder mehr verletzt als früher. Sie sind jetzt anders verletzt. Und deshalb stellt sich jetzt, drei Jahre nach der Materialreform, doch die Frage, ob sich die Fis nicht voreilig in eine Reform drängen ließ, die bis heute kaum das eingelöst hat, was sie versprach.

© SZ vom 26.10.2015

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